Wenn Kabarettist*innen auf der Bühne stehen, verbringt das Publikum weite Teile des Abends mit Lachen. Doch die Künstler*innen haben noch eine weitere Aufgabe. Diese ist im aktuellen Programm „FatihMorgana“ von Fatih Çevikkollu gut zu beobachten, denn das Publikum soll zum Mit- und Nachdenken angeregt werden. Irritationen mit ernsten Themen zwischen gelöster Heiterkeit. In „FatihMorgana“ geht es um das Scheinbare, was oft nicht dort ist, wo man es zunächst vermutet. Maviblau war an einem der beiden Auftritte im SUPA Suriye Pasaji Salon mit dabei und hat sich auf den angebotenen Perspektivwechsel des Kölner Komikers eingelassen.

Fatih Çevikkollu sah sich, wie viele andere deutsch-türkische Künstler*innen, damit konfrontiert, in eine Schublade gesteckt zu werden. Vor seinem Erfolg als Kabarettist auf Kleinkunstbühnen wurde er in der Rolle des Murat Günaydin in der Sitcom „Alles Atze“ (1999-2006) einem breiteren Publikum bekannt. Die Rolle des Murat widersetzte sich allerdings den zahlreichen Konfrontationen mit Stereotypen. Mal mehr, mal weniger erfolgreich. Auch Çevikkollus erstes Soloprogramm „Fatihland“ behandelte noch die verschiedenen Aspekte seiner Persönlichkeit. „Es gibt ein Gesetz,“ sagt Çevikkollu, „dass du auf der Bühne erst einmal das Offensichtliche verhandeln musst. Ich sehe dich und du musst dich dazu in Beziehung setzen. Dann geht es los mit der Sprache, der Irritation. ‘Er sieht aus wie Ali, spricht wie Hans. Was ist denn da los?’“ Die Erwartungen des Publikums zu brechen, ist für den Kabarettisten der spannende Punkt seiner Arbeit.

In seinem nunmehr sechsten Bühnenprogramm „FatihMorgana“ muss sich Fatih Çevikkollu dem Publikum nicht mehr vorstellen. Das bietet ihm die Gelegenheit, eine übergeordnete Position einzunehmen und auf das Türkische, das Deutsche und das Kölsche nur punktuell zurückzugreifen. Meist dann, wenn er seinem Publikum die eigene Denkweise bewusst machen will. So zum Beispiel, wenn er den fast cholerischen Deutschen mimt und sich augenscheinlich über diese übersteigerte Aufregung belustigt. Doch es gehe darum, „dass man nicht einfache Lösungen, einfache Sätze, einfache Gags, sondern eine gewisse Komplexität aufbaut. Das gilt es auch abzufordern und da auch eine Irritation, eine Provokation zu erzeugen, um die Zwischentöne zu finden.“ Çevikkollu erzählt daher nicht von Ali und Hans, sondern von Ali-Hans.

Mit dieser Vorgehensweise regt er immer wieder zum Nachdenken an. Anstelle einer rein türkisch-deutschen Thematik geht es an diesem Abend viel um digitale Eingeborene und digitale Migrant*innen, deren Integrationsanforderungen Parallelen zu anderen Migrationsbewegungen unserer Zeit erkennen lassen. Von einem Epochenumbruch ist die Rede, genauso, wie vom Heimathorst, Kohls Spendenaffäre und dem Humor über Religionen. Darf man das, fragt Fatih Çevikkollu sein Publikum. Im SUPA Salon ist es in diesem Moment ganz still. Mit einer Feldstudie anhand zweier Witze über Christentum und Islam zeigt Çevikkollu die Unterschiede auf. Politisch korrekt klingt das Lachen zunächst verhalten, doch es wird im Laufe des Abends vom Künstler immer mehr aufgebrochen, immer mehr befreit.

Sein Ziel sei es, das Publikum dort abzuholen, wo es stehe, sagt Çevikkollu nicht nur im anschließenden Gespräch, sondern schon bei der Begrüßung auf der Bühne. Das Istanbuler Publikum steht an diesem Abend an einem etwas anderen Punkt als in Deutschland. Themen wie der Skandal um den deutschen Verfassungsschutzpräsidenten zünden als Pointe weniger. Sie sind dem Publikum teilweise unbekannt. Ganz anders sieht es mit sprachlichen Einschüben aus. Hier nutzt Çevikkollu die Zweisprachigkeit der Anwesenden. „Das Programm ist schon eins zu eins so, wie ich es in Deutschland spiele. Du kannst aber zwischendurch mit Allah Allah und Tövbe Tövbe die Leute hier noch mal ganz anders abholen.“ Besonders am Ende des Abends kocht das Publikum im sonst eher gemütlichen Salon, als der Kabarettist auf das Stilmittel seiner Instagram-Kolumne „Van Minut“ zurückgreift. Er spricht in einem Sprachmix, den nur die verstehen, die sowohl Deutsch als auch Türkisch beherrschen. Eine wahre Punktlandung am Bosporus.

Nach den Aufforderungen zum selbstständigen Nachdenken und den daraus resultierenden kurzen Pausen des Grübelns bleibt vor allem Fatih Çevikkollus Botschaft im Gedächtnis: „Kabarett ist ein Denkraum, einer denkt vor der andere denkt nach.“ Es ist dieser gesellschaftlich wichtige Resonanzraum, den Çevikkollu gut zu füllen weiß. Egal, wie viel auch gelacht wird. Ganz gleich, wie humoristisch die Themen behandelt werden, im Kern der Sache geht es immer um das Bewusstsein einer politischen oder gesellschaftlichen (Problem-)situation, deren Auflösung nicht der Künstler, sondern das Publikum selbst finden muss. Seine letzte Botschaft an uns lautete daher auch schlicht: „Ab jetzt wieder selber denken!“

Text: Navid Linnemann
Redaktion: Yasemin Bodur
Fotos: Fatih Çevikkollu


Fatih Çevikkollu ist mit seinem Programm „FatihMorgana“ in den kommenden Monaten unter anderem in Köln, Düsseldorf, Hannover, Berlin, Mainz und Freiburg zu sehen. Infos zu den Tourterminen gibt es unter www.fatihland.de – Übrigens macht Fatih Çevikkollu auch wieder Musik mit seiner Band Shakkáh, die 1996 ihre erste Platte rausbrachten.