Wir hatten unser Vorhaben schon so lange im Kopf, haben geredet, immer wieder Kopfkino und Träume. An einem Tag irgendwann im Juni 2014 hatten wir einen Punkt erreicht, an dem man einfach mal raus muss aus Istanbul und zwar so schnell wie möglich.  „Dann fahren wir einfach jetzt!“, sagt er eines Morgens. „Meinst du wirklich?“ – „Ja, bekommen wir schon hin, oder? So ein Abenteuer? Was meinst du?“ Ich meine nicht viel, kalkuliere im Kopf, überlege kurz, packe den Reiseführer aus dem Regal, den ich meinem Freund noch vor Kurzem zum Geburtstag geschenkt hatte. „Europe on a Shoestring“ steht darauf und ich zeichne einen kleinen Kringel um Istanbul in die Europakarte der ersten Seite. Den zweiten um Stuttgart und noch weitere um Sofia, Belgrad, Budapest und Wien. Einmal quer durch den Balkan. Und zurück? Für weitere Planungen hatten wir noch eine ganze Reise vor uns und schließlich sollte der Weg ja das eigentliche Ziel werden.

“Europe on a Shoestring”

Zwei Wochen später fahren wir noch vor Sonnenaufgang raus aus Istanbul, die aufgehende Sonne im Nacken, vorbei am scheinbar endlosen Häusermeer und immer weiter raus, bis wir die letzten Hochhäuser immer kleiner werdend im Rückspiegel sehen. Vorn nur die Straße und die Fahrbahnmarkierungen immer im gleichbleibenden Takt, vorbei am Marmarameer, immer der Straße nach in Richtung Bulgarien.

Diese Grenze wirkt beängstigend und mächtig auf mich. Während der kommunistischen Herrschaft Bulgariens von 1944 bis 1990 war der Grenzübergang Kapitan Andreewo-Kapıkule einer von nur zwei Übergängen in die Türkei und hoffnungslos überbelastet. Heute, einige Renovierungsarbeiten später, ist er nach der Grenze zwischen Mexiko und den USA der zweitgrößte Grenzübergang der Welt.
Nachdem wir die Grenze passiert haben, stellt sich ein lang ersehntes Gefühl ein. Für uns beide beginnt ab hier Neuland und die erste Reise durch den Balkan. Wir fahren über Land, hören Balkanbeats und durchqueren Dörfer, die stillzustehen scheinen. Nach dem ersten Stop in Bulgariens gemütlicher Hauptstadt Sofia machen wir uns weiter auf den Weg nach Serbien.

   Auto_in_Sofia

Balkantouristen

Die Serpentinen von Bulgarien nach Serbien haben wir ziemlich unterschätzt. Noch bevor wir den Gebirgspass verlassen, bricht die Nacht ein. Bei strömendem Regen fahren wir hier im Schneckentempo um die engen Straßen und gefühlt sterbe ich zweimal beim Anblick der im Rückspiegel anrasenden LKWs, die diese Strecke quer durch das Balkangebirge bei Nacht souverän entlang fahren und uns lässig überholen. Der Regen dauert noch die ganze Nacht an, sodass wir erst spät in Serbiens Hauptstadt Belgrad ankommen. Diese wird häufig als das Tor zum Balkan bezeichnet und ist Dreh- und Angelpunkt für den Verkehr zwischen Mittel- und Südosteuropa sowie dem vorderen Orient.

Belgrad ist keine klassische Schönheit und zwischen herunterbröckelndem Putz und Graffities wirkt sie teilweise tiefrot, wild, staubig und rau. Sie ist unangepasst und trotzig, nicht umsonst bekannt für ihr ausgelassenes Nachtleben. An anderen Orten, wie beispielsweise auf der Einkaufsstraße, zeigt sie sich wieder geordnet, ist klassisch schön und sauber. Uns gefällt die Stimmung und der Mix so gut, dass wir uns fast den ganzen Tag durch die Straßen treiben lassen – wir essen das Nationalgericht Cevapcici, feurig scharfe, längliche Hackröllchen, und entdecken Baklava, ein kulinarisches Überbleibsel aus Zeiten des Osmanischen Reichs. Wir schlendern durch die Parks und Cafés bis zur Festung, von der aus wir die ganze Stadt überblicken. Neben uns singt ein Gitarrenspieler serbische Lieder und es ist, als wäre die ganze Stimmung des Balkans in seiner Musik vereint.

