Wir sitzen in einem schummerigen Café. Vor uns zwei Männer. Syrer, Flüchtlinge. Angekommen in Istanbul mit der Familie. Und nun verzweifelt, händeringend. Auf der Suche nach der Tochter, die plötzlich verschwunden ist. Serpil schaut die Männer an. Notiert sich auf einem Block das, was ihr berichtet wird. Umkreist bestimmte Worte. Nickt. Behutsam übersetzt ein Freund, was die Männer berichten. Im Hintergrund läuft Musik, die nach Sehnsucht klingt. Und wir rühren den Zucker in unseren Teetassen um.

Eine absurde Situation ist das. Fern von der gewohnten Istanbul-Realität. Einer Realität, die nach Meerwasser riecht, in der ältliche Männer in der Sonne sitzen, Katzen über die Dächer jagen und Musiker in den Straßen umringt von tanzenden jungen Leuten auf ihren Gitarren Lieder spielen. Eine andere Realität ist das. Eine, die sich in den Seitengassen abspielt, dort, wo Touristen sich selten hin verirren. Und doch ist sie so nah an den Orten dran, die sich in jedem Türkei Reiseführer finden lassen. Etwa hundert Meter entfernt von der Istiklal, der Haupteinkaufsstraße Istanbuls, geht es in das Viertel Tarlabaşı. Man lässt die Bierlokale, Restaurants und Feierlichkeiten Beyoğlus hinter sich, überkreuzt den Tarlabaşı-Boulevard und befindet sich plötzlich in fast leeren,  ungeteerten, unbeleuchteten Straßen. Hier leben viele Migranten, Flüchtlinge. Menschen, die in Istanbul nicht nach Vergnügen sondern nach Unterschlupf suchen.

Und genau hier hat sich die Mutfak-Organisation einen Ort gemietet. Serpil ist eine der vielen Mitglieder dieser Gruppe. Die Mutfak, auf deutsch “Küche”, wurde mit dem Gedanken gegründet, Ansprechpartner zu sein für die, die in Istanbul ankommen und hier ein Gefühl von Hilflosigkeit erleben. Und das Wort Ansprechpartner ist wohl das richtige, eines, das nach Partnerschaft, nach Ebenbürtigkeit klingt. Denn das, was die Mutfak nicht will, ist es, ein Hilfsverein zu sein. Eine Institution die von oben herab agiert. Hier gibt jeder, wie und wo er kann. Die Türkin hilft bei Behördengängen, der Syrer veranstaltet einen Kochabend, der Nigerianer organisiert eine Filmvorführung, die Deutsche gibt Englischunterricht. Ursprünglich begann alles damit, dass man sich in Tarlabaşı zum gemeinsamen Kochen und Essen austeilen traf, daher der Name. Inzwischen gibt es Sprachkurse, Mal- und Bastelveranstaltungen für Kinder, Kunst- und Kulturveranstaltungen und insbesondere ein riesiges Netzwerk aus Menschen, die der Mutfak nahestehen. Es gibt Kontakte zu Anwälten, Frauengruppen, Polizisten, –  ein Netzwerk, das sich über die ganze Türkei und ihre Grenzen hinweg spannt. Jeder und jede gibt, was  sie geben können. Jeder unterstützt die Gemeinschaft mit seinen Fähigkeiten. Und jeder ist willkommen.

Serpil ist seit drei Jahren Mitglied in der Mutfak, 2011 kam sie für ihre Doktorarbeit in die Türkei. Deutschland war ihr zu klein, zu eng geworden und das Gefühl: ,,du bist anders” hatte sie zu lange erlebt. Sie bedauert die Ausgrenzung, die sie erfahren hat, nicht. Jetzt nicht mehr. Das hat sie geprägt, stattete sie mit Fähigkeiten aus, von denen sie nun profitiert. ,,Ich wollte mich hier in Istanbul, in der Mutfak, mit dem, was ich geben kann engagieren. Ich kann zu einem bestimmten Grad die Sprachlosigkeit und Ohnmacht derer nachvollziehen, die nach Istanbul kommen – vielleicht kommen müssen und meist ausschließlich als Fremde betrachtet werden. Die das Gefühl haben, allein zu sein.” Es gibt ihr ein gutes Gefühl, mit ihrer Erfahrung anderen Menschen zur Seite stehen zu können. Und oft ist es vor allem das, was die Mutfak vermittelt: ein Gefühl des Zur-Seite-Stehens. Denn dadurch, dass die jungen Menschen sichtbar werden, dass sie sich jede Woche in dem Viertel treffen, von dessen Betreten jeder Reiseführer abrät, und zum Gespräch, kochen, gemeinsamen Lernen, zum Musizieren einladen, fühlen sich die Menschen ohne Zuhause ein bisschen sicherer, wohler und nicht mehr allein.

