Okay, ich gebe es zu. Seitdem ich in Istanbul bin, habe ich einen kleinen Spleen mit Schaufensterpuppen entwickelt. Ehrlich, ich habe noch nirgends eine solche Ansammlung  absurder Situationen gesehen, in die Schaufensterpuppen gebracht werden wie hier. Ich weiß, Schaufensterpuppen sind einfach nur in Menschenform gegossenes Plastik. Aber irgendwie empfinde ich dennoch Mitleid, wenn ich sie halb entblößt und in Windeln gewickelt vor Apotheken stehen sehe, wenn man ihnen die Beine aus unerfindlichen Gründen grün färbt oder sie auseinandergeschraubt, in ihre Einzelteile zerlegt auf der Straße stapelt, um sie zum nächsten Bestimmungsort zu bringen.

Vielleicht bin ich einfach nur etwas sentimental oder prüde. Von der Lockerheit, wie hier mit dem menschlichen Körper umgegangen wird, kann ich mir definitiv eine Schreibe abschneiden. Und gleichzeitig über Dinge wie das Bild der Nacktheit im öffentlichen Raum in der Türkei und Mode und ihre Inszenierung philosophieren. Wer mitmachen will: hier ein paar inspirierende Bilder.

Entblößt und in ihre Einzelteile zerlegt warten hier drei Herrenkörper auf ihren Abtransport – wie bestellt und nicht abgeholt.

Dies Bild wurde im Winter aufgenommen. Die Dame rechts freizügig oben ohne. Vielleicht ein Statement dazu, dass nicht nur Kleider Leute machen? Oder war es vielleicht nur ein warmer Winter?

Dieser Apothekenwächter zeigt, dass auch medizinische Kleidungsstücke einen gewissen Sexappeal haben können, wenn man Haltung bewahrt, zu viele Karotten allerdings immer noch ungesund sind.

Dieser Mann hat wenigstens etwas an. Allerdings bezweifle ich, dass er seiner hier zugeteilten Aufgabe als Parkauswächer gewachsen ist. Aber er scheint es mit Hingabe zu versuchen.

Auch dieser Herr scheint mit seiner Aufgabe, alle farblichen Variationen der einen Unterhose zu bewerben, leicht überfordert. Auch beachtenswert: die Gesamtkomposition aus Plastikkörper(teil)en und dem Fleisch-Werbeschild direkt daneben.

Der wackelige Stand dieser Puppe, man beachte die Dellen am Kopf, wurde kurzerhand durch eine Eisenkette um den Hals befestigt. Die Assoziationen, die bei Betrachtern hervorgerufen werden, waren hier wohl nebensächlich. Nun ja…

Text und Bilder: Marie Hartlieb
Redaktion: Jonas Wronna