Wir sind auf ein Treffen mit Thomas Mühlbauer, Besitzer des Türk-Alman Kitabevi verabredet. Die Sonne durchflutet die Istiklal Caddesi, die Haupteinkaufsstraße Istanbuls. Die rote Straßenbahn zieht vorbei, verwirrt-fröhliche Touristen, übermüdete Straßenmusiker, zielstrebige Arbeiter und relaxte Backpacker teilen sich das enge Pflaster. Und dann sitzen da ein paar Besucher des Türk-Alman Kitabevi, das sich direkt neben dem Schwedischen Generalkonsulat befindet, trinken Çay und schwarzen Kaffee, schwatzen und halten ihre Gesichter in die Sonne. Betritt man den geräumigen Laden, ergreift einen gleich eine entspannte, ruhige Atmosphäre. Angenehmes Aufatmen nach dem Istiklal-Wirbel. Thomas Mühlbauer empfängt uns an seinem Stammplatz, hinten am großen Schreibtisch neben der Holztreppe, die in den zweiten Stock führt und direkt unter dem Zitat von Goethe: “Wer Bücher liest, schaut in die Welt, und nicht nur bis zum Zaune”

Das Türk-Alman Kitabevi ist…

“… nicht mehr nur eine deutsche Buchhandlung”, erzählt uns Thomas gleich zu Beginn. “Seit fünf Monaten gibt es im oberen Stockwerk nun auch ein Café.” Dort tummeln sich Reiseerschöpfte, Erasmusstudenten, Lesefreunde und Freelancer, die neben Kaffee, Kuchen und Efes auch die entspannte Atmosphäre, die “chillige Musik” – so ein Eintrag im ekşi sözlük – und die vielen Bücher genießen. Natürlich ist dieser Ort ein Treffpunkt für viele Deutsche oder auch Liebhaber der deutschen Kultur und Sprache. Thomas erzählt, dass das Türk-Alman Kitabevi oft eine erste Anlaufstelle für Deutschsprachige ist, die nach Tipps und Orientierung in Istanbul suchen. Da gibt es dann von den Mitarbeitern von Stadtplanerklärung bis hin zu Lebenstipps jegliche Auskunft für Hilfesuchende. Den ursprünglichen Charakter der Buchhandlung behält das Türk-Alman Kitabevi aber natürlich bei. Von Sprachlernliteratur, deutsch als auch türkisch, über Literaturübersetzungen großer türkischer Romane unddeutscher Literatu bis zu Kinderbüchern und deutschen Zeitungen und Zeitschriften ist eigentlich alles zu finden, was das Leserherz sich wünscht.

Der Ursprung der Buchhandlung…

…war in den 1950ern. Franz Mühlbauer, gebürtiger Österreicher und Vater von Thomas, kam nach Istanbul, eigentlich auf dem Weg in den Iran. Doch er blieb in der Stadt hängen. Er arbeitete in einer Buchhandlung und gründete dann 1955 selber eine. “Im