Barış Manço ist unbestritten eine Legende in der türkischen Musikwelt. Er war einer der erfolgreichsten Musiker in der Türkei und komponierte mehr als 200 Lieder. Auch als Fernsehmoderator und Schauspieler war er tätig. Sein Markenzeichen waren sein Schnurrbart und seine langen Haare. Zusammen mit vielen anderen Musikern wie Murat Ses und Engin Yörükoğlu gründete er die Band Kurtalan Ekspres.

Dass aus Barış Manço später einmal etwas Besonderes wird, war schon seit seiner Geburt klar. Er kam am 2. Januar 1943 zur Welt, inmitten des zweiten Weltkrieges. Da seine Eltern sich nichts sehnlicher als Frieden auf der Welt wünschten, nannten sie ihren Zweitgeborenen kurzerhand “Barış“, was “Frieden“ bedeutet. Er war der erste Türke, der den Namen Barış bekam.

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Barış Manço war ein Mann, der nicht nur mit seiner Musik faszinierte, sondern auch mit seinem Wissen die Menschen zu beeindrucken vermochte. Immer versuchte er, die Sprachen seiner bereisten Länder zu erlernen. Barış Manço war der Meinung, dass durch die Sprachen die Kultur und das Land besser verständlich würden und er liebte es mit den Einheimischen in deren Sprache zu kommunizieren. Im Laufe seines Lebens lernte er neben Türkisch Französisch, Englisch und Japanisch fließend zu sprechen.

Die Bedeutung seiner Songs

Den Song “Domates Biber Patlıcan”, auf deutsch “Tomate, Paprika, Aubergine” veröffentlichte Barış Manço im Jahre 1989. Was zunächst nach Kochrezept oder Gemüseladen klingt, ist tatsächlich ein Liebeslied an seine Kindheitsliebe.

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Der Song erzählt davon, dass Barış nie den Mut fassen konnte, seine Liebe dem Mädchen gegenüber zu gestehen. Eines Tages erfuhr er jedoch, dass die Familie seiner Liebe umziehen würde. Das war der Moment, in dem er seinen ganzen Mut zusammennahm und zu ihr ging. Genau in dem Moment, als er ihr seine Liebe gestehen wollte, schrie ein Mann im Hintergrund so laut “Domates, Biber, Patlıcan”, dass Barış übertönt wurde. In jener Zeit war es in der Türkei üblich, auf der Straße mit einem Holzwagen durch den Bezirk zu laufen und Obst und Gemüse zu verkaufen.


Tam elini tutmak üzereyken
Aşkımı itiraf edecekken
Sokaktan gelen o sesle
yıkıldı dünyam
Domates biber patlıcan

Genau, als ich deine Hand halten wollte
und meine Liebe gestehen wollte,
kam die Stimme, die die ganze Straße übertönte
und meine Welt zerfiel.
Tomate, Paprika, Aubergine.

“Gülpembe” ist ein Hit aus dem Jahre 1991 von dem Album “Sözüm Mecliste Dışarı”. Das Lied ist eine Widmung an Barış Manços verstorbene Oma, Nimet Manço. Er hatte eine sehr enge Bindung zu ihr. Durch seine Oma kam Barış das erste Mal mit Musik in Berührung. Wenn sie zusammen waren, sang die Oma oft für ihn und seine Geschwister. Das Wort “Gülpembe“ heißt dem Sinn nach übersetzt “rosarot“.


Sen gülünce güller açar gülpembe
Bülbüller seni söyler biz
dinlerdik gülpembe
Sen gelince bahar
gelir gülpembe
Dereler seni çağlar sevinirdik gülpembe

Wenn du lächelst, blühen die Rosen rosarot
Die Nachtigallen singen von dir
Wir haben zugehört rosarot
Wenn du kommst, kommt der Frühling rosarot
Bäche glucksen von dir
Wir freuten uns rosarot

“Lambaya püf de“ wurde nach der Veröffentlichung direkt zensiert. Damals fand TRT die Wörter zu erotisch und verbot den Song. Also entschied sich Barış Manço, das Lied ohne Text zu veröffentlichen. Doch TRT fand auch die Melodie zu erotisch und verbot auch diese Version. Schließlich konnte Barış jedoch eine Version vorstellen, die der Zensur nicht zum Opfer fiel. “Lambaya püf de“ bedeutet wortwörtlich “Blas’ die Lampe aus“, also “Schalte das Licht aus“.

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Die Inspiration zum Lied holte Barış sich aus historischen Gegebenheiten: zu Zeiten Murat des Vierten gab es eine Prohibition auf Tabak und Alkohol. Doch selbstredend ließ sich die Bevölkerung von dem Verbot nicht beeindrucken und konsumierte fleißig weiter. Man traf sich daheim und trank und rauchte. Damit die Polizei keinen Verdacht schöpfte, wurden zu Hause einfach alle Lichter gelöscht und die Menschen saßen im Dunkeln bei Drinks und Zigaretten zusammen. Da zu Zeiten des Osmanischen Reichs Gaslampen genutzt wurden, bezieht sich die Redewendung “Lambaya püf de“ auf das Auspusten der Flamme.


Lambaya püf de hoh deme püf de
Perdeyi ört kız
çekmede ört kız
Lambaya püf de hoh deme püf de
Perdeyi ört kız açmada ört kız

Sag’ püf zur Lampe, nicht hoh, sag’ püf
Mädchen, ziehe den Vorhang zu,
nicht aufziehen, zuziehen, Mädchen
Sag’ püf zur Lampe, nicht hoh, sag’ püf
Mädchen, ziehe den Vorhang zu, nicht öffnen, zuziehen, Mädchen

“Kol Düğmeleri“, übersetzt “Manschettenknöpfe“, von 1972 handelt von Liebeskummer. Barış Manço verlobte sich im Jahr 1962 mit einer Frau namens Semra. Als er zum Studium nach Belgien zog, trennten sich die Beiden allerdings. Um den Trennungsschmerz zu verarbeiten, schrieb er ihr einen Song. Den Titel “Manschettenknöpfe“ gab Barış Manço dem Lied deshalb, weil er die Manschettenknöpfe noch hatte, die ihm Semra einmal geschenkt hatte.


Hatırlarım bugün gibi
sessiz geçen son geceyi
Başın öne eğik bir suçlu
gibi bana verdiğin hediyeyi
İki küçük kol düğmesi
bütün bir aşk hikayesi
İki düğme iki ayrı kolda
bizim gibi ayrı yolda

Ich erinnere mich noch als wäre es heute,
an die letzte stille Nacht.
Daran, wie du wie eine Schuldige mit geneigtem Kopf
mir das Geschenk übergabst
:
Zwei kleine Manschettenknöpfe,
eine ganze Liebesgeschichte.
Zwei Knöpfe an zwei verschiedenen Armen,
genau wie wir auf zwei verschiedenen Wegen.

Noch mehr über Bariş Manço lernen könnt ihr im Bariş Manço Museum in Kadıköy. Hier findet ihr die Webseite des Museums (Achtung, nur auf Türkisch).


Die Bedeutung von Musikstücken herausragender türkischer Künstler*innen haben wir bereits mehrmals portraitiert. In Ein blinder Poet und schwarze Erde schauen wir uns das Lied “Kara Toprak” von Âşık Veysel an und im Artikel Eine Musikdiva und die Sünde setzen wir uns mit dem Song “Masum Değiliz” von Sezen Aksu auseinander.

 

Text: Seda Sinanoğlu
Fotos: Deniz Demir
Redaktion: Jonas Wronna