Gizem Güven macht analoge Fotos und verteilt diese als Postkarten an den Orten, die sie bereist. Ihre Kunstaktion “Postcards on the Road” teilt sie auf Instagram und erhält sowohl online als auch offline die unterschiedlichsten Reaktionen. Unsere Autorin Sevda hat mit Gizem über die Idee hinter dem Projekt und den Reiz des Analogen gesprochen.

Rund um Silvester hören wir immer wieder davon: Neujahrsvorsätze. Manche*r will mehr Sport machen, andere sich mehr Zeit für sich selbst nehmen oder endlich die lang ersehnte Reise machen. Ich für meinen Teil habe mich bereits 2018 einer ganz anderen Herausforderung gestellt: Im April letzten Jahres beschloss ich, einen „Digital-Detox“ einzulegen. Ich wollte wissen, wie lange ich ohne Facebook, Snapchat und Instagram aushalten würde und merkte schnell, dass ich es bis heute kein bisschen vermisse. Statt die Menschen in meinem Leben, deren Erfolge, Urlaube oder Alltag passiv auf den sozialen Medien zu verfolgen, rufe ich sie an, schicke ihnen Sprachnachrichten auf WhatsApp oder besuche sie. Ich investiere hierfür gerne meine Zeit und Energie. Und wie es scheint, bin ich da nicht die Einzige, die ihr Leben gerne mehr analog gestaltet.

Analog ist selten perfekt

Auch Gizem, eine Mittzwanzigerin aus Aachen, reiht sich in diese Gruppe ein. In ihrer Freizeit oder im Urlaub, erzählt Gizem mir, geht sie gerne mit ihrer analogen Kamera spazieren, um schöne Momente beziehungsweise Szenerien mit dieser festzuhalten. Im Gegensatz zu der heutigen Weise zu fotografieren, hat man bei der analogen Kamera nur einen Versuch. Hier geht nicht darum, ein perfektes und makelloses Foto zu schießen, sondern den Moment so aufzunehmen, wie er ist – nicht perfekt und sehr real. Manche Fotos sind also überbelichtet oder nicht ganz scharf, aber das ist unwichtig. Das Ganze soll eine Momentaufnahme darstellen. “In einem Leben voller Chaos ist es wichtig, kleine Details zu entdecken, die deinen Tag versüßen sollen”, so Gizem.
Ihre Kunst verteilt sie an den unterschiedlichsten Orten

Diese Fotos veröffentlicht die studierte Literatur- und Sprachwissenschaftlerin schließlich nicht nur auf Instagram, sondern lässt sie auch als Postkarten drucken. Weiter erzählt sie, dass sie auf die Rückseite eine Kurznotiz mit der Bitte um Rückmeldung drucken lässt. Diese Postkarten verteilt sie schließlich an Orten, die sie bereist, wie Istanbul oder Mardin im Südosten der Türkei, willkürlich in der Innenstadt. Die Reaktionen auf ihr Tun fielen bis jetzt sehr unterschiedlich aus. Während Familienmitglieder ratlos nach dem Sinn ihres Vorhabens fragten, waren die Fremden, die ihre Karten fanden und darauf reagierten, sehr positiv gestimmt.

Fremde berühren und Dialog anregen

Die junge Aachenerin war letztes Jahr im Atelierhaus in Aachen bei dem Projekt Kunst im Quartier „Kultureller Austausch Aachen Nord“ tätig. Aachen Nord, klärt sie mich auf, gelte als “sozialer Brennpunkt” mit einer hohen Arbeitslosigkeitsrate und hohem Anteil an Bewohner*innen mit Migrationshintergrund. Ziel des Projekts war es, den kulturellen Austausch zwischen den Bürger*innen anzuregen. Zuletzt absolvierte Gizem ein Praktikum im Kunstmuseum Ludwig Forum Aachen. Auch in der Zukunft will sie sich mit Kunst und Kultur befassen und sich in Richtung Kunstpädagogik weiterbilden. “Die Welt ist sozusagen meine Ausstellung, die ich dafür nutze, Menschen auf kreative Art miteinander zu verbinden” so Gizem. Das Künstlerische ist also eines der Gründe für ihr Projekt. Den nächsten Grund haben Gizem und ich gemeinsam: der Wunsch nach mehr „Effort“ im Privatleben. Für sie reicht es nicht, Fotos zu schießen – sie will diese mit der guten alten Methodik vollbringen und sie nicht nur im Netz hochladen, sondern Fremde damit erreichen und berühren.

Das Projekt geht beständig weiter

Über Reaktionen und Feedback zu ihren gefunden Postkarten freut Gizem sich besonders. Manchmal reicht nämlich ein schnell getätigter „Like“ unter dem Beitrag auf Instagram nicht, manchmal will man ein bisschen mehr Zeit und Energie investieren und auch zurück bekommen. Im Frühjahr 2019 soll ihr Projekt weitergehen: Immer auch mit dem Wunsch nach ein bisschen Retro und ein bisschen Romantik.

Text: Sevda Arican
Fotos: Gizem Güven


Auch Marta Sömek macht ihre Fotografie auf Instagram sichtbar. Ihre Fotoserie “Reflections” aus den Straßen Istanbuls haben wir hier vorgestellt.