Musik ist oft ein Ventil, um das auszudrücken, was einem wirklich an die Nieren geht. Insbesondere, wenn Sprache allein nicht reicht. Diese Aufgabe hat Musik im deutsch-türkischen Kontext schon oft übernommen, über Generationen und Stilrichtungen hinweg. Ein Musikalbum gab dabei quasi den Startschuss. Das war 1984. Es war das erste Album, das von einer türkischen Musikgruppe bei einer regulären deutschen Plattenfirma auf den Markt kam. Und es hieß, wie könnte es anders sein: “Die Kanaken”.

Cem Karaca, Rockmusiker aus der Türkei, brachte das Album zusammen mit seinen Künstlerfreunden, der Musikgruppe “Die Kanaken” heraus. Er selbst war 1979 nach Deutschland gekommen, aus der Türkei war er ausgebürgert worden. Man warf ihm vor, die Menschen mit seinen gesellschaftskritischen Liedern gegen den Staat aufzuwiegeln. Trotz seiner Ausbürgerung hatte der gute Mann nichts dazugelernt und fing nun in Deutschland an, Lieder zu verfassen, bei denen er die Missstände in der deutschen Gesellschaft im Bezug auf die Gastarbeiter kritisierte – glücklicherweise, denn so gab er dem ganzen gesellschaftlichen Kuddelmuddel eine Stimme und damit eine in Worte und Noten gefasste Perspektive, die bis dahin noch viel zu leise formuliert war.

Sein Lied “Es kamen Menschen an”, dessen Titel eine Referenz zum Zitat von Max Frisch (“Es wurden Arbeiter gerufen, doch es kamen Menschen an”) darstellt, wurde zu einer Art Gastarbeiterhymne.

Dieses Lied ist Teil des Albums “Die Kanaken”, das einzige deutschsprachige, was der Sänger je herausbrachte. Es ist ein Album, das vollbepackt ist mit Geschichten und Kritiken, die die Lebenswege und Mühen von Gastarbeitern porträtieren.

Die Platte ist es ein rundum interkulturelles Projekt. Neben der Zusammensetzung der Musiker ist auch die Komposition und Verbindung unterschiedlicher Stile Ausdruck dieser Vielfalt. Deutsche Worte werden musikalisch von Elementen des Anadolurock untermalt. Harte, schnelle Beats schärfen die ohnehin sehr klaren, einfachen, oft auch bitteren Texte, die aber immer noch mit einer gewissen Leichtigkeit, die zwischen Gleichgültigkeit und Sarkasmus schwankt, herausgepfeffert werden. Das rollende “R”, mit dem Cem Karaca die Texte bestückt, wirken wie eine Mischung aus türkischem Akzent und deutscher Aussprache der Nachrichtensprecher der 50er 60er Jahre. Spricht hier der anonyme deutsche Staat? Ein distanzierter, gleichgültiger Beobachter? Oder ist es einer, der mittendrin ist im Konflikt? Der die Schwere des Lebens in der Fremde mitzutragen versucht, in dem er ihr eine Stimme gibt?

Inhaltlich beschäftigt sich jedes Lied mit unterschiedlichen soziale Missständen. Die Ablehnungshaltung der deutschen Gesellschaft, das Gefühl der Heimatlosigkeit, die Bürde der Arbeit und Arbeitssuche und immer wieder das Anderssein. Der Graben zwischen “wir” und “ihnen”, zwischen “dir” und “mir” wird seziert und besungen. Erzählt wird, wie durch die Wahrnehmung der Masse die Menschlichkeit keine Chance hat, Ausdruck zu finden.

Es ist eine Platte, die großes Leid besingt und deren Hauptaufgabe es ist, Kritik zu üben, auf Wunden, die in der Gesellschaft bestehen, hinzuweisen. Damit steht dieses Album und seine Musik auch in der Tradition deutscher Rockbands, die sich in den 70ern durch die Friedensbewegung bildeten. Und sie steht durch ihre Veröffentlichung bei einer deutschen Plattenfirma auch für ein gewisses Ankommen der Menschen aus der Türkei in Deutschland. Dadurch, dass Geschichten erzählt und gehört werden. Durch sie bekommt die Masse ein Gesicht der Menschlichkeit.

Cem Karaca wurde am 1987 amnestiert und entschied sich, in die Türkei zurückzukehren. 2004 starb er in Istanbul. Mit seinem Wirken in Deutschland wie der Erstellung des Albums “Die Kanaken” hat er die deutsch-türkische Musikgeschichte stark mitgeprägt.

Text: Marie Hartlieb