Die Liebe zu ihrem Mann brachte Tina Christa Sezer vor 48 Jahren aus Deutschland in die Türkei. In Istanbul hat sie sich über Jahre hinweg ein eigenes Schmuckgeschäft aufgebaut – und damit ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht.

Ein wenig versteckt liegt er, der Schmuckladen „Tina Jewellery“ von Tina Christa Sezer, nahe dem Großen Basar in Istanbul. Betritt man die kleine Boutique, kann man sich kaum zurückhalten, erst einmal von Vitrine zu Vitrine zu schlendern und die bunten Schmuckstücke zu betrachten.

Tina Christa Sezer sitzt in einem der noblen Sessel und fühlt sich sichtlich wohl inmitten all ihrer Schmuckstücke. Die selbst edel geschmückte ältere Dame beginnt zu erzählen: „Das erste Mal kam ich 1964 in die Türkei – damals war das nur zum Urlaub. Und so vieles war hier noch anders.“ Dauerhaft nach Istanbul gebracht hat sie dann letztlich die Liebe. Ihren türkischstämmigen Mann lernte sie in München kennen. Er studierte Chemie, sie arbeitete bei einer Versicherungsfirma. 1968 heiratete das junge Liebespaar und zog kurz darauf nach Istanbul. In den 48 Jahren in der Türkei hat Tina Christa Sezer nicht nur eine Menge türkischer Geschichte miterlebt, sondern auch zwei weitere Lieben entdeckt: Die zu den Steinen und die zur Türkei.

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Mit Neugierde und Individualität zur eigenen Kollektion

Nach ein paar arbeitsfreien Jahren in der Türkei fand Tina Anstellung bei einem Schmuckunternehmen auf dem Großen Basar. Eine Phase des Lernens, sagt sie: „Ich habe ja nie etwas in diese Richtung studiert. Deshalb musste ich eine Menge lesen und vor allem immer die Ohren offen halten, wenn beispielsweise befreundete Steinwissenschaftler erzählt haben.“ Nach vierzehn Jahren Arbeit im selben Unternehmen sei es für sie an der Zeit gewesen, einen Neuanfang zu wagen: Also entwarf sie ihren ersten eigenen Schmuck. Getreu dem Motto „Aller Anfang ist schwer“ sah ihr Arbeitsplatz zu Beginn noch sehr bescheiden aus. Ein Tisch und eine kleine Vitrine im Geschäft eines befreundeten Teppichverkäufers waren alles, was Tina Christa Sezer damals hatte. Doch was ihr helfen sollte, war ihr individuelles Konzept: „Ich wollte von Anfang an nicht das Spiel spielen, genau das gleiche wie andere zu verkaufen und nur um die Preise zu feilschen. Meine Ware sollte besonders sein. Denn wenn man etwas gut macht, spricht sich das mit der Zeit auch herum.“

Respekt muss hart erarbeitet werden

Als Frau, besonders als deutsche Frau, sei es zu dieser Zeit nicht immer einfach gewesen, sich durchzusetzen. Anfangs wurde sie süffisant belächelt, erinnert sich Tina. Umso größer ist dann der Stolz, jetzt im eigenen Laden zu sitzen. An den Wänden prangen Fotos mit Künstler*innen und Politiker*innen aus aller Welt, die ihren Schmuck hier gekauft haben. „Ich habe das gar nicht so genau wahrgenommen, aber irgendwann kam eine gute Freundin auf mich zu und sagte: Tina, ich muss dir gratulieren. Vor sieben Jahren konnte man sehen, wie die Männer ein bisschen gelacht haben, wenn sie dich gesehen haben. Heute knöpfen sie sich vor Respekt das Jackett zu.“

Schmuckhandel im Wandel der Zeit

Auf die Frage, woher der Mut gekommen wäre, sich selbstständig zu machen, antwortet Tina: „Manchmal sieht man ja nicht, was alles an Hürden auf einen wartet. Heute hätte ich den Mut wahrscheinlich nicht mehr, aber damals war es die richtige Zeit dafür.“ Dass das heute anders wäre, liege auch am Rückgang des Tourismus. Kam früher noch Kundschaft mit den zahlreichen Kreuzfahrtschiffen, sei der Tourismus in den letzten Jahren zurückgegangen, meint Tina Christa Sezer. Auch deshalb ist sie vor drei Jahren in eine kleinere Filiale umgezogen. In Nişantaşı gibt es aber auch noch ein zweites Geschäft von Tinas Jewellery. Diese Filiale wird von Tinas Tochter Esra Morens geleitet, die auf Anregung ihrer Mutter Gemmologie studiert hat und auch eigenen Schmuck entwirft.

