Mert lacht laut auf, als ich ihn nach einem Kurban Pazarı in der Nähe frage. Zugegeben, für einen Vegetarier ist es nicht unbedingt üblich, einen Markt aufzusuchen, auf dem Opfertiere gehandelt werden. Doch Mert fragt nicht weiter nach, sondern nennt mir ein paar Orte, an denen ich seiner Meinung nach fündig werden sollte. Ich will mich auf einem dieser „Opferbasare“, die in den Tagen vor dem islamischen Opferfest provisorisch in Istanbul errichtet werden, einmal umsehen. Das Problem ist nur, ich finde keinen. Alle genannten Adressen in den Istanbuler Stadtteilen Maltepe und Kartal sind verwaist. Sollten die Menschen etwa aufgehört haben, sich ein Tier zum jährlichen Schlachten zu kaufen? Spielt die Erinnerung an Abraham und das Verteilen des Fleisches an die Armen keine so große Rolle mehr?

Zumindest Mert hat sich bereits ein Schaf gekauft. Für ihn und seine Familie ist das Schlachten eines Opfertiers farz (arabisch/deutsch farḍ) also obligatorisch, sofern man es sich leisten kann. Diese Kategorie entstammt den fünf Beurteilungen (al-Ahkām al-chamsa) islamischer Rechtsprechung und gibt den Gläubigen vor, was sie zu tun und zu lassen haben. Neben “obligatorisch” gibt es natürlich auch “verboten” (haram) und die dazwischenliegenden Kategorien “empfohlen”, “erlaubt” und “verpönt”. Doch im Falle des Schlachtens eines Tieres zum Opferfest sind sich die islamischen Gelehrten uneins: Manche betrachten es lediglich als eine empfohlene Tradition und damit als weit weniger wichtig als beispielsweise die fünf Säulen.   

Der Bezug zu den Säulen des Islams ergibt an dieser Stelle durchaus Sinn, denn das islamische Opferfest, im Türkischen Kurban Bayramı genannt, findet während der jährlichen Pilgerreise nach Mekka statt. Aufgrund des islamischen Mondkalenders verschiebt sich das Datum jedes Jahr um elf Tage. Nach jenem Kalender beginnt das viertägige Fest am zehnten Tag des Monats Dhū l-Hiddscha, dessen Name sich von der bereits genannten Pilgerfahrt ableitet. Auch wenn es von verschiedenen Bräuchen begleitet wird, steht das Opfern im Zentrum dieser Feierlichkeiten. Erinnert wird an İbrahim bzw. Abraham, dessen Geschichte nicht nur im Koran in Sure 37,99–113 erzählt wird, sondern auch ein Bestandteil des Alten Testaments ist (Genesis 22,1–19). Knapp zusammengefasst: Gott trägt ihm auf, seinen einzigen Sohn Isaak zu opfern. Kurz bevor dies geschieht, schreitet Gott durch einen Engel ein, erkennt Abrahams Willen an und bietet einen Widder als Austausch. Gott lässt verkünden, dass Abrahams Nachkommen die Völker der Erde einen werden, was ihn wiederum zum Stammvater der drei Weltreligionen macht.  

 

Diese Geschichte ist es also, auf die sich das islamische Opferfest bezieht. Mit der Schlachtung eines Tieropfers gedenken besonders sunnitische Muslim*innen dem beinahe erbrachten Menschenopfer Abrahams. Dabei muss es heute nicht unbedingt ein Widder als Ersatz sein. Auch Rinder, Kamele oder Wasserbüffel werden je nach Region durch einen Schnitt in die Kehle geopfert. In türkischen Dörfern – und manchen dörflich geprägten Stadtteilen Istanbuls – ist es auch heute noch üblich, dass die Schlachtung vor dem eigenen Haus stattfindet. In den Häuserschluchten der Metropole ist das jedoch nicht möglich. Daher richten die einzelnen Kommunen bestimmte Sammelstellen ein, bei denen die Gläubigen ihr Tier durch Profis opfern lassen können. Auch Mert wird nicht selbst zum Messer greifen, sondern die ungefähr zehn Minuten des Ausblutens an einer dieser Stellen abwarten. Dann wird er sein Schaf nach Hause bringen und dort unter der Familie und den Bedürftigen der Nachbarschaft aufteilen.

Früher, als Kerim noch jünger war, hat er noch selbst das Messer angesetzt. Doch für den Familienvater spielte das Opfern eines Tieres nie eine so bedeutende Rolle, denn für ihn als Alevit bestand keine Pflicht zum Tieropfer. Vielmehr übernimmt das Cemevi, das alevitische Gotteshaus, die Schlachtung und Armenspeisung innerhalb der Gemeinde; und das nicht nur zum Opferfest. Bedeutender für Aleviten ist die 12-tägige Trauer- und Fastenzeit, die sich an das Opferfest anschließt. Hierbei gedenken die Aleviten, wie auch die Schiiten an das Martyrium von Kerbela, bei der sie es versäumten, ihrem Imam Hussein beizustehen. Doch das ist wieder eine andere Geschichte… Für Kerim jedenfalls kommt heute weder das Schlachten eines Tieres noch der Verzicht auf Essen, Trinken und Duschen infrage. Er hat sich von jeglichem Glauben abgewandt. Am Ende meines Spaziergangs durch Istanbul werde ich doch noch fündig: Hinter einer maroden Mauer aus Stein und Beton bilden ein paar zusammengenagelte Latten zwei provisorische Ställe mit etwas Auslauf. Hier liegen ungefähr dreißig Schafe und noch einmal so viele Ziegen im Schatten der über sie gespannten LKW-Planen. Ein alter Mann und ein kleiner Junge trinken Tee. Sie warten auf Kunden, während ich schnell ein paar Fotos schieße. Eigentlich bin ich erleichtert, dass ich keinen der großen Viehmärkte gefunden habe, auf denen Rinder, Ziegen und Schafe dicht gedrängt auf ihren Verkauf und damit ihren Tod warten. Doch auch beim Anblick dieser kleinen Herde wünsche ich mir, dass sich kein Käufer für sie findet.

Ob zumindest in Istanbul die Zahl derer, die zum Opferfest ein Tier schlachten, tatsächlich abnimmt, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Doch mittlerweile werden den Gläubigen auch Alternativen geboten. So finden sich beispielsweise in den Metrostationen große Werbetafeln von Stiftungen, auf denen für ein „bezahltes Opfer“ geworben wird. Für 750 TL, so heißt es dort, übernimmt die Organisation den Kauf und die Schlachtung eines Tieres, dessen Fleisch dann an die Armen in aller Welt verteilt werden soll. Ob es sich bei dieser Armenspeisung ausschließlich um Fleisch handelt, bleibt allerdings unklar.

Text und Fotos: Navid Linnemann


In unserer Reihe “Islam für Anfänger” erklären wir euch, Traditionen, Begriffe und Feste des Islam. Hier geht es beispielsweise um den Fastenmonat Ramadan.