So schön und romantisch eine Dorfgemeinschaft sein kann, so schlimm kann sie für die sein, die nicht dazugehören. Sibel ist eine, die nicht dazugehört. Die junge Frau kann aufgrund einer Behinderung nicht sprechen und sich nur durch traditionelle Pfeifsprache ausdrücken. Deshalb wird sie von den Dorfbewohner*innen gemieden. Gegen alle Widerstände rennt sie durch die Wälder eines türkischen Berggebiets und versucht, einen Wolf zu erlegen. Die Regisseur*innen Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti erzählen die Geschichte einer jungen Frau, die ihre Freiheit will.

Sibel (Damla Sönmez) ist die Tochter des Bürgermeisters (Emin Gürsoy) von Kuşköy, einem Dorf in Giresun, wo die Pfeifsprache noch bekannt ist. Außer zu ihrem Vater hat Sibel zu Narin (Meral Çetinkaya) den engsten Kontakt. Narin ist eine alte Frau, die ihren Verstand verloren hat und vergeblich auf die Rückkehr ihres Verlobten wartet. Sibel ist auf einer ständigen Suche und auf der Jagd nach einem Wolf, der sich im Wald befinden soll und vor dem sich die Dorfbewohner*innen fürchten. Sie will diesen Wolf töten, um eine Anerkennung von Seiten der Dorfbewohner gewinnen zu können.

Auffallend ist die furchtlose und sichere Art, wie Sibel mit dem Gewehr ihres Vaters durch den Wald läuft. Der Wald erscheint durch die nebelige Hervorhebung im Film düster, jedoch ist er gleichzeitig auf eine interessante Art der Ort, wo Sibel sie selbst sein kann.

Familienessen mit Sibel (Damla Sönmez), Fatma (Elit Iscan) und Emin (Emin Gürsoy)

Während der Suche nach dem Wolf begegnet sie Ali (Erkan Kolçak Köstendil), der vor dem Wehrdienst geflüchtet ist und sich im Wald versteckt. Zwischen den Beiden entsteht ein kurzer Kampf, bei dem Ali in eine Grube fällt und sich dabei das Bein verletzt. Nachdem Sibel ihn pflegt und jeden Abend in sein Versteck geht, entsteht zwischen ihnen eine engere Beziehung, welche sich ziemlich schnell im Dorf herumspricht. Dass Sibel sich am späten Abend alleine mit einem Mann – und dann auch noch mit einem, der den Wehrdienst verweigert – trifft, wird als Verletzung der Familienehre aufgefasst

Im Laufe des Films entwickelt Sibel eine emanzipierte Haltung und lehnt sich verstärkt gegen ihren eigenen Vater auf, der die Beziehung zu Ali missachtet. Sibel zeigt, wie eine junge Frau einen Wandel in den patriarchalischen Denkstrukturen der Gesellschaft herbeiführen kann, indem sie mutig und selbstsicher genug ist, das zu machen, was sie für richtig hält – und dafür braucht sie nicht einmal ihre Stimme.

Weil der Film ohne jegliche Spezialeffekte auskommt, unterstreicht gerade diese Schlichtheit die Botschaft des Films intensiver. Es wird einmal mehr bewusst, wie stark immer noch Strukturen existieren, die Frauen unterdrücken. Und zugleich zeigt Sibel, dass es sich lohnt, dagegen anzugehen. Nicht nur Frauen können von ihr lernen.

Text: Zeynep Ünal
Fotos: promo


Wo der Film zu sehen ist, könnt ihr hier nachgucken.


Immer wieder stoßen wir auf begeisternde Filmemacher*innen, die das deutsch-türkische Verhältnis prägen. Zum Beispiel haben wir Nebil Özgentürk getroffen und über seinen Dokumentarfilm über Gastarbeiter*innen gesprochen. Neslihan hat hier außerdem Stereotypen im deutschen und türkischen Film analysiert.