Manchmal bleiben Passanten verwundert stehen, wenn sie das Team von Sicilya Demir Spor in Istanbul Fußball spielen sehen. Der Grund: Hier spielen Frauen und Männer gemeinsam. Dabei geht es nicht nur um den Spaß am Sport, sondern auch um eine gesellschaftspolitische Botschaft.

Einmal pro Woche trifft sich das geschlechter- und nationalitätengemischte Team und möchte damit vor allem eines bewirken: Mehr Mädchen für  Fußball zu begeistern. Die Idee dazu hatte Delizia Flaccavento, die ursprünglich aus Sizilien kommt und deren Herkunftsort sich im Namen der Mannschaft widerfindet: “In meiner Kindheit war es so, dass ich sowohl mit Mädchen, als auch mit Jungs gespielt habe. Das war normal. Doch hier bleiben Frauen oft unter Frauen und Männer unter Männern. Dabei sind wir doch in erster Linie alle Menschen und es sollte egal sein, welches Geschlecht oder welcher Religion man angehört.“Sicilya_Demir_Spor_(8)

Sport sei da ein gutes Medium, um diese Trennungen aufzubrechen und für Kommunikation zu sorgen. Und besonders Fußball sei in der Türkei als ein “aggressiver” Männersport und als Tabu für Frauen gebrandmarkt, findet Spielführerin Ayşegül Selenga Taşkent: “Die Gesellschaft ist geprägt von einem Rollenspiel und dieses Rollenspiel fängt schon in der Gebärmutter an: Du bist ein Mädchen, das darfst du nicht“, erzählt Ayşegül aus ihren Erfahrungen.

Mädchen an den Ball bringen

Die Reaktionen auf die Aktion von Sicilya Demir Spor reichen von Begeisterung bis Beschimpfung. Das zeige einmal mehr, dass gemischte Fußballteams in der Türkei nichts Selbstverständliches seien, findet Delizia: „Manchmal starren uns Fußgänger während des Spiels an, weil sie das nicht kennen oder zum ersten Mal sehen. Einige beschimpfen uns, doch andere schauen zu und feuern uns an.”

Bei dem sozialen Projekt von Sicilya Demir Spor geht es auch darum, die Botschaft nach außen zu tragen. Beispielsweise hat das Team für Kinder Fußballspiele in Dörfern organisiert: „Einige der Mädchen haben da zum allerersten Mal Fußball gespielt“, erzählt Ayşegül.

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Auf dem Sportplatz in Istanbul sind die Spielregeln einfach: Fairplay! Keine Aggression oder Härte, vielmehr gehe es darum, sich zu beherrschen und Kontrolle über sich selbst zu bewahren. Auch eineN SchiedsrichterIn gibt es nicht; doch Delizia hat mit ihrem Temperament alles im Griff. Während des Spiels werden die Tore nicht gezählt, männliche Spieler dürfen nur die Passvorlage abliefern. Ist das dann nicht doch diskriminierend?

Sport als integratives Projekt

Bemerkenswert ist eher, dass Männer in diesem feministischen Projekt, was primär Frauen und Mädchen emanzipieren möchte, überhaupt willkommen sind. Sicilya Demir Spor will keine „faschistische“ Frauengruppe sein:  “Wir sind der Meinung, dass Männer an feministischen Bewegungen teilhaben sollten und sogar müssen. Um der Geschlechterdiskriminierung entgegenzuhalten, müssen wir gemeinsam dagegen handeln und das machen wir, indem wir auf dem Fußballfeld anfangen.“

“Coed Sport” nennt sich die geschlechtergemischte Form von Sport weltweit. In den USA existiert das schon länger und es werden sogar Turniere veranstaltet.  Das wünscht sich „Sicilya Demir Spor“ auch für die Türkei. Ein Anfang sei immerhin das Turnier “Mädchen aufs Feld” (Kızlar saha), an dem auch „Sicilya Demir Spor“ teilgenommen hat und wo Ayşegül sogar einen Pokal als „Beste Kapitänin“ gewonnen hat.

Sicilya_Demir_Spor_(7)Die Botschaft von „Sicilya Demir Spor“ ist für Gründerin Delizia simpel: “Together we are stronger”. Sport wird hier zum integrativen Projekt. „Sicilya Demir Spor“ plant, ein Spiel mit schizophrenen Menschen zu veranstalten. Vor kurzem haben sie bereits ein Spiel mit sehbehinderten Menschen ausgerichtet, bei dem sie sich selbst die Augen zugebunden haben. In der „Sicilya Demir Spor“ ist jeder willkommen. Die Hauptsache ist gegenseitiger Respekt und Zusammenhalt.

 

Text: Seda Sinanoğlu
Redaktion: Marlene Resch
Fotos: Navid Linnemann


„Sicilya Demir Spor“ gibt es auch auf Instagram.


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