Am 27.04.2019 haben wir als Kulturplattform MAViBLAU e.V. sechzehn Menschen mit türkeibezogener Biografie dazu eingeladen, sich einen Tag lang durch kreatives Schreiben mit Themen wie Identität, Zugehörigkeit und Gesellschaft auseinanderzusetzen. Das Ziel der Veranstaltung war es, Menschen, die sich in mehreren Kulturen beheimatet fühlen, für ihre eigene Biografie zu sensibilisieren und im Austausch mit anderen Stärke daraus zu generieren.

Ermöglicht wurde der Workshop durch die Förderung vom KALEIDOSKOP Berlin, einem Projekt des Interkulturellen Kompetenzzentrums für Migrant*innenorganisationen und Geflüchteteninitiativen Berlin (IKMO), des Türkischen Bunds in Berlin-Brandenburg (TBB) und der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales.

Wie bin ich eigentlich der Mensch geworden, der ich bin? Das war eine der zentralen Fragen des eintägigen Workshops, die von den Teilnehmer*innen unterschiedlicher Generationen reflektiert und beleuchtet wurden. Denn wir alle erleben uns sowohl als einen Teil der Gesellschaft und gleichzeitig als Individuum. Aber wie beeinflussen sich diese beiden Erfahrungen gegenseitig und was machen sie mit unserem Heimatgefühl und unserer Identität? Vor allem, wenn auf die eigene Biografie nicht mehr das Konzept von nur einer Heimat zutrifft.

Die Workshopleiterinnen, Tuğba Yalçınkaya und Carina Plinke, luden zu Beginn die Teilnehmer*innen ein, sich selbst und ihre persönlichen Beweggründe, am Workshop teilzunehmen, vorzustellen. Schnell wurde klar, dass sie alle – so unterschiedlich ihre individuellen Geschichten auch waren – von denselben Lebensfragen  geleitet wurden. Mittels verschiedener Schreibtechniken und Aufgaben horchten die Teilnehmer*innen immer tiefer in sich hinein und warfen sehr persönliche Fragen in den geschützten Raum. Wo habe ich, als Mensch mit mehreren Verwurzelungen und kulturellen Identitäten, meinen Platz im Leben und in der Gesellschaft? Wo blühe ich auf, was nährt mich und was gibt mir Halt? Und andersherum, wo habe ich Konflikte erlebt, mit meiner Identität und Zugehörigkeitsgefühl(en) angeeckt und wie gehe ich damit um?

Abgesehen vom tiefen Blick ins Innere, wurde auch die die Außenwelt thematisiert. Wie erleben junge Menschen mit hybriden Identitäten das Leben in unserer heutigen Gesellschaft? Schlüsselereignisse wie 9/11, die NSU-Morde oder die Silvesternacht in Köln haben nicht nur den öffentlichen Diskurs der Heimatgesellschaft negativ beeinflusst. Auch auf persönlicher Ebene haben die Teilnehmer*innen im Umgang mit der Mehrheitsgesellschaft teilweise deutlich zu spüren bekommen, wie salonfähig Rassismus – spätestens seit dem Erstarken der Rechten – wieder geworden ist. Diese sehr schmerzlichen Erfahrungen im geschützten Raum auszusprechen wurde von den Teilnehmenden als befreiend und empowernd empfunden.

Der Workshop gab allen die Möglichkeit, sich offen und tiefgehend unterschiedlichsten Fragen zu widmen. “Das war eine tolle Stimmung, sehr vielfältige Aufgaben und wahnsinnig emotional für mich,” sagt eine Teilnehmerin über den gegenseitigen Austausch im Workshop. Eine andere fügt hinzu: “Es war Balsam für die Seele und hat sich ein bisschen wie Gruppentherapie angefühlt.” Bemerkenswert ist in jedem Fall die Tatsache, dass sich sechzehn Menschen auf engstem Raum und in kürzester Zeit voreinander und vor sich selbst geöffnet haben. Das Vorlesen der selbstverfassten Texte gab dem Tag eine sehr persönliche Note und zeigt, dass sich jede*r damit wohl fühlte, die eigenen Gedanken und Gefühle im geschützten Raum zu teilen. “Besonders gut gefallen hat mir der Austausch mit den vielen spannenden, unterschiedlichen und starken Charakteren, mit denen man viel mehr gemeinsam hat, als man am Anfang gedacht hätte,” so ein weiterer O-Ton aus der Runde.

Dies lag nicht zuletzt daran, dass die Teilnehmenden merkten, dass sie mit ihren Fragen nach Zugehörigkeit, Identität und Heimat nicht alleine sind und auch viele andere ihre multiplen Lebensrealitäten teilen. Identitäten gleichen Mosaiken, die sich für jede*n Einzel*nen aus persönlichen Erfahrungen und Gefühlen zusammensetzen. Wieso sollte man sich aufgrund von äußeren Identitätszuschreibungen also in Schubladen stecken lassen oder gar unter Rechtfertigungsdruck geraten, wie man ist oder zu sein hat? Auch das Konzept von Heimat ist in der heutigen Zeit nicht mehr starr und einseitig defininierbar. Besonders für Menschen mit mehreren Wurzeln ist Heimat vielseitig erlebbar und, da waren sich alle einig, mehr an ein Gefühl als an einen Ort gebunden.

Was bleibt zum Abschluss also zu sagen? Das Miteinander im Workshop hat die Teilnehmenden so beflügelt, dass sie ihre Gespräche danach noch lange weitergeführt haben. “Ich habe mich in dieser wunderbaren großen Runde, in so vielen Menschen wiederentdecken können, was mir auch in meinem Selbstwertgefühl hilft und mir einen noch positiveren Zugang zu mir, meiner Geschichte und meinen (verborgenen und ungeschliffenen) Talenten verschafft.”

Text: Larissa Meltem Ordu
Bilder: Seda Sinanoğlu