Das Atelier von Nur Gürel liegt etwas versteckt in einer kleinen Seitenstraße in Kadɪköy, Istanbul. Der große Raum, den sie sich mit ihrem Mann, dem Fotografen Aydɪn Büyüktaş, teilt, ist voll mit Ölfarben und Pinseln, Zeichnungen und Notizen – und natürlich den Werken der türkischen Künstlerin selbst. Große Wallpaper, Magazine und auch Fotografien säumen die Wände, allesamt verändert, übermalt, vergrößert, verkleinert und zumeist ergänzt um weitere Elemente: Hier ein Su­permodel mit üppigen Schenkeln und Oversize-Maßen, dort die Istanbuler Tram vor den Skyscrapern New Yorks. Nur Gürels Kunst zeigt eine universal kritische Auseinandersetzung mit dem Leben und der Gesellschaft im Zeitalter des Konsums und nutzt dabei alle Mittel der Manipulation und des Kontrasts.

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Nur Gürel liebt es, Bilder zu manipulieren. Illustrationen und Alltagsgegenstände werden bei ihr so verän­dert oder kombiniert, dass sie in einen neuen Sinnzusammenhang gerückt werden – wie es auch beim Readymade der Fall ist. Dabei beschreibt Gürel den Arbeitsprozess selbst als eine Art Spiel, besonders im Hinblick auf ihre jüngste Serie Toy with proportions: „Genauso wie man in seiner Kindheit Augenbrauen und Schnurrbärte in Kreuzworträtselbilder gemalt hat, habe ich einfach damit angefan­gen, die ‚idealen‘ Frauen etwas fetter zu machen“. Die fertigen Arbeiten an der Wand beweisen Letzteres eindrucksvoll: Kate Moss lächelt gewohnt mädchenhaft, bringt dabei aber rund 100 Kilogramm mehr auf die Waage und das Intimissimi-Model präsentiert die Wäsche nicht minder erotisch, aber mit ungewohnt üppiger Figur. Als Ausgangsmaterial für diese Arbeiten dienten Illustrationen aus Lifestyle-Magazinen wie der Vanity Fair, Vogue oder Cosmopolitan. Nur Gürel thematisiert so auf spielerisch-ironische Art und Weise die bestehenden Kontroversen zwischen Idealvorstellung und Realität.

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Gürel wollte sich bei dieser Arbeit aber nicht nur kritisch mit dem Bild kommerzieller Lifestyle- und Beauty-Idealen auseinandersetzen, sondern auch weitaus politischere Themen aufgreifen. Gerade liegt auf ihrem Arbeitsplatz eine Serie, in der sie Magazin-Illustrationen politischer Persönlichkeiten und Insti­tutionen in den Kontext des Vanitas-Motivs “Memento mori” (lat. „Gedenke des Todes!“) rückt. Als Hilfsobjekt dienen ihr dabei Tierkadaver. Zum Beispiel ein gehäuteter Schafskopf, den sie auf Portraits von Menschen wie Hilary Clinton malt – eben jenen Handlungsakteuren, die zur gegenwärtigen politischen Geografie erheblich beigetragen haben. Eine Reihe mit vom Aussterben bedrohten Pflanzen und Tieren ist ebenfalls entstanden, bei der sie die bedrohten Arten auf Fotografien von Soldaten gezeichnet hat. Nur Gürel möchte auch mit diesen Bildern eine kritische Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen, idealisiert dargestellten politischen Systemen provozieren. Dabei dient das Vanitas-Motiv aber nicht nur als Mittel zum Zweck, sondern soll zugleich auch die Vergänglichkeit als unabdingbare Eigenschaft populärer Kultur hervorheben.

_MG_4560Auch Gürels vorherige Arbeiten sind bestimmt durch die manipulative Kombination verschiedener Materialien, unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihrer Thematik. In den beiden Projekten Yɪğɪn/Mass und Kuşatma/The Siege beschäftigte sich die Künstlerin mit urbanen Transformierungsprozessen – Entwicklungen, die Gürel in Istanbul vor der eigenen Haustür mitverfolgen kann und mit Hilfe ihrer Kunst dokumentieren wollte. Zunächst verwendete sie Wallpaper mit Landschaftsaufnahmen, die sie in Stadtansichten einarbeitete. Doch mit den zunehmenden städtebaulichen Veränderungen schien das Erscheinungsbild Istanbuls mehr und mehr Metropolen wie New York und Dubai zu gleichen. Als Reaktion darauf begann Gürel, Kulissen und signifikante Elemente ihrer Heimatstadt in andere Stadtpanorama-Tapeten einzuarbeiten: Ortaköy vor der Brooklyn Bridge, Haydarpaşa vor der Skyline Dubais – unterschiedliche Metropolen, die in Gürels Bildern tatsächlich eine trügerische Einheit bilden.

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Die Künstlerin ist stets darauf bedacht, ihre Kunst in den internationalen Kontext zu situieren und nicht nur auf das „Lokale“ zu setzen. „Jeder soll schließlich meine Arbeiten verstehen können“, sagt Gürel. Aus diesem Grund greift sie auch auf globale Persönlichkeiten wie Barack Obama oder eben Abbildungen von Städten wie New York zurück. Zukünftig möchte sie ihre aktuellen Werke aus Toy with proportions auf Großformate übertragen. Auch das Arbeiten mit Plakatwerbung ist angedacht. Aus diesem Grund steht die Leinwand mit der in Öl gemalten Frau im Atelier – eine Trockenübung, um die Bilder auf diese Maße bringen zu können. Ursprünglich kommt Nur Gürel aus der klassischen Malerei. Zu der Arbeit mit den Wallpapern kam sie erst 2005 gegen Ende ihres Masterstudiums an der Mimar Sinan Fine Arts University. Damals brachte sie ein Kunst-Workshop zum Thema „Garden“ auf die Idee mit der dekorativen Tapete. Ausgehend von einer Erinnerung aus Kindertagen begann Gürel, auf einer Landschaftstapete das Zimmer ihrer Tante zu zeichnen. Bis heute hat sie an dieser Technik festgehalten und ihren Fokus stets erweitert: vom Zimmer der Tante hin zu den Kulissen Istanbuls und den Lifestyle- und Polit-Ikonen dieser Welt – jede neue Arbeit ein neues Spiel mit der Manipulation.

Autor: Maximiliane Schneider
Fotografien: Maximiliane Schneider, Nur Gürel