Unsere Gastautorin Fatma Sağır nimmt euch mit auf ihre persönliche Suche nach einem Ort der Erinnerung für ihren verstorbenen Vater – und damit nach Orten der Erinnerung für eine ganze Generation von Menschen, die einst als “Gastarbeiter*innen” nach Deutschland kamen.

Wir fuhren jedes Jahr. In klapprigen Bussen, immer VW, einmal auch Ford. Ford, von dem ich als Erwachsene erfuhr, dass die Deutschen ihn „Türken-Bus“ nannten. Der schwarz-weiß gestrichene bauchige Riese verschaffte uns in der Türkei Respekt, sah er doch aus wie die Mannschaftsbusse der türkischen Polizei.

Unsere Eltern machten sich mit uns von Deutschland aus über den Balkan, auf den Weg in die Türkei. In Istanbul angekommen, waren wir noch lange nicht am Ziel. Bis ins Innerste Anatoliens lagen noch 800 gewaltige Kilometer vor uns. Doch wir überwanden sie. Mein Vater saß hinter dem Steuer. Manchmal war meine Mutter, manchmal auch ich Beifahrerin. Die endlose Straße und ihre Gefahren im Blick. Auf der Fahrt hörte mein Vater meist nur eine Kassette. Daǧlar seni delik delik delerim, von Belkis Akkale. Oh, ihr Berge, ich werde euch durchlöchern, durchstoßen und die Fremde hinter mir lassen.

Jede Reise in die Türkei hatte eine Rückkehr für uns. Selbst in jenem Jahr, als der Balkankrieg bereits seine ersten Boten unmissverständlich auf die E-5-Route mit straßenblockierenden LKW und Baumstämmen ausgesandt hatte, nicht wissend, dass das unsere letzte Autoreise gewesen sein sollte. Denn der Krieg explodierte und entlud sich in all seiner Widerlichkeit über den Balkan.

Damit endete abrupt der Rhythmus unserer Kindheit. Keine VWs, keine Ford-Busse mehr. Kein heißer Asphalt in flirrender Sommerhitze. Stattdessen kalte Flughafenhallen, in denen man trotz aller Vorfreude verloren herumhing, bis der Flug aufgerufen wurde. Gemeinsame Reisen, alle Kinder, beide Eltern, gab es nicht mehr. Erst, zu teuer die Flüge. Dann, zu verzweigt unsere Lebenswege als junge Erwachsene.

Ich war noch nie zuvor gemeinsam mit meinen Eltern per Flugzeug verreist. Noch kein einziges Mal mit meinem Vater.

Bis jetzt.
An einem kalten Herbsttag, als die Welt besonders verrückt spielte, starb mein Vater in einem Krankenhaus, in der deutschen Stadt, in der er vierzig Jahre gelebt und gearbeitet hatte. Drei Jahre nach seiner Pensionierung. Er hatte diese Stadt nie verlassen, denn einmal Gurbet, einmal reicht, pflegte er zu sagen. Gurbet

Wie der Tod die Geschichte der Gastarbeiter zuende erzählen würde, wie er ein neues Kapitel im Buch der Migration aufschlagen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Dass er auch mit dem Tod dem kein Ende bereiten würde, was die Türken Gurbet nennen. So wie Heimweh, unübersetzbar. Gurbet, ist Fremde, Trennung, Sehnsucht, ist die Ferne. (K)ein Ort. (K)ein Gefühl.

Zum Ende unserer Sommerferien freute ich mich auf unser Zuhause in Norddeutschland, auf meine Freunde, auf die Schule. Heimweh hatte ich nach der deutschen Sprache und dem deutschen Brot. Meine Eltern müssen sich nach ihren Familien, Freunden, und ihrem Dorf gesehnt haben, schon als sie die Rückreise antraten. Vielleicht war es besonders schmerzhaft, wenn sie in Deutschland ankamen und ihren Alltag antraten? Wortgewandt und mit reichem Sprachvermögen ausgestattet, fanden sie offenbar keine Worte für ihren Schmerz.

Gurbetçi. Fremdlinge, Wanderer zwischen den Welten, Heimatlose, Fernlinge. So wurden die ausgewanderten Gastarbeiter in der Türkei gerufen.

Sie sterben nun, kaum im Ruhestand, an Erkrankungen, deren Namen sie oft nicht auszusprechen wagen. Diese schlimme Krankheit, flüstern sie, und meinen Krebs.

Freunde und Verwandte waren in die Wartehalle des Flughafens gekommen, um sich von meinem Vater zu verabschieden. Seinen versiegelten Sarg hatte die bauchige Turkish Airlines Maschine bereits verschluckt. Cargo. Luftfracht. Wir stiegen ein.

Wir brachten meinen Vater, den Gastarbeiter, der er Zeit seines Lebens geblieben war, nach Hause. Er hatte sich eine Bestattung in seiner Heimatstadt gewünscht.

Die Beerdigung lag hinter uns. Das Flugzeug hob an. Als das anatolische Hochplateau mit seinen majestätischen Bergketten unter uns lag, traf es mich mit einer ungeahnten Wucht. Das Flugzeug entfernte sich. Un-um-kehrbar. Reiste zurück. Für immer. Halt, halt, wollte ich rufen. Halt, mein Vater. Baba…

Mich packte und würgte am Hals, die Erkenntnis, er wird nie mehr zurückkehren. Nie mehr. Das, beinahe musste ich ungläubig lachen, das war tatsächlich seine letzte Reise gewesen. In einer kalten Kiste aus Blech. Ein letztes Mal, hatten wir ihn hineingetragen, in sein Haus, dass er in harter Arbeit und einem entbehrungsreichen Leben errichtet hatte, und wieder hinaus, hoch auf die Hügel über der Stadt, wo wir ihn begraben hatten.

Und nun saß ich hier in diesem Flugzeug, das mich zurückflog, Kind eines Gastarbeiters. Als das Flugzeug in der Kühle des norddeutschen Herbstes aufsetzte und uns in den grauen Tag entließ, guckte ich mich um. Keine Spur von meinem Vater.

Kein Grabstein. Als ob er nie dagewesen, hier gewesen war, nicht die Mauern der Hochhaussiedlungen der Vorstadt Ziegel um Ziegel gesetzt hatte. Nie an der Werkbank gestanden. Nie die Straßen hier entlanggelaufen. Nie mit uns in klapprigen Bussen über den Balkan dreitausend Kilometer gefahren. Nie. Ich war untröstlich.

In weiten Teilen Anatoliens, aus denen diese Gastarbeiter meist stammen, ist die Erinnerung ein unablässiger Strom an Geschichten, der durch Erzählungen gespeist wird, die von Generation zu Generation weitergereicht werden. Ihre Geschichten drohen mit ihnen zu verschwinden, wie auch ihre Bezeichnung „Gastarbeiter“ kaum mehr Bedeutung hat. Sie sind Geschichte.

Die Grabstätte meines Vaters blickt hinab auf die anatolische Stadt, die auch nie ganz zu seiner Heimat geworden ist, denn das war stets sein Dorf.

Und ich, ich blicke in die norddeutsche Weite. Suche Spuren meines Vaters. Er war hier.

Text: Fatma Sağır (Instagram: @fatimashandwriting)
Illustration: Fatima Spieker


Der Frage nach Erinnern und Vergessen geht Fatma Sağır auch bei Stadtspaziergang beim “Dear White People”-Festival in Freiburg nach. Mehr Infos dazu gibt es hier.