Die bunte Palette persönlicher Schätze

Der Schmuck von “Tina Jewellery” ist immer in Handarbeit gefertigt und Ergebnis eines langen Schaffensprozesses, an dessen Anfang der unberührte Stein steht. Auf Messen begibt sich Tina Christa Sezer auf die Suche nach Steinen und Materialien aus aller Welt, von Jade über Koralle bis Saphir. „Findet man einen besonderen Stein, muss man direkt zuschlagen, denn sonst sieht man ihn nie wieder“, meint die Schmuckdesignerin. In ihrem Laden zeigt sie Steine in den unterschiedlichsten Formen und Farben. Manche wechseln ihre Farbe im Licht, andere stammen aus kilometertiefem Wasser, wieder andere aus heißer Wüste. Jedes Schmuckstück hat seine Geschichte. Behutsam holt Tina Christa Sezer ihre Schätze aus der Vitrine. Wenn sie ihren Schmuck präsentiert, spürt man die Bindung, die sie zu ihm aufgebaut hat. Manchmal sei es richtig schwierig, sich beim Verkauf von den Schmuckstücken zu trennen, erzählt sie.

schmuckdesignerin-tina-gold-edelsteine-halbedelsteine-design-kunst-schmuck-deutsche-frau-istanbul-seit-1964-7Individuelle Arbeit für individuelle Steine

Über die Jahre hinweg sind bei “Tina Jewellery” enge Zusammenarbeiten gewachsen: Mit Meister*innen und Händler*innen aus Ländern wie Armenien, der Türkei und Afghanistan und mit der Edelsteinstadt Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz. Für ihre spezifischen Wünsche hat Tina Christa Sezer unterschiedliche Meister*innen. „Jeder Stein ist unterschiedlich, deswegen muss ich mich immer wieder individuell mit den Meistern absprechen, ob meine Ideen überhaupt machbar sind“, erzählt die Designerin. Sie zeigt filigranste Gravuren und detailverliebte Schmuckanhänger und berichtet von nächtelanger Arbeit. Manchmal müssten die Einfälle eben auch ein bisschen verrückt und die Umsetzung aufwendig sein. Sorge, dass ihr irgendwann die Ideen ausgehen, hat Tina nicht. Das Geheimrezept für ihren Erfolg sei einfach: „Man muss Liebe zu den Steinen haben. Der Blick und die Ideen entwickeln sich mit den Jahren. Ich mache meine Arbeit mit Herzblut.“

Herzblut für die Türkei

Genauso innig wie die Verbindung zu ihrem Schmuck scheint auch Tina Christa Sezers Beziehung zur Türkei zu sein. Es sei nicht schwierig für sie gewesen, in der neuen Heimat Fuß zu fassen und sie liebe die Türkei mit ihrer Vielseitigkeit und Gastfreundschaft. Mittlerweile falle es ihr sogar leichter, auf Türkisch zu sprechen als auf Deutsch, sagt Tina. Neben einem unglaublichen Wissen über Steine, Gold und andere Materialien schlummert in der Dame auch ein Erfahrungsschatz türkischer Geschichte. Von Reisen quer durch das Land, politischen Debatten der 80er Jahre bis hin zu nostalgischen Erinnerungen an das Leben ohne Spülmaschine und Handys hat sie eine Menge zu erzählen. In ihrem Redefluss unterbreche ich sie dabei ungern. Denn aus ihren Erzählungen springt immer ein Funke ihrer Leidenschaft auf mich über, der auch in mir Begeisterung weckt für die Schönheit der Steine und Länder dieser Erde.

Text: Marlene Resch
Fotos: Navid Linnemann