Was bleibt nach einem Aufenthalt in Istanbul? Das ist eine Frage, die uns öfter mal herumtreibt. Denn Istanbul ist ein ständiges Kommen und Gehen, ein Verabschieden auf Dauerschleife, Trennung und Bindung zugleich. Charlotte Schmitz, eine Freundin und MAVIBLAU-Ideengeberin aus den Anfängen, geht nun auch wieder. Als sie in Istanbul ankam, porträtierten wir sie: die Fotografiestudentin, die sich in Balat niedergelassen hatte und dort mit ihrer Kamera das Viertel und seine Menschen, die meisten von ihnen Sinti und Roma, fotografisch einzufangen versuchte. (Hier geht es zum Artikel)

Nun, zwei Jahre später, verlässt Charlotte Istanbul. Mit Pauken und Trompeten. Genauer gesagt mit Trommeln und Klarinette – am Eröffnungsabend ihrer Fotoausstellung in Balat. Aus den anfangs zaghaft geschossenen Bildern in den Häusern ihrer Nachbarinnen hat Charlotte einen Stil entwickelt, der nun das Konzept ihrer Ausstellung charakterisiert. “Ich wollte nicht in deren Privatsphäre eindringen. Viele tragen ja auch Kopftücher draußen und wollen nicht einfach so abgebildet werden”, erklärt sie uns. Deshalb hat sie Bildausschnitte gewählt, die die Welt hinter den Gardinen erahnen lassen, die Frauen aber dabei nicht bloßstellen und gerade dadurch einen viel intimeren Einblick in ihr Leben bieten. Diese Bilder hat sie nun für ihre Ausstellung aufbereitet, kuratiert von Cemre Yeşil.

Die Ausstellung, so fand Charlotte, musste dort stattfinden, wo ihre Frauen diese auch sehen konnten. Sie wählte das Haus in Balat, das für zwei Jahre ihr Zuhause war und durch das Charlotte Istanbul und die Türkei kennenlernte. Für die Ausstellung ist es nun komplett leergeräumt doch in den Bildern erkennt man die Spuren, die Charlotte in Balat und Balat in Charlotte hinterlassen hat. Mit ihrer Ausstellung: “Çok güzelim, Çok güzel” konnte sie ihren Aufenhalt in Istanbul abrunden und bringt bei der Ausstellungseröffnung die unterschiedlichsten Menschen in einer ganz besonderen Atmosphäre zusammen: Freunde von Charlotte, Mitglieder der deutschen Community, Künstler und Künstlerinnen mischen sich unter die Nachbarschaft Balats. Kinder rennen durch die Räume und entdecken ihre Freunde auf den Bildern an den Wänden. Es gibt Cola, Wein und Zuckerwatte und vor dem Haus tönt laut Gypsy-Musik. Die Band des Stadtteils spielt auf der Straße und alle tanzen verschwitzt und lachend mit.

Charlotte hat viel in Bewegung gebracht. In sich, in den Menschen um sie herum. Balat hat sie gezeichnet. Wörtlich. Auf ihrem Arm hat sie sich ein Tattoo stechen lassen, eine Erinnerung an Istanbul sollte es sein. Daraus entstand eine Skizze der Umrisse Balats. “Ich bin so froh, die Türkei so kennengelernt zu haben”, sagt Charlotte zufrieden.
Es ist bei jedem, der fremd und neu in dieses Land kommt, ein wirklicher Zufall, wie er die Türkei und ihre Menschen verstehen wird. Es ist abhängig davon, wer einem begegnet und wer einem dieses Land erklärt. Für Charlotte war das vor allem Balat und die Frauen dieses Viertels. Charlottes Türkei wurde dadurch bunt, laut, immer unterlegt mit dem 9/8 Takt. Und ihre Frauen zeigten ihr ein Leben in patriarchalischen Strukturen und immerwährenden Fragen nach Schönheit, Männer finden, Kinder kriegen. Doch die Frauen zeigten ihr auch, wie diese Strukturen uminterpretiert werden und zum eigenen Nutzen angewendet werden. Und dass Schönheit tief geht und den vorhandenen gesellschaftlichen Maßstäben trotzig ins Gesicht blicken kann. “Çok güzelim, Çok güzel.” Ein Fotobuch in pink ist aus Charlottes Bildern entstanden. Und es ist doch keinesfalls ein Mädchenbuch.

Charlotte ist zufrieden mit dem materalisierten Abschluss ihrer Türkeierfahrung. Und sie freut sich nun erstmal auf die Rückkehr. Auch, um ihre Erfahrung aus einer anderen Perspektive betrachten zu können. Mit Abstand. “Istanbul, das wird immer ein Ort in meinem Leben bleiben, wohin ich oft zurückkehre”, sagt sie. Ob sie ihn aber noch einmal zu ihrem Lebensmittelpunkt machen wird, das weiß sie noch nicht.

Also, was bleibt nun, nach diesem Aufenthalt? Für Charlotte unglaublich viel: Balat, das wortwörtlich ein Teil von ihr geworden ist. Kontakte ihrer Frauen auf Whatsapp. Bilder und ein pinkes Buch, das von so vielen Menschen, so vielen Begegnungen erzählt. Und irgendwo bleibt auch dieses Gefühl, diese Ahnung, dass Istanbul sowieso nie abgeschlossen werden kann und dass es bald ein Wiedersehen gibt.

Charlottes Ausstellung kann man sich bis zum 5. Oktober in Balat unter folgender Adresse ansehen:

Yıldırım Caddesi No 112,
Balat Nahe Busstationen: BALAT oder FENER
Besuchzeiten 12-19h

Telefonnummer: 05372596417

 

Text: Marie Hartlieb
Bilder: Umit Okan
Redaktion: Tuğba Yalçınkaya