Früher hat Serpil vor allem Türkischunterricht gegeben. Inzwischen hilft sie vorwiegend Menschen bei Behördengängen und ist Ansprechpartnerin für bestimmte Immigranten und Flüchtlinge, die sie durch die Mutfak kennengelernt hat. Sie wird dann gefragt: “Serpil, du kennst dich aus, kannst du vorbeikommen?”. So war es auch, als das syrische Mädchen verschwand. Man bat Serpil, sich auf ein Gespräch mit der Familie zu treffen.

Prüfend blickt sie die Männer an. Lässt sich die Umstände genau erklären. Fragt nach, wenn ihr etwas unklar erscheint. Fragt nach, wie es um den offiziellen Status der Familie aussieht. Sie kennt sich inzwischen sehr genau mit der türkischen Flüchtlingspolitik aus. Sie weiß, an wen sie sich wenden kann, weiß, welche Möglichkeiten es gibt, nach dem Mädchen zu suchen. Und sie weiß leider auch, wie gering die Chancen sind, ein verlorengegangenes Mädchen wiederzufinden, wie grausam der Krieg ist und welche Konsequenzen er mit sich bringt. Über zwei Millionen Flüchtlinge aus Syrien sind inzwischen in der Türkei angekommen. Und es gibt bei Weitem nicht genug Infrastruktur um diese Masse an Menschen unterzubringen und ihnen Sicherheit zu bieten. Viele sind obdachlos und betteln, um zu überleben.

Manchmal ist Serpil müde. Müde von der erdrückenden Realität, vor der sich viele verschließen. Manchmal geht es ihr zu nahe. Da fragt sie sich, warum sie nun Geld für ein weiteres paar Schuhe ausgibt, wenn Kinder auf der Straße schlafen. Da lassen sie Geschichten nicht los. Geschichten von Asylanten, die abgeschoben werden, von Kindern, die bis spät in die Nacht auf Plastikinstrumenten auf der Istikal spielen müssen, um Geld für die Familie zu verdienen. Von dem oder der, die ihre Hilfe will, doch die sie nicht geben kann. Da ist es schwer, den Sprung von Tarlabaşı zurück nach Beyoğlu zu machen. Dort wo Touristen an ihr vorbeiströmen. Wo die Nächte durchgefeiert werden und wo tagsüber die jungen Damen von einem zum anderen Kaufhaus ziehen um sich die perfekten Kleider für die Herbstsaison zu kaufen. Manchmal, da kämpft Serpil mit diesen zwei Realitäten. Und doch gerade dadurch, dass es Menschen gibt, die sich in dieses Spannungsfeld begeben, kann die Brücke gebaut werden. Bei den Musikabenden der Mutfak lernen sich Erasmusstudierende und Flüchtlinge kennen. Durch angebotene Sprachkurse brechen die Teilnehmenden aus der Isolation aus. Serpil weiß von Geschichten in denen Menschen nun offiziell in der Türkei bleiben dürfen, von Diabetikern, die nun von Ärzten versorgt werden. Von vielen, vielen Menschen, die sich wohl, warm und ernstgenommen fühlen. Und es sind Geschichten, von denen Serpil ein Teil ist.

Serpil packt ihren Block zusammen. Ruhig und ernst erzählt sie von den Optionen. Wen sie kontaktieren kann, auf welchen Teil des Netzwerkes der Mutfak sie zurückgreifen kann. Es gibt bestimmte Organisationen, mit denen sie sich kurzschließen wird. Außerdem will sie es erneut bei der Polizei versuchen. Auch hier bietet sie Vermittlung zwischen der Familie und den Behörden an. Ob das Mädchen gefunden wird, das weiß sie nicht. Aber sie ist als Ansprechpartnerin da. Diese Familie, dieses Mädchen ist nicht allein.

Wer mehr über die Mutfak erfahren möchte kann sich hier auf der Hompage informieren.

Text: Marie Hartlieb
Bilder: Sofie Puttfarken