Alles ist schwarz. Nur das Licht des Projektors wirft der Person, die blinzelnd ins Dunkel schaut, Flaggen ins Gesicht: die türkische, die deutsche, die zyprische, die russische. Viel zu sehen ist sonst nicht, nur das Herumgeräume der sperrigen Kamera ist zu hören. Hinter der Kamera steht Paul-Ruben. “Don’t move”, weist er bei jedem Porträt, das er macht, die Person vor der Kamera an. Und das ist sehr ernst gemeint. Denn er benutzt eine Großformatkamera. Das ist die Kamera, deren Gehäuse einer Ziehharmonika gleicht, und die man vielleicht eher aus alten Filmen kennt. Der Fotografiestudent verschwindet unter dem dunklen Tuch und fängt mit seiner Kamera die Objekte ein. Komplette Stille. Kein Schulterzucken, kein Blinzeln darf sein. Und nur das spärliche Licht des Projektors, das die Personen beleuchtet und ihnen den Stempel der Nationalflaggen aufdrückt, dient als Lichtquelle.

Meist sind es mehrere Flaggen von unterschiedlichen Ländern. Denn in Paul-Ruben Mundthals Fotoprojekt: “RADEBRECHT. Eine Portraitserie über das Dazwischen” geht es um Nationalität und darum, was es mit dem Verständnis der eigenen Identität macht. Wie fühlt es sich an, wenn man für das Einreisen in das Land, in dem man aufgewachsen ist, ein Visum braucht? Wenn man an dem Ort, den man Heimat nennt, auf dem Papier als Ausländer, ein Nicht-dem-Land-Zugehöriger, gilt? Wenn man sich entscheiden muss zwischen zwei Pässen, die beide Länder repräsentieren, deren Traditionen, Kulturen und Gewohnheiten man aber in sich vereint?

“Es fühlt sich an wie eine Amputation, als wenn man sich zwischen dem linken oder dem rechten Bein entscheiden muss”, sagt Zeynep. Sie ist eine der Personen, die Paul-Ruben für sein Projekt vor die Linse gebeten hat. Zeynep ist in Deutschland aufgewachsen, ihre Eltern kommen aus der Türkei. Der Halbmond der türkischen Flagge und die drei Balken der deutschen Flagge prangen auf ihrem Gesicht, als Paul-Ruben das Objektiv der Kamera auf sie richtet.

Mehmet, der dem Projekt auch seine Geschichte und sein Gesicht geliehen hat, konnte sich nicht entscheiden. Seine Eltern zog es in den 90ern aus Bulgarien in die Türkei. Damals, so erzählt er, hatten die Türkei und Bulgarien einen Deal für bulgarische Türken ausgehandelt. Für die Minderheit, zu der seine Familie gehörte. Sie konnten ohne große Visabestimmungen in die Türkei umsiedeln und da sie dort auf Jobs und ein besseres Leben hofften, packten sie ihre Sachen und zogen her. Mehmet wurde dann eingebürgert. Er besitzt nun den türkischen Pass. Ihm wäre der bulgarische lieber. Auch aus dem Grund, weil man bei der Übernahme seines Namens aus dem kyrillischen Alphabet Bulgariens etwas schlampig war. Mehmet (Мехмет) wurde zu Mexmet. Ein wahrhaftes Identitätsgeschnippel.

Und, woher kommst du?

“Die Nationalität, die man im Portemonnaie mit sich trägt, entspricht oft gar nicht dem, wie man sich selbst fühlt”, sagt Paul-Ruben. Als er als Erasmusstudent in die Türkei kam, war die Standardfrage eines jeden Kennlerngesprächs: Woher kommst du? Für Paul-Ruben eigentlich eine Frage, die er schnell beantworten konnte. Aufgewachsen in Neubrandenburg, dann Studium in Weimar, Leben in Erfurt. Deutschland. Doch je mehr er Menschen kennen lernte, deren Geschichten ein wenig ausgefallener waren, desto mehr wurde ihm bewusst, dass das System, das Staaten mit Begriffen wie “Staatsangehörigkeit” und “Nationalität” schaffen, eigentlich der globalisierten Welt, in der wir leben, nicht gerecht wird.

Paul-Ruben studiert gerade ein Jahr lang an der Mimar Sinan University. Dort kam ihm während des Kurses “Gender and Identity” die Idee zu seiner Porträtserie. Er wollte der Frage, wie weit Identität und Nationalität verknüpft sind, weiter nachgehen. Bei der Recherche wurde ihm klar, wie groß das Thema war, das er sich vorgenommen hatte. Und welche weiteren Fragen es aufwarf: Wo fühlt man sich Zuhause? Was macht dieses Gefühl aus? Und auch: Was bedeutet es, einen Pass aus dem Land x,y,z zu führen?

