Zwischen der Türkei und Deutschland besteht schon seit mehr als hundert Jahren eine Art gefühltes Austauschprogramm: Türken als auch Deutsche suchen in dem jeweils anderen Land nach Arbeit, neuen Möglichkeiten, Veränderung und einem anderen Leben.

Dieser Austausch begann schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zur der Zeit kamen Deutsche vorwiegend nach Istanbul, um dort als Handwerker oder Geschäftsleute ihr Glück zu finden. Auch während des zweiten Weltkrieges fanden viele Wissenschaftler und Künstler in der Türkei Zuflucht. Noch heute werden alteingesessene Deutsche in Istanbul als “Bosporus-Deutsche” bezeichnet. In den 1960er Jahren machten sich viele Türken nach Deutschland auf, für Arbeit und eine vielversprechende Zukunft. In den 80ern, zur Zeit des türkischen Militärputschs, fanden viele Intellektuelle und Kunstschaffende in Deutschland eine neue Heimat. Die beiden kulturellen Gruppen beschnupperten einander, haderten und hadern miteinander und lernten und lernen noch immer voneinander.  Und das “Austauschprogramm” findet weiterhin statt.

Wir wollen herausfinden, was heutzutage die Motivation für die Menschen ist, ihr festes Leben hinter sich zu lassen und es in einem anderen Land zu probieren. Hier haben wir drei junge Menschen aus der Türkei befragt, die nach Deutschland auswandern wollen oder schon ausgewandert sind. In einem weiteren Artikel werden wir mit drei Deutschen sprechen, die in die Türkei ausgewandert sind.

Başak

Başak, Sevin und Güntekin geben verschiedene Gründe an, warum es sie nach Deutschland zieht. Für Sevin war es eher eine Spontanentscheidung. Sie überlegte sich, wohin sie auswandern könnte. Da das Leben in Deutschland günstig erscheint und das Bildungssystem ein hohes Niveau hat, hat sie sich entschieden nach Deutschland zu gehen und lebt nun seit einem Jahr in Berlin.  Auch Başak ist von der Qualität der Ausbildung in Deutschland überzeugt und will deshalb dort ihren Master im Industrie-Ingenieurwesen machen. Im Anschluss hofft sie dann dort einen guten Job in dem Bereich zu finden. In der Türkei sind die Arbeitsbedingungen viel härter als in Deutschland. Ein richtiges Wochenende gibt es nur im besten Fall. Außerdem muss man meist für seinen Chef rund um die Uhr erreichbar sein. “Die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen in Deutschland sind einfach besser”, erklärt Başak. Auch das soziale Leben in der deutschen Hauptstadt reizt sie: “Besonders in Berlin herrscht eine internationale Atmosphäre, dort gibt es so viele verschiedene Kulturen. Das wird auch auch meine Perspektive auf die Welt erweitern.”

Güntekin wartet im Moment auf sein Deutschland – Visum in Istanbul. Als Steward bei den Turkish Airlines hat er schon viele Länder und Städte gesehen. Er hat sich Deutschland sehr bewusst ausgesucht und erhofft sich dort Sicherheit und ein geregeltes Leben. “In Deutschland hat alles ein System, hier in der Türkei geht es drunter und drüber.” Genau diesen Punkt erwähnt auch Başak: “In Berlin ist das Leben von dem, was ich gehört habe, einfach ruhig. Im Gegensatz zu Istanbul. Dort ist schon der Verkehr ein einziger Chaoszustand.” Doch fragt man die drei, was sie in Deutschland vermissen, oder auch vermuten vermissen zu werden, so ist es genau dieses Chaos, bzw. die Spontanität und Lebendigkeit die mit ihm kommt. Und natürlich das Essen. “Die Deutschen, die können nämlich nicht kochen”, meint Güntekin und lacht. Aber wenigstens gibt es ja zum Beispiel in Berlin viele Orte, an denen man türkisch essen gehen kann. Dasselbe ist es dennoch nicht. Die warme Luft, die Gerüche und das Surren von hunderten von Menschenstimmen gehören einfach zum Geschmack dazu.

Güntekin

Güntekin

Einfach ist es nicht, das Gewohnte zu verlassen, auch wenn es einen manchmal davontreibt. “Die Menschen in der Türkei entzweien sich. Die Streitereien zwischen den verschiedenen Gruppen sind zermürbend”, sagt Güntekin. Die Türkei ist ein Volk mit unterschiedlichsten Kulturen und mit einem historischen und geographischen Reichtum, der unglaublich groß ist. “Wir haben ein starkes Potential, doch es wird nicht genutzt”, erzählt er. Die Menschen verbauen sich die Chancen selbst. Güntekin will ein Leben in Frieden führen. Selbstbestimmt. Danach sucht er im Ausland. Auch Sevin möchte “keinen Stress mehr” haben. Für sie bedeutete die Auswanderung auch, ein Stück Freiheit zu gewinnen. Einfach viele Dinge zu machen, bei denen sie sich in der Türkei eingeschränkt fühlte: tragen können, was sie will, tun können, was sie will. Doch die Angst war am Anfang auch da, vor der Fremde, vor den Herausforderungen. “Am Anfang konnte ich kein Englisch und Deutsch sprechen”, erzählt sie. Jetzt, nach einem Jahr Sprachkurs und mit der Aussicht auf eine Ausbildungsstelle als Köchin hat sie das Gefühl, angekommen zu sein.

Sevin

Güntekin träumt noch. Vom Bier an der Spree, von Seeed und Peter Fox Musik, von Freiheit und einem neuen Lebensabschnitt. “Ich möchte mein Leben leben. Sehen, welche Möglichkeiten ich habe. Ich habe doch nur dieses eine Leben. Wenn es nicht klappt, dann komme ich halt wieder. Aber ohne Risiko kein Leben.”

Und wenn Başak an Berlin denkt, an das mögliche Neue, das vor ihr liegt, ein möglicher Lebensentwurf, dann ist sie glücklich. Und nach diesem Glück, das dieser Gedanke an die Zukunft birgt, möchte sie suchen. Sich aufmachen. Ab, in ein anderes Leben.

Text und Bilder: Jane Katharina Di Renzo