Wir treffen uns mit Çiğdem Akkaya, Gründerin des Rückkehrerstammtisches in Istanbul, auf einen Çay am Bosporus, um mehr über sie und die Hintergründe des Stammtisches zu erfahren.

Çiğdem kam im Alter von 17 Jahren nach Deutschland und hat 24 Jahre dort verbracht. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften an der Ruhr-Universität in Bochum und arbeitete anschließend im Zentrum für Türkeistudien, wo sie sich insbesondere mit Themen wie der Migration und den Türkei-EU-Beziehungen auseinandersetzte. In der Zwischenzeit hatte sie geheiratet und einen Sohn bekommen. „Die Gedanken an eine Rückkehr in die Türkei waren immer mal wieder da“, erzählt sie uns. Im Jahr 2004 stand die Einschulung ihres Sohnes bevor und damit rückte die Frage der Rückkehr im Mittelpunkt: Deutschland oder Türkei? Wo wollen wir unser Leben weiterführen? Çiğdem und ihre Familie entschieden sich für ein neues Leben in der Türkei, in Istanbul, wo sie zunächst als Gesellschafterin in einem Eventunternehmen arbeitete.

2006 initiiert sie gemeinsam mit zwei weiteren Freunden den Rückkehrerstammtisch, in diesem Jahr steht das 10-jährige Jubiläum an. Wir haben sie zu den Anfängen dieses Projektes und dem, was in dieser Zeit bis jetzt alles passiert ist, befragt.

Der Rückkehrerstammtisch ist…

… eine Plattform zum allgemeinen Austausch, Vernetzen und zum Aufbau sozialer Kontakte. In erster Linie nehmen deutsch-türkische Rückkehrer/-innen bzw. Zugewanderte, meist mit akademischem Hintergrund, teil. Doch betont Çiğdem an dieser Stelle, dass der Stammtisch nicht an eine bestimmte Nationalität gebunden ist.

„Der Rückkehrerstammtisch ist zwar keine Institution, aber eine institutionsnahe Plattform“ erzählt sie uns. So haben viele Teilnehmende über diese Plattform ihren Job, ihre Wohnung, ihre Freunde und sogar ihre Mitarbeiter/-innen gefunden. Der Stammtisch wird von vielen Arbeitgebern als geeignete Anlaufstelle gesehen, um beispielsweise deutschsprachiges Personal zu finden. Çiğdem spielt in diesem Rahmen eine elementare Rolle, da sie häufig als Vermittlungsperson fungiert und innerhalb ihres ausgeweiteten Netzwerkes Menschen miteinander bekannt macht.

Der Rückkehrerstammtisch findet einmal im Monat in entspannter Atmosphäre, meistens oberhalb des Cezayir Restaurants in der französischen Straße oder im Supa in der Suriye Pasaji satt und ist für alle Interessenten offen. Aktuell nehmen regelmäßig ungefähr 30 bis 40 Personen teil, meistens verschiedene, aber es gäbe auch einen ‚harten Kern‘.

Der Ursprung des Rückkehrerstammtisches

„Wir haben eine andere Sozialisation als die Lokaltürken“ – Das war der ursprüngliche Antrieb für die Gründung des Rückkehrerstammtisches im Januar 2006. Zu diesem Zeitpunkt war die Rückkehr bzw. Zuwanderung nach Istanbul zu einer Art Trend geworden. So entstand die Idee sich untereinander zu vernetzen, zunächst mit dem eigenen Umkreis. Die Anfrage war enorm: Angefangen mit 12 Personen hat die Teilnahme am Stammtisch durch Mund-zu-Mund-Propaganda, später auch über Xing und Facebook, stark zugenommen. In den Verteilern haben sich mittlerweile drei- bis viertausend Personen angesammelt.

Warum Rück- bzw. Zuwanderung?

„Oft ist es kein abgeschlossener Prozess, sondern mehr ein Versuch in der Türkei Fuß zu fassen, sein Glück zu probieren“, erzählt uns die Gründerin des Stammtisches, „Es ist das allgemeine Gefühl der fehlenden Akzeptanz oder der Diskriminierung, das manche Menschen zunächst in die Türkei treibt“. Einige von ihnen kehren später zurück nach Deutschland. Die Re-Migration, die sich vor allem in den letzten Jahren bemerkbar gemacht hat, habe ihren Ursprung oft in der derzeitigen wirtschaftlichen und politischen Lage der Türkei. Manche fangen aber auch an, bestimmte Werte in Deutschland mehr zu schätzen zu lernen. Sie merken in der Türkei erst, wie „Deutsch“ sie sind und werden sich über ihre Identität erst hier bewusst, so Çiğdem.

Veranstaltungen des Rückkehrerstammtisches

Das monatliche Treffen des Stammtisches wird jedes Mal mit einem Gastvortrag bereichert. Referenten waren zum Beispiel aktuell Kenan Kolat, der ehemalige Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, mit einem Vortrag über Diversity, oder auch deutsche Diplomaten in der Türkei oder Politiker wie die NRW Wissenschaftsministerin, die ehemalige Staatsministerin für Integrationspolitik sowie türkische Journalisten/-innen. Darüber hinaus haben sich auf Xing und Facebook Foren gebildet, die Raum für einen regen Informationsaustausch bieten.

Möglichkeiten, sich selbst einzubringen

Der Rückkehrerstammtisch ist immer offen für Initiativen, wie die Durchführung eigener Projekte, Veranstaltungen und Events sowie anregende Vorträge und Vorschläge für interessante Referenten.
Durch Initiative eines Mitglieds ist zum Beispiel eine Kindergruppe entstanden, die sowohl Eltern und Kinder zusammenbringt.

Besondere Momente…

…gab es in den vergangenen 10 Jahren natürlich sehr viele. Vor Kurzem meldete sich zum Beispiel eine Person bei Çiğdem Akkaya, die vor zwei Jahren am Stammtisch teilgenommen hatte. Mittlerweile arbeitet diese Person bei Mercedes und teilte der Gründerin mit: „Meine Rückkehr verdanke ich Ihnen“. Bei der Reflexion der letzten 10 Jahre stellt Çiğdem fest, dass sie bei der Migrationsgeschichte der Türken und Türkinnen durch den Rückkehrerstammtisch eine aktive Rolle gespielt hat und und weiterhin immer noch spielt, dem wir nur zustimmen können.

Informationen über den Rückkehrerstammtisch findet ihr hier.

Für weitere Organisationen, Vereine und Gruppierungen, die sich mit dem deutschsprachig-türkischen Austausch beschäftigen, schaut euch unsere Online-Map an und klickt euch durch die Marker.

 

Text: Tuğba Yalçınkaya
Bilder: Metin Yerkan

Online-Map: Mert Barış