Der Masterstudent traf auf Menschen, die die absurdesten Geschichten mit sich trugen. Am Ende wurden es zwölf Porträts und zwölf Interviews in denen Paul-Ruben auf die Suche nach Antworten ging. Antworten auf die Frage, was das Stück Land, in dem wir geboren sind, aufwachsen, leben, für uns wirklich bedeutet. Und was es für uns bedeutet, diese Zugehörigkeit zu dem Stück Land auf einem Papier bestätigt zu sehen.

Seçkin ist in der Türkischen Republik Nordzypern geboren. Damals bestand sein Vater darauf, dass er den türkischen Pass bekam, statt den türkisch-zypriotischen. Dieser Pass wird von der EU nämlich als “Fantasiepass” bezeichnet, da die UN die Türkische Republik Nordzypern als souveränen Staat nicht anerkennt. Das bedeutet, dass die Einreise mit einem solchen “Fantasiepass” in nur sehr wenige Länder überhaupt möglich ist. Seçkin lebt nun mit türkischem Pass in Istanbul. Wenn er für eine längere Zeit nach Hause will, muss er ein Visum beantragen. Ein seltsames Gefühl.

Eine weitere Person aus Paul-Rubens Porträtreihe, Sevinç, braucht eine Aufenthaltsgenehmigung um in dem Land, in dem sie geboren und aufgewachsen ist, bleiben zu dürfen. Ihre Eltern sind aus Aserbaidschan und Russland. Sie selbst hat den aserbaidschanischen Pass. Jedes zweite Jahr muss sie erneut zu den Behörden gehen und beantragen, in der Türkei, in der Stadt Istanbul, die für sie Heimat ist, weiter leben zu können. Ihre Eltern entschieden sich damals für diesen Weg. Nun will Sevinç es auch nicht mehr anders. Istanbul ist ihr Zuhause. Und hier kommt jeder von irgendwo anders. Außerdem ist Sevinç als ausländische Studierende an der Universität eingeschrieben und würde ihren Studienplatz verlieren, würde sie zur Türkin werden.

Der deutsche Pass als Mastercard Gold

Wenn man auf dem Papier zwischen zwei Nationalitäten wählen kann, so fällt die Entscheidung oft danach, welcher Pass die besseren Features hat: Mit welcher Nationalität hat man die größeren Möglichkeiten, kann man günstiger leben, freier sein? Und dabei wird einem schnell bewusst, wie beliebig so eine Nationalität eigentlich ist. Das hat ein bisschen was von Lotto. Je nach Regelung der Staaten ist es allein eine Frage des Geburtsortes oder der Nationalität der Eltern, ob man türkisch, russisch oder deutsch ist. Paul-Ruben wurde während seines Projektes schnell klar, dass die deutsche Nationalität ein ziemlicher Hauptgewinn ist. Aufgehoben in heimeliger Sicherheit und fast unbegrenzter Reisefreiheit wirkt der deutsche Pass fast schon wie eine Mastercard Gold, die Türen und Möglichkeiten im Minutentakt öffnet. Und diese Karte ist ihm so zugeflogen. Ein Pass, für den er nichts kann und auch nichts getan hat. Und hinter diesem Pass steht ein Konzept dessen, wie die Welt aufgeteilt wird, wie Wert zugeordnet und eine bestimmte Ordnung geschaffen wird.

Paul-Ruben hat die Flaggen als Symbole der Nationalitätenzugehörigkeit genutzt. Er drapierte sie per Photoshop und druckte sie auf Projektionsfolie, die er dann in den Projektor einspannte. “Nach und nach sind diese Folien zerkratzt”, erzählt er. “Das war natürlich nicht gewollt aber der Effekt war visuell spannend und gab auch symbolisch viel her.” Die Flaggen verschmolzen ineinander, lösten sich auf.

Und das ist letztendlich die Botschaft, die Paul-Ruben mit diesem Projekt übermitteln will. Flaggen, Nationalitäten, Staatsangehörigkeiten. Das sind Konstrukte, die keine Rolle spielen sollten, sobald sich Menschen wirklich begegnen. Er meint: “Was zählt, ist das, was die Menschen in ihrem Herzen tragen, nicht auf dem Papier.”

Text: Marie Hartlieb
Bilder: Emily Mahringer