Beim armenischen Fest “Vardavar” bespritzen Kinder die Menschen auf den Straßen mit Wasser. Auch in Teilen der Türkei ist diese Tradition zu finden. Doch woher kommt dieser Brauch?

Armenien im Juli: Du läufst nichtsahnend durch die Straßen der Metropole Jerewan und plötzlich rennen lachende Kinder auf dich zu und bespritzen dich mit Wasser. Wie reagierst du? Natürlich freust du dich, dass du an einem heißen Juli-Tag unerwartet eine willkommene Abkühlung bekommst. Noch besser: Du lachst, gratulierst den Kindern zu ihrem nationalen Feiertag und schaust, dass du ebenfalls Wasser findest, um die Kinder mit Wasser zu bespritzen. Das dürfte in Jerewan auch gar nicht so schwierig sein, denn Trinkwasseranlagen befinden sich an jeder Ecke der Stadt.

Der Anlass für das gegenseitige Bespritzen mit Wasser heißt „Vardavar“ und ist ein armenisches Fest, das 14 Wochen nach Ostermontag stattfindet. Die Bedeutung des Namens ist übrigens bis heute nicht geklärt, zur Verfügung stehen folgende Übersetzungen: „Das Glühen der Rose”, „Das Bespritzen mit dem Wasser”, „Rosenbrand” oder auch „Feuerbrand”. Auch wenn Vardavar heute als rein christliches Fest gilt, liegen seine Ursprünge im kaukasischen Heidentum. Der altarmenischen Göttin der Liebe, Schönheit und des Wassers, Asthgik, wurden in vorchristlichen Zeiten Rosen geopfert.

Dieses Jahr findet Vardavar am 28. Juli statt und wird nicht nur in Armenien, sondern in der gesamten armenischen Diaspora, die sich größtenteils in Amerika, dem Iran, dem Libanon, Frankreich und durch den Syrien-Krieg nun auch europaweit befindet, gefeiert. Außerdem auch an zwei Orten an der türkischen Schwarzmeer-Küste: Nämlich Çamlıhemşin und Hemşin. Beide Städte gehören zum Landkreis Rize und liegen in der Nähe der türkisch-georgischen Grenze. Dort leben kleine Gemeinden der sogenannten „muslimischen Armenier*innen“. In der türkischen Bevölkerung ist die Gruppe wenig bis gar nicht bekannt, dafür finden sie in der armenischen Diaspora sehr große Beachtung und wurden mehrmals Gegenstand wissenschaftlicher Studien zur westarmenischen Sprache, die mehrheitlich von den bis 1915 in der Türkei lebenden Armenier*innen gesprochen wurde.

Hemşin wird das erste Mal im 8. Jahrhundert von einem armenischen Prinzen erwähnt. Im 14./15. Jahrhundert fällt die damals überwiegend christlich-armenische Region in die Hände der Osmanen und wird dann islamisiert. Ein Teil der Hemşinli floh daraufhin in die Nachbarländer Georgien, Russland, und Abchasien im Kaukasus, um der Islamisierung zu entgehen. Der andere Teil wurde nun muslimisch, sprach aber weiterhin einen westarmenischen Dialekt namens Homschezi.

Innerhalb dieser Gruppe gab ein weiterer Teil im 19. Jahrhundert das Armenische vollkommen auf und sprach fortan Türkisch. Als ein Wissenschaftler diese Gruppe in den 70ern besuchte, um ihren Dialekt linguistisch zu analysieren, war sich viele Sprecher*innen nicht bewusst, dass sie einen armenischen Dialekt sprechen.

Heute verstehen sich die meisten Hemşinli als Türk*innen mit muslimischem Glauben, deren Vorfahren Armenier*innen gewesen sind. Der armenisch-libanesische Wissenschaftler Hovann Simonian, dessen Vorfahren vor 1915 im südostanatolischen Antep lebten, legte seinen Forschungsschwerpunkt auf den Nordosten der Türkei und schätzte die Anzahl an Hemşinli in der Türkei im Jahr 2004 auf 100.000.

Für die meisten Armenier*innen, die in Armenien leben, sind die Hemşinli zwar Armenier*innen, aber aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer anderen Religion als dem christlich-orthodoxen Glauben, „versteckte Armenier*innen“, da sie durch die Konversion die Zugehörigkeit zum „Urglauben“ verloren. Denn die armenische Identität ist traditionell sehr eng an das Christentum gebunden, immerhin sind die Armenier*innen das erste christliche Volk der Welt.

Während die Hemşinli also Gegenstand zahlreicher, unterschiedlicher Forschungsthesen und umstrittener Diskussionen wurden, begnügen sich die Hemşinli damit, sich öffentlich nicht zu ihren Ursprüngen zu äußern und feiern weiterhin armenische Feste wie Vardarvar.

Text: Ilgın Seren Evișen
Illustration: Seda Demiriz