Der Bevölkerung in Deutschland die türkische Kultur näher bringen, stereotype Bilder über die Türkei abbauen und gleichzeitig der türkischstämmigen Bevölkerung den Zugang zu deutschen Kultureinrichtungen erleichtern: aus diesen Wünschen heraus gründete sich 2014 in Bremen das „Kulturforum Türkei“. Wir trafen Bülent Uzuner zu einem Gespräch in seinem Bremer Büro. Der Vorsitzende des Vereins erzählte uns von den spannenden Projekten, die das Kulturforum in den vergangen zwei Jahren bereits auf die beide gestellt hat und wofür der Verein genau steht.

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Das Kulturforum Türkei ist…

… ein Verein, der sich aus einer heterogenen Gruppe von etwa 25 ehrenamtlich aktiven Menschen zusammensetzt, die entweder selbst türkische Wurzeln besitzen oder einen persönlichen Bezug zur Türkei haben. Das Forum schafft einen Raum für die Begegnung deutsch- und türkischstämmiger Menschen, die normalerweise vielleicht nicht unbedingt aufeinander treffen würden. Der Verein organisiert gemeinsame kulturelle Ausflüge wie Konzert- oder Museumsbesuche. Diese kulturellen Begegnungen sind „die beste Form, um Menschen dafür zu interessieren und Menschen zusammenzubringen“, so Bülent Uzuner.

Zudem organisiert das Kulturforum Konzerte, Theater- und Filmaufführungen mit explizitem Türkeibezug, um dem deutschen Publikum ein möglichst breites Bild von der Türkei zu zeichnen. Denn „türkische Kultur ist mehr als Döner und Folklore. Und mit jeder Veranstaltung, die wir durchführen, erweitern wir den kulturellen Horizont der etablierten Gesellschaft.“

Die Mitglieder sehen sich als „demokratische Weltbürger*innen“, die keine Politik machen oder Religion fördern wollen, sondern durch Kulturveranstaltungen ohne staatlichen Einfluss den deutsch-türkischen Austausch leben.

Das Kulturforum Türkei setzt sich ein für …

… die Wertschätzung der türkischen Sprache. Besonders junge Menschen sollen dazu ermutigt werden, Selbstbewusstsein gegenüber ihrer eigenen Sprache und Kultur zu entwickeln. Durch ein Projekt, welches das Kulturforum initiierte, ist es heute zum Beispiel an neun Grundschulen möglich, Türkisch als Wahlfach zu belegen.

Des Weiteren bemüht sich der Verein um die Sichtbarmachung der sogenannten „Gastarbeiter*innenkultur“. Durch Kooperationen mit Museen sollen die Veränderung der Bremer Stadtentwicklung und die Geschichte der türkischen Einwander*innen als Teil deutscher Geschichte begreifbar gemacht werden. „Wir finden, dass besonders die Leistung der ersten Generation überhaupt nicht wertgeschätzt wird.”

Ein besonderes Highlight des Programms vom Verein ist die Organisation einer deutsch-türkischen Kohlfahrt. (Für die Ratlosen: Mit dem ersten Frost beginnt in Norddeutschland die Kohlfahrtsaison. Eine Kohlfahrt ist ein traditioneller mehrstündiger Spaziergang mit einer Gruppe von Freund*innen, der mit verschiedenen Spielen bereichert wird. Am Zielort, in der Regel ein Gasthof, warten dann frischer Grünkohl und Pinkel auf die hungrige Wandermeute.) Das Kulturforum Türkei organisiert jedes Jahr eine solche Kohlfahrt mit kulturellem Beitrag, schweinefleischfreier Pinkelwurst, einer Tombola (Hauptgewinn: eine Reise nach Istanbul) sowie einem bilateralen Kohlkönig*innenpaar, das die nächste Kohlfahrt organisieren darf.

Möglichkeiten, mitzumachen …

Bülent Uzuner fällt die Antwort leicht: „Jeder kann sich an uns wenden und sagen: Ich möchte mitmachen! Vor allem junge Menschen sind herzlich willkommen.“

Die Mitglieder des Kulturforums treffen sich regelmäßig einmal im Monat. Um sich aktiv in dem Verein zu engagieren, ist es jedoch nicht notwendig, extra Mitglied zu werden. Über das Einbringen von Ideen, bei denen ihr glaubt, dass sie mit dem Kulturforum umsetzbar wären, freut sich der Verein genauso wie über praktische Hilfe, wie zum Beispiel bei der Pflege der Homepage.

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Besondere Momente …

Als ich Bülent Uzuner nach besonderen Momenten in seiner bisherigen Vereinstätigkeit frage, fangen seine Augen an zu leuchten und er beginnt zu erzählen: „Besonders schön und auch rührend war das Konzert von Nihan Devecioğlu mit einem internationalen Quartett letztes Jahr. Dies fand in einem ehrwürdigen alten Sendesaal von Radio Bremen statt. Die Veranstaltung war komplett ausverkauft und am Ende gab es sogar Standing Ovations. Nach dem Konzert saßen und tranken die Besucher noch lange gemeinsam in einer Gaststätte. Da habe ich gedacht: Ja, das wollen wir eigentlich erreichen.“

„Ein ganz besonderer Moment für uns war auch – und ich bin froh dass wir das gemacht haben – im Bremer Bürgerpark einen Maulbeerhain anzulegen. Wir haben fünf Maulbeerbäume gespendet und eine kleine Tafel mit einem berühmten Gedicht von Nâzım Hikmet platziert. Hinterher haben wir erfahren, dass es durchaus Kritik an der Aktion gab. Ich bin froh, dass wir das gemacht haben. Jetzt sind die Bäume da und die Bürgerparkbesucher und die Vögel erfreuen sich an den süßen Früchten. Es ging uns vor allem darum, zu zeigen, dass vor vielen Jahren Menschen hergekommen sind, die letztendlich einen Teil ihrer Kultur und auch der Vegetation mitgebracht haben.“

Wünsche für die Zukunft …

Neben ein bisschen mehr Aufmerksamkeit von der Politik wünscht sich der Verein vor allem eines: ein Denkmal für die Einwanderer*innen der ersten Generation und eine feste Einrichtung. Räumlichkeiten, in denen kontinuierlich Veranstaltungen stattfinden können, in denen Sprachunterricht angeboten werden kann, und eine Bibliothek zum Lesen und Musikhören.

Das langfristige Ziel ist also, ein Kulturhaus einzurichten, wo die türkische Sprache und Kultur gelebt und wertgeschätzt wird. Räume, in denen Begegnungen verschiedener Menschen mit den unterschiedlichsten Geschichten ermöglicht werden können.

Weitere Informationen über das Kulturforum Türkei und die Anmeldung für den Newsletter des Kulturforums findet ihr hier.

Für weitere Organisationen, Vereine und Plattformen, die sich mit dem deutschsprachig-türkischen Austausch beschäftigen, schaut euch unsere MAVI-Map an und klickt euch durch die Marker.

Text: Olan Scott Pinto
Redaktion: Yasemin Bodur
Bilder: Kulturforum Türkei