Warum entschließt sich ein junger Mensch für ein halbes Jahr seine Sachen zu packen, die Heimat hinter sich zu lassen und in einem völlig unbekannten Umfeld quasi bei Null noch einmal anzufangen? Welche Erwartungen, Hoffnungen, Wünsche oder Ängste haben diese Menschen im Gepäck, wenn sie sich auf den Weg machen, ein neues Leben auf Zeit in einer der aktuell spannendsten und pulsierendsten Städte der Welt zu beginnen? Und warum gerade Istanbul, warum gerade die Stadt am Bosporus mit ihrem sehr speziellen Mix der Kulturen?

Mit diesen Fragen befasst sich der Dokumentarkurzfilm „Istanbul – mit anderen Augen“ (Istanbul – Changing Perspectives) von Carolin Winterholler und Marie Hartlieb. Der Film entstand 2013 und hatte Premiere beim Europa Tag der Kadir Has Üniversitesi in Istanbul.

Drei junge Studenten aus Deutschland begleiteten die beiden Filmemacherinnen über ein halbes Jahr lang bei ihrem Aufenthalt in Istanbul. Alle Protagonisten beleuchten verschiedene Facetten ihres Auslandsstudiums in der interkontinentalen Metropole.

Özgür erzählt, wie es ist, zurück in seine alte Heimatstadt zu kommen, dort Zeit mit seiner Verwandtschaft zu verbringen und neben dem Studium einen Eindruck vom türkischen Arbeitsmarkt zu bekommen. Joanna taucht sehr schnell in die kreative Szene Istanbuls ein und wandert auf der Suche nach der Ambivalenz aus Moderne und Tradition durch die Stadt. Janina berichtet davon, wie sie ihre ersten Erfahrungen und Schockmomente überwunden hat und wie lange es brauchte, sich im neugewählten Leben zurechtzufinden.

Die Dokumentation lässt die drei Studenten von ihren Erwartungen und den ersten Momenten in der Fremde erzählen, ihre über die Zeit gemachten Erfahrungen reflektieren, ihren Kulturschock in Worte fassen und sie am Ende Bilanz ziehen. Wie hat man sich selbst unter dem Eindruck der fremden Stadt, der ungewohnten Kultur und des (größtenteils) unbekannten Umfeldes entwickelt oder verändert, was hat man dazugelernt?

Was jedoch wollten die Produzenten des Filmes eigentlich erreichen, welche Motivation stand für sie hinter dem Projekt und welche Erfahrungen hat ihnen die Arbeit am Film beschert?

Wir haben uns mit Filmemacherin Carolin Winterholler, die selbst als Erasmus-Studentin das erste Mal nach Istanbul kam, in Verbindung gesetzt und uns mit ihr über die Hintergründe der Produktion unterhalten.

Carolin über…

…die Motivation hinter dem Projekt:

“Unsere Motivation war, dass wir uns beide für Dokumentarfilme interessieren. In der Türkei haben viele spannende Themen, also Themen, die uns interessiert hätten, einen politischen Hintergrund und sind für Ausländer – auch wegen der sprachlichen Barriere – schwer zu durchschauen. Aus diesem Grund wollten wir uns mit einem Thema befassen, das wir aus eigener Erfahrung kennen, mit dem wir niemandem auf die „Füße treten können“ und auch nicht auf sprachliche Barrieren stoßen.”

…die Ausgangsfrage:

“Wie verändern sich Menschen, wenn sie für ein paar Monate aus ihrem normalen Umfeld gerissen werden? Wir haben die Veränderungen selbst durchgemacht und auch bei uns festgestellt, dass es da so etwas wie einen roten Faden gibt, Stichwort: Kulturschock.”

…die Durchführung des Filmprojektes:

“Wir haben verschiedene Universitäten, die eine Erasmus-Kooperation mit Istanbul haben, angeschrieben und um Mithilfe gebeten. Dort sind wir auf positives Feedback gestoßen und hatten innerhalb relativ kurzer Zeit einige Interessenten, die gerne beim Film mitwirken wollten. Wir haben uns dann für drei Protagonisten entschieden, die sehr unterschiedliche Hintergründe aufwiesen, um so das Spektrum und die Motivationen der deutschen Erasmusstudenten in Istanbul abzudecken.”

…eigene Lerneffekte:

“Beeindruckend war für mich, dass ich wirklich viele Parallelen zwischen mir und den Erasmusstudenten entdeckt habe. Es war schon fast erschreckend, wie ähnlich wir uns als Deutsche doch sind, und das ist allein der Tatsache geschuldet, dass wir in demselben Land aufgewachsen sind. Das war für mich unglaublich faszinierend und in gewisser Weise auch eine Reise zu mir selbst.”

…die Schwierigkeiten des Projektes:

“Das Schwierigste war für mich eindeutig die technische Komponente. Es ist unglaublich schwierig, ohne finanzielle oder technische Unterstützung einen Dokumentarfilm zu machen. Es gibt viele Dinge, die man braucht und die viel Geld kosten: von der Kamera über Speicherkarten und Stativ bis hin zum Computer, mit dem man diese Dateimassen bearbeiten kann. Ebenso waren der Schnitt, die Abstimmung der unterschiedlichen Dateiformate (Audio und Video) untereinander und das Ausbügeln der kleinen Anfängerfehler (wie wackelige Bilder) für uns als Laien eine echte Herausforderung.”

…die positiven Erkenntnisse:

“Man lernt einfach unglaublich viel dazu, gewinnt Weitblick und bekommt Verständnis für die Situation anderer Menschen. Es ist ein tolles Gefühl, wenn Menschen, die dich gar nicht kennen, dich mit einer Kamera so nah an ihr Leben und ihre Gefühle lassen, dir ihr Vertrauen schenken.”

„Istanbul – mit anderen Augen“ ist ein sehr liebevoll gemachter Dokumentarkurzfilm über die Hoffnungen, Wünsche, Erwartungen, Ängste und (Selbst-)Erkenntnisse dreier junger Studenten im Auslandsstudium in Istanbul. Eine Stadt, eben mal nicht durch die Augen von Touristen erlebt zu haben, sondern sich ein halbes Jahr auf den Takt dieser Metropole eingelassen zu haben, bietet eine ganz anders geprägte, intensive Perspektive auf das Leben in der Metropole zwischen den Kontinenten.

Die Dokumentation wurde 2013 beim Europa Tag der Kadir Has Üniversitesi gezeigt, war Eröffnungsfilm des International Changing Perspectives Short Film Festival 2013 und lief 2015  im Rahmen der Türkei Begegnungen in der Jade Hochschule in Oldenburg. Nun ist sie auch auf YouTube zu finden.  Mehr über den Film und seine Hintegründe findet ihr auch bei Bloggerin cardamonchai.

Fotografie: Carolin Winterholler