Unsere Autorin Melek ist wie viele Kinder in Deutschland mit zwei Sprachen aufgewachsen: Türkisch und Deutsch. Dass das nicht immer nur einfach und praktisch ist, sondern auch zu vielen Verwirrungen und Identitätsfragen führt, erklärt sie hier.

Ich bin mit der türkischen Sprache aufgewachsen. Bis ich in den Kindergarten kam, konnte ich kaum Deutsch – und auch lange danach sehr dürftiges. Früheste Erinnerungen zeigen meinen Vater und mich, wie er mir beibringen will, auf Deutsch zu zählen. Ich erinnere mich, bis zur Drei zu kommen und danach fragend zu ihm zu schauen. Ich erinnere mich, wie ich meiner Mutter aus einer türkischen Zeitung vorlese und stolz bin, wenn sie sagt, mein Türkisch sei sehr gut. Ihr war es egal, ob ich Deutsch konnte oder nicht. Mir für lange Zeit auch.

Im Kindergarten hatte ich eine Freundin, mit der ich immer auf Türkisch sprach. Erst in der Grundschule realisierte ich, dass ich mich nicht so leicht ausdrücken konnte, wie ich es wollte. Dass es mir schwerer zu fallen schien, Gedanken auszuformulieren, als meinen Mitschüler*innen. In meiner Klasse waren keine anderen Türk*innen. Ich war isoliert, hatte keine andere Wahl als mich irgendwie durch die einzelnen Fächer zu schummeln. In meinem Zeugnis aus der Grundschulzeit steht: Melek fehlt der nötige Wortschatz, die sprachliche Sicherheit und Unbefangenheit, um verständliche Texte zu verfassen.

Ich erinnere mich an den Druck, besser sein zu wollen, als meine deutschen Mitschüler*innen – mindestens jedoch genauso gut. Denn mir war schon als Kind klar, dass ich mir mein Deutschsein erarbeiten muss. Deshalb war ich befangen und unsicher, stetig von dem Gedanken besetzt, ungenügend zu sein. Erst als Jugendliche begann ich, über meine Bilingualität zu reflektieren und dankbar für sie zu sein.

Auf zwei Sprachen leben

Meinen bilingualen Freunden, die ihre Muttersprache bewusst lernen wollen, zolle ich große Bewunderung. Die Konfrontation mit der Tatsache, dass man seine eigene Muttersprache nicht ansatzweise perfekt beherrscht, erfordert nämlich wesentlich mehr Mut, wenn daraufhin der Wunsch entsteht, sie verbessern zu wollen.

Denn für mich verhält es sich so: Ich lebe in Deutschland, mein Alltag findet größtenteils auf Deutsch statt, meine Freunde und ich reden auf Deutsch. Und deswegen ist mein Deutsch besser als meine Muttersprache, mein Türkisch. Dennoch lerne ich nicht bewusst Türkisch, wie ich als Kind Deutsch gelernt habe. Ich lese kaum türkische Bücher und markiere mir keine Fremdwörter, die ich mir dann einpräge. Hat das vielleicht etwas mit einer gewissen Selbstgerechtigkeit zu tun? Bewusst Türkisch zu lernen, würde heißen, mir einzugestehen, dass ich meine Muttersprache, die Sprache, in der ich meine ersten Wörter (“Baba”, “Abla”) aussprach, nicht so sprechen kann, wie ich es gerne hätte.

Womit es aber auf jeden Fall zu tun hat, ist Motivation: Warum sollte ich mein Türkisch optimieren, wenn ich es für meinen Alltag nicht brauche? Eigentlich brauche ich es nur im Umgang mit meiner Familie, und die hat sich daran gewöhnt, dass das Türkisch unserer Generation eher eine Mischung aus deutschen Wörtern und türkischer Grammatik ist. Vor kurzer Zeit habe ich das türkische Wort für Gemüse vergessen (“sebze”), und auch wenn ich weiß, woran es liegt, schäme ich mich doch in solchen Momenten. Sie passieren regelmäßig. Fast schon ironisch, dass eine Umkehr der Situation stattfand, die ich als Kind hatte: Früher war ich im Deutschen befangen, heute bin ich es im Türkischen.

Ich beherrsche das Deutsche

In meinem Bücherregal habe ich kluge türkische Bücher: Stefan Zweig, Nietzsche, ein Buch zu türkischer Philosophie, Jane Austen und dann noch Zeitgenössisches aus der Türkei – Arda Erel, Fi von Azra Kohen, Elif Shafak, Literaturmagazine. Manchmal nehme ich ein Buch raus, schlage es auf, blättere es durch. Lege es zurück. Wenn ich die Aphorismen eines ins Türkischen übersetzten Autors zu Ende lese, bin ich stolz. „Da hast du’s“, sage ich mir dann, „dein Türkisch ist doch super, musstest nur 50 Mal ein Wort nachschlagen.“ Auf Türkisch zu lesen ist anstrengend für mich. Die Wörter sind länger als ich es vom Deutschen oder Englischen gewohnt bin. Das Sprachgefühl ist emotionaler, wärmer, näher am Herzen. Identifikation damit ist für mich schwer erreichbar, da ich meine Identität unwillkürlich an die deutsche Sprache anbinde. Vieles, womit ich mich assoziiere, habe ich auf Deutsch entdeckt: den Feminismus, die Philosophie.

In der Türkei werde ich bewundert, sie kommt aus dem Westen, aus Deutschland, dort ist alles so anders, und dann wird gerne darüber hinweggesehen, dass ich häufig im Kontext falsche Wörter und falsche Konjugationen benutze. Manchmal wird mir ein deutscher Akzent attestiert, den wohl ziemlich viele aus meiner Generation mit ähnlicher türkischer Migrationsgeschichte haben, wie mir ein Kioskbesitzer in Antalya mal erzählte.

Das Türkische beherrscht mich

Ich liebe die türkische Sprache und die türkische Kultur, doch sie stellen Gegensätze zu meiner Person dar – wenn ich in der Türkei bin, empfinde ich zwangsläufig Entfremdung von mir selbst. Klammere mich an alles Deutsche, was ich bei mir habe. Durch meine fehlende Ausdrucksmöglichkeit bin ich zwangsläufig darauf reduziert, was mein Gegenüber in mir  sieht: ein braves, türkisches Mädchen aus Deutschland. Mir fehlt nicht nur die Möglichkeit, mich differenziert auszudrücken, sondern auch die Option, Widerstand zu leisten gegen das, was der Andere in mir erkennen mag. Und das fühlt sich so an, als wäre ich fremdbestimmt, nicht ich selbst – nicht frei. Der Grund dafür mag zwar auch daran liegen, dass ich mich in konservativen türkischen Kreisen aufhalte, doch das Resultat bleibt dasselbe: Ich bin enorm emotional und habe keine Abwehrmechanismen für die Eindrücke, die ich in der Türkei sammle. Ich kann sie kaum verarbeiten, erst wenn ich zurück in Deutschland bin und auf Deutsch darüber rede, kann ich sie einigermaßen einsortieren und prozessieren.

Häufig fühle ich mich schuldig für die Erleichterung, die ich empfinde, wenn ich aus den Flugzeugfenstern Frankfurt erkenne und weiß, ich werde gleich durch die Gänge und Räume eines Flughafens gehen, wo die Menschen mich auf Deutsch ansprechen. Das mag zwar als Widerspruch zu meinem Heimweh gegenüber der Türkei erscheinen, aber für mich ist es die einzig logische Konsequenz: vom Türkischen kann ich mich einlullen lassen, eine Unbeschwertheit empfinden, die mir im Deutschen unmöglich ist, eben weil ich meine Persönlichkeit und meinen Alltag auf Deutsch lebe.

Ein Aspekt dieses Beheimatetseins ist sicherlich auch das Kulturelle. Ich begreife mich in vielerlei Hinsicht unvollständig, wenn ich das Türkische nicht zum Deutschen mitdenke. Mein Gefühl für Weiblichkeit zum Beispiel habe ich im Türkischen entwickelt. Da spielen die ersten Jahre meines Lebens bis ins späte Kindesalter eine Rolle, die ich vor allem auf Türkisch verbrachte. Ich habe Türkisch gehört, auf Türkisch kommuniziert, auf Türkisch gelernt. Türkische Serien schaue ich manchmal immer noch. Sie reproduzieren patriarchale Strukturen, eine vorhersehbare und altbekannte Weiblichkeit. Damit kann ich mich im Türkischen bis zu einem gewissen Grad abfinden und identifizieren, während ich gleichzeitig auf Deutsch weiß, das bin nicht ich. Das will ich nicht sein.

Ich bin ambivalent in diesen Sprachen. Mit dieser Gegensätzlichkeit meiner Person zu leben ist anstrengend, nicht zuletzt weil sie in zwei komplett unterschiedlichen Sprachen stattfindet. Es erfordert Kraft, sich selbst in seiner fragmentierten Form zu akzeptieren. Bei mir ist es ein Prozess, geprägt von Phasen der Entfremdung.

Zwei Sprachen, zwei Gefühlswelten

Mehrsprachigkeit ist ein interessantes Phänomen. Stetig wird mehr darüber erfahren und erforscht. So gibt es inzwischen Studien darüber, dass zweisprachig aufgewachsene Menschen je nach Sprache, in der sie gefragt werden, Vorlieben und Abneigungen ändern. Es gibt eine linguistische Theorie namens Sapir-Whorf-Hypothese, die sogar noch radikaler davon ausgeht, dass die Wahrnehmung der Realität von Sprache zu Sprache variiere. Diese wurde inzwischen widerlegt.

Wenn ich bilinguale Menschen frage, ob sie ihre Muttersprache emotional anders konnotieren als ihre “Alltagssprache”, antworten viele bejahend. Ein beliebtes Beispiel ist, dass sie in emotional aufgeladenen Gesprächen und Momenten eher ihre Muttersprache sprechen als in relativ neutralen Interaktionen. Als würde ihre Muttersprache die Dringlichkeit ihrer Gefühle betonen.

Ich persönlich träume, denke und spreche zwar größtenteils auf Deutsch. Dennoch findet meine ganze Person in einem Spannungsfeld aus Deutschem und Türkischem statt, sodass ich mich nur mit beiden Sprachen denken kann. Das Deutsche ist für mich einheitlich, die Sprache, in der ich zur Ruhe kommen kann, mich ausdrücken, mich kennenlernen – und das Türkische ist ein Sehnsuchtsort, eine Fantasie, eine Vorstellung, ein Ideal.

Ich fühle mich nirgendwo so verbunden wie in der Gegenwart anderer Deutschtürk*innen. Denn ich kann mir sicher sein, dass sie ähnliche Fragen und Herausforderungen und Krisen zu ihrer Identität gemeistert haben wie ich, sich ähnlich häufig rechtfertigen mussten, ihr Spannungsfeld ähnlich wie meines ist. Das einzige Mittel gegen Gefühle des Unzugehörig-Seins ist also eine offene Kommunikation darüber und eine Lebensrealität, die keine der Sprachen und Kulturen missen lässt.

Text: Melek Halici
Redaktion: Neslihan Yakut
Illustration: Irem Kurt


Immer wieder setzen sich Autor*innen von MAVIBLAU mit der Sprachenvielfalt auseinander. Ob lustige Sprachverdreher, deutsch-türkische Neologismen oder Türkçe auf dem Seziertisch – hier findet ihr weiteres zum Thema.