In dieser Reihe stellen wir vor, was das MAVIBLAU-Team so auf der Playlist hat. Vielleicht gibt das dem einen oder der anderen ja neue Inspiration für die eigene Liedersammlung. Diesmal erzählt Yavuz, unser Redakteur, Übersetzer für MAVİLİKLER und leidenschaftlicher Poet, von einem Lied, das ihm Segen gebracht hat.

Wie bist du dem Lied begegnet?

Yavuz: Dieses Lied begegnete mir ganz unerwartet in einem intensiven Moment und ich trage diese Erinnerung an diesen Moment, der für immer mit diesem Lied verwoben ist, wie ein Souvenir mit mir herum.

Ich glaube, wir alle sammeln solche Erinnerungs-Souvenirs. Und diese Souvenirs sind immer mit Tönen und Worten verwoben; und manchmal werden diese Töne und Worte von anderen arrangiert, sind selbst schon Ausdruck solcher Souvenirs; verfasst von Menschen, die wir Dichter oder Musiker nennen. Manchmal berühren die “Souvenirs” solcher Dichter und Musiker uns so intensiv, dass die Wirkung dieses Kontaktes, die wir Gedicht oder Musik nennen, nicht nur Hintergrund ist, sondern den Moment vielmehr verschärft und einen immer wachsenden Dominoeffekt hervorbringt. Ein Souvenir, das aus dem Souvenir eines anderen entsteht. Ich bin jemand, der von diesem Effekt viele Male getroffen wurde und eine dieser Erinnerungen macht sich an einem besonderen Lied für mich fest: “Karlı Kayın Ormanında”

Was ist der Hintergrund zu diesem Lied?

Yavuz: Die Worte stammen aus der Feder eines unserer größten Dichter; Nazım Hikmet Ran. Auf Wikipedia findet man die Informationen, dass „er den größten Teil seines Erwachsenenalters im Gefängnis oder im Exil verbracht hat.“ Damit möchte ich keine politische Andeutung oder so machen. Was ich damit betonen will, ist „weg von den Lieben, weg von der Heimat zu sein.“ Die Gedichte, die er geschrieben hat, als er in Rußland, in Frankreich, in Kuba, in Ägypten war, berührten und beruhigten Millionen von Seelen und das werden sie in der Zukunft auch weiterhin machen. Eines seiner Gedichte, das “Souvenir”, wovon ich erzählen will, wird als “Karlı Kayın Ormanında” bezeichnet.

Die Melodie zum Gedicht wurde von einem anderen feinen türkischen Künstler, Zülfü Livaneli, komponiert. Er ist, neben einem Mann des Kampfes und Subjekt der Entfremdung, auch ein talentierter Künstler. 15 Jahre nach dem Tod von Nazım Hikmet komponierte Livaneli eine herrliche Musik zu diesem wunderbaren Gedicht, und seitdem berühren diese Worte und diese Musik der beiden Millionen von Seelen noch tiefer und stärker. Und so wurde auch ich tief berührt. Und vielleicht werden das auch andere, die das Lied kennenlernen.

Was verbindest du mit dem Lied?

Yavuz:  Ich war damals in Essen und habe einen Deutsch-Sprachkurs gemacht. Nebenbei habe ich für mein Studium Geld verdient und Abends in einer türkischen Kneipe gearbeitet. Es gab eine Band, die jeden Abend Live-Musik spielte. Sie spielten alle Arten von Musik von Arabesk zu Rock, von Pop bis Alternative-Punk, von Türkü bis Country-Musik.  Ich servierte Getränke und Essen und holte leere Teller von den Tischen. An einem Tisch wurde mir von einem schnurrbärtigen Abi mit “sağol kardeşim” gedankt, an einem anderen Tisch begegnete ich einer Gruppe, von denen die Hälfte Deutsche waren, die von ihren türkischen Freunden hergeschleppt worden waren und die versuchten, das Ambiente der Kneipe zu verstehen. Hier fragte man mich schüchtern und förmlich: “Können Sie uns noch ein Glas Raki bringen?” Nach dem dritten Raki-Glas versuchten dann auch die Deutschen die türkischen Liedern mitzusingen. An einer jener fröhlichen Nächte, als ich gerade Lieferungen von unserem Chef entgegennahm, hörte ich diese Zeilen: “Memleket mi, yıldızlar mı, gençliğim mi daha uzak? ” (Ist meine Heimat, die Sterne oder meine Jugend weiter weg?)

Dies ist eine Zeile aus dem oben erwähnten Gedicht von Nazım Hikmet; von dem oben erwähnten Lied, das Livaneli komponiert hat. Auch damals hatte ich diesen Track schon tausendmal gehört. Aber an jedem dieser Male war ich nicht von zu Hause weg gewesen; ich war mir des Gefühls des Fernseins nicht bewusst gewesen. Doch nun war ich es.

Ich habe alles stehen gelassen und meinem Chef gesagt, dass ich “aus”treten musste. Er war verwirrt, aber ich gab ihm keine Chance zu reagieren und ich bin direkt hinaus gegangen: Aus dem Moment; Aus der Menge; Aus der Täuschung der unmittelbaren Wirklichkeit. Es war mein Augenblick Nazım Hikmets Last zu teilen, die er in Moskau getragen hatte; Es war mein Moment, um dieses Gefühl in Essen wieder zu leben. Jede Szene meiner Reise strömte durch meine Gedanken. Von meinem letzten Tag in Istanbul bis zu dem Moment, in dem ich diesen Job gefunden hatte, bis zu dem Moment in dem nun alles still stand.

Mit der Kraft der Empathie fühlte ich für Nazım Hikmet, es traf mich plötzlich sehr, dass es Menschen überall weg von zu Hause auf der ganzen Welt gibt. In Essen, in Moskau, in Istanbul. Vielleicht gab es einen Mann aus Dortmund, in Galata, in einer Kneipe, der  gerade auch ein Lied hörte, gefüllt mit einem Erinnerungs-Souvenir, und sich nach seinen Lieben sehnte. Und diese Verbundenheit mit damals, heute, hier und dort, diese Unbegrenztheit von Zeit und Raum erfüllte mich. Musik kann ein menschliches Produkt sein, aber sie hat eine göttliche Natur.

Warum empfiehlst du es?

Yavuz: Ich hoffe, dass wir alle von Zeit zu Zeit diese Berührung durch Musik erfahren. Diese Empathie, die uns miteinander verknüpft. Die Souvenirs unserer Erinnerungen und derer um uns. Die Souvenirs, die große Dichter mit uns teilen. Musik soll uns Segen bringen.

Karlı kayın ormanında
Yürüyorum geceleyin
Efkarlıyım, efkarlıyım
Elini ver nerde elin

Memleket mi yıldızlar mı
Gençliğim mi daha uzak
Kayınların arasında
Bir pencere sarı sıcak

Im verschneiten Buchenwald
gehe ich spazieren des Nachts
Ich bin voller Kummer, voller Kummer.
Gib mir deine Hand, wo ist deine Hand?

Sind die Heimat oder die Sterne
oder meine Jugend weiter weg?
Zwischen den Buchen
ein Fenster gelb und warm.



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