Als Türkin in Deutschland aufgewachsen. Da bekommst du schon mal solche Sätze zu hören wie „Du spricht aber gut deutsch!“, „Du siehst nicht türkisch aus“, „Darfst du überhaupt einen Freund haben oder wie ist es denn bei euch so?“

Mit diesen Klischees bin ich groß geworden. Ich kann mich noch gut an ein Erlebnis in meiner Ausbildungszeit erinnern. Es war Sommer und ich hatte einen Rock an, der leicht über die Knie ging. Ein alter Klassenkamerad kam vorbei, sah das und fragte mich, ob ich überhaupt einen Rock tragen dürfe. Ob das meine Kultur und Religion erlauben würden? Und ob das vor allem mein Vater erlauben würde? “Warum denn nicht?”, war meine Antwort. Das rüttelte an seinem Weltbild.

Neben meinem BWL-Studium wollte ich etwas Geld verdienen und arbeitete deshalb an der Kasse eines Einkaufsladens. Ich war noch neu und unterhielt mich mit meiner Kollegin. Zum Ende des Gesprächs sagte sie zu mir: „Du sprichst aber gut Deutsch!“ Ich sah sie an und erwiderte „Danke! Du auch!“


Müde von diesen Annahmen über mein Leben, die ich von außen immer wieder hören musste, kam ich in die Türkei, nach Istanbul, wo ich nun seit zwei Jahren lebe und studiere. Doch auch hier höre ich interessante Sätze wie: „Isst du Schweinefleisch?“, „Feierst du überhaupt Bayram?“ und der Klassiker: „Du spricht aber gut Türkisch.“

Einmal in der Uni saßen wir mit ein paar Leuten zur Mittagspause auf der Terasse. Wir redeten darüber, ob in der Türkei Schweinefleisch im Supermarkt verkauft wird. Ich meinte: „Ja, es gibt schon Schweinefleisch im Supermarkt. Zwar nicht in jedem, aber die etwas luxuriöseren Läden verkaufen es.“ Einer aus der Gruppe guckte mich gleich schief an und meinte: „Klar, du musst es ja wissen. Kan çekiyor!“

In Deutschland betrachten sie dich als Türkin und in der Türkei als Deutsche. Oder wie man so schön sagt: als „Alamancı“. Immer ist man irgendwie anders. Und immer fühlt man diesen Zwang, sich für eine Seite zu entscheiden. Aber wie der Comedian Kaya Yanar mal in seiner Stand-Up-Show gesagt hat: „Ich stehe ja nicht morgens früh auf und fühle mich deutsch oder türkisch!“ Wo er recht hat, hat er recht!

Wir sind Menschen mit zwei Kulturen. Es gibt doch nichts Schöneres als das. Nimm’ beide Kulturen, mix’ sie zusammen und mach’ eine Superkultur daraus. Oder meinentwegen eine Süperkültür. Anstatt sich für eine Seite zu entscheiden, könnten wir uns die Vorteile beider Kulturen zueigen machen. Wie zum Beispiel die deutsche Disziplin und Pünktlichkeit und die türkische Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft. Oder wir könnten alle Feiertage der beiden Kulturen mitfeiern. An Bayram bekommst du Geld, an Weihnachten Geschenke. Eine ordentliche Bescherung – und das alles in nur einem Jahr!

Text: Seda Sinanoğlu
Illustration/GIFs: Maximiliane Schneider