   Giftshop_in_Belgrad

Fahrtgedanken

Seit ich nach Istanbul gezogen bin, habe ich mich während des zweieinhalbstündigen Fluges schon oft gefragt, wie es wohl wäre, diese Strecke einmal zu fahren, anstatt in einer Kultur ein- und in der anderen wieder auszusteigen.
Am fünften Tag unserer Reise sind wir insgesamt bereits circa 15 Stunden auf der Straße, wir haben Bulgarien durchquert, waren Eintagestouristen in Belgrad und haben zwei Nächte in Budapest verbracht.
Mittlerweile fühlt sich das Auto nach Zuhause an, die Landschaft um uns wird ruhiger, weiter und grüner, im Radio laufen Sommerhits, ich konzentriere mich auf die sich verändernde Landschaft, auf die Fahrbahnstreifen auf dem Asphalt, die im immer gleichbleibenden Takt vorbeiziehen.

Auf_dem_Weg_nach_Wien
Auf dem Weg nach Wien verarbeiten wir die Eindrücke dieser Veränderungen, noch immer beeindruckt von den Farben, der Atmosphäre des Balkans, den weiten Wäldern Serbiens und dem Glitzern des Novi Beograd Fluss in Belgrad – einer Stadt, die etwas auf uns ausstrahlte, das gerade deshalb schön ist, weil es nicht perfekt ist.

Unsichtbare Grenze

An der österreichischen Grenze, die gar keine mehr ist, spreche ich zum ersten Mal wieder Deutsch. Der Übergang zwischen den einst kommunistischen und kapitalistischen Staaten ist zwar kaum noch sichtbar und doch haben wir das Gefühl, eine unsichtbare Grenze zu überqueren. Richtig bewusst wird uns diese Veränderung allerdings erst in Wien. Wir tasten uns nur langsam in die sauberste Stadt, die wir während unserer bisherigen Reise gesehen haben. Als die erste Pferdekutsche an uns vorbei galoppiert, dämmert uns: Wien ist fast zu schön um wahr zu sein, alles glänzt, begleitet von leiser, klassischer Geigenmusik. Nach Belgrad und Budapest scheint diese Stadt in unseren Augen so perfekt, glatt und in strahlendem Weiß, dass es auf unsere Augen beinahe unnatürlich wirkt.

Noch vor einem Tag waren wir in den Straßen von Budapest mit ihrer alten und wunderschönen Architektur, ihren breiten Straßen und dunklen, teilweise nur schwach beleuchteten Gassen bei Nacht. Ich kann nicht anders als Wien mit Budapest zu vergleichen und es ist, als würde ich zwei ungleiche Schwestern nebeneinander stellen.

Die eine liebt es prunkvoll und weiß. Sie ist gebildet und anmutig, stolz und unverwundet. Die andere hat viel erlebt und verarbeitet ihre bewegte Vergangenheit langsam und tapfer. Sie ist wild und irgendwie traurig, doch mit all ihren Ecken und Kanten auch schön.

Dem Verkehr und den Regeln vertrauen

Kurz nach Wien werden wir von der Autobahnpolizei verfolgt, die uns ziemlich streng an der nächsten Ausfahrt eskortiert. Grenzkontrolle. Unser Auto wird nach Lebensmitteln durchsucht, die laut den Beamten in Autos mit Istanbuler Kennzeichen gerne mal zuviel transportiert werden. Wir haben zum Glück nur das Nötigste dabei und so lässt man uns bald weiterziehen.
Die Landschaft wird mir immer vertrauter und vor allem der Verkehr verändert sich.
Der Istanbuler Verkehr hat mich schon immer verängstigt, ich kann bis heute nicht ruhig im Taxi, geschweige denn im Bus sitzen. Nachdem wir die ersten Kilometer in Deutschland gefahren sind, wirkt der Verkehr auf mich plötzlich noch schlimmer. Auf einmal sind wir wieder mit strikten Regeln konfrontiert. In Istanbul sind wir ständig auf alles gefasst, Überholmanöver werden mit Hupen vorausgesagt oder auch nicht, alle Sinne sind eingeschaltet, mit allem wird gerechnet.
Hier das Gegenteil. Alles läuft routiniert und so schnell wie noch auf keiner anderen Schnellstraße. Für uns beide ist es eine Herausforderung diesen Abläufen wirklich zu vertrauen. Es dauert sehr lange bis sich unsere Nervosität auflöst und wir erste Schilder sehen, die unser Ziel in Deutschland anzeigen.Über München fahren wir weiter in Richtung Norden. Es ziehen Felder in allen Grün- und Gelbtönen an uns vorbei, akkurat und so perfekt voneinander getrennt, als wären sie mit dem Lineal gezeichnet. Als wir der Stadt meiner Eltern näherkommen, kenne ich mich plötzlich aus, erkenne Landschaften und Straßenabschnitte, sogar den Radiomoderator. Irgendwann erkenne ich die ersten Gebäude. Heute fahre ich die Strecke zum ersten Mal nach 24 Stunden Fahrt nach Hause und erstmals habe ich das Gefühl, richtig verbunden zu sein.

La Dolce Vita und die Wärme im Herzen

Etwa eine Woche später sind wir nach unserem kleinen Deutschlandbesuch endlich wieder auf der Straße. Es ist mittlerweile Anfang Juli und wir haben uns für eine mediterrane Route in den Süden entschieden. Wir fahren einmal quer über die Schweizer Alpen bis Frankreich und durchqueren den scheinbar endlosen Mont Blanc Tunnel, über den wir endlich Italien erreichen.
An der ersten Raststätte trinken wir den ersten legendären italienischen Espresso, der uns schon Kilometer vorher angekündigt wurde. Ich weiß nicht, ob es die italienische Musik im Radio, das andere Licht oder die Tatsache ist, dass wir wieder Richtung Meer fahren, aber auf dem Weg durch Italien wird alles ein wenig leichter und fröhlicher, die Menschen wirken entspannter, und wir verfallen schnell in klassische Urlaubsstimmung.on_the_road_Italien
In der malerischen Hafenstadt Santa Margherita halten wir zum ersten Mal an einem Parkplatz, um das Meer zu begrüßen. Kaum ausgestiegen, werden wir von wild gestikulierenden und uns völlig unverständlichen Erklärungsversuchen eines Mannes begrüßt und finden uns plötzlich inmitten einer italienischen Familie wieder, der wir alsbald mit vereinten Kräften helfen, ihr Auto anzuschieben. Minuten später hallen nur noch die Motoren- und Jubelgeräusche und ein überschwängliches „GRAZIE MILLE!“ nach.
Wir müssen lachen, denn spätestens jetzt haben wir den Süden erreicht und spüren eine uns vertraute Wärme. Ob es an der Sonne liegt oder am guten Essen und Wein? Wir entscheiden uns dafür, es zu genießen und lehnen uns zurück. Was folgt, sind herrliche Campingtage entlang der italienischen Küste über Pisa und Rom, wo wir uns auch im Verkehr schon fast wieder zu Hause fühlen. Unsere Route führt uns immer weiter in den Süden Italiens, bis nach Brindisi, einer kleinen Hafenstadt im Südosten, von wo aus wir mit der Autofähre über Nacht nach Igoumenitsa, Griechenland, übersetzen.

“Es braucht Zeit, bis die Seele nachkommt.”

Wir haben Griechenland bereits hinter uns gelassen und ein Ende des Trips zeichnet sich langsam ab. Am Grenzübergang prangt „hoş geldiniz“ und auch wenn wir noch wehmutsvoll zurückblicken, rufen wir dem Schild ein lautes und fröhliches „hoş bulduk!“ entgegen.
Vier Wochen nachdem wir die Türkei verlassen haben, sind wir wieder auf der Schnellstraße in Richtung Istanbul. Mein Freund fährt und wir machen uns wieder mit dem altbekannten Verkehr vertraut: Autos rasen von links und rechts an uns vorbei, wir werden von lähmendem Stau und dicker Luft begrüßt und plötzlich wünschen wir uns nichts sehnlicher, als endlich den Bosporus zu sehen und wieder Zuhause zu sein.

Ein indianisches Sprichwort besagt: „Wenn du an einen neuen Ort gelangst, warte.
Es braucht Zeit, bis die Seele nachkommt.“ Unsere Köpfe sind noch Wochen nach dem Trip voll von Eindrücken, vermischt aber mit dem Wissen, endlich die Strecke gefahren zu sein, die wir bisher nur von oben kannten. Bis heute denke ich bei jedem Zweieinhalb-Stunden-Flug an unsere ersten Kringel in der Landkarte und die vielen Momente und Erlebnisse, die damit verbunden sind.


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Text und Fotos:
Emily Mahringer
Redaktion: Sabrina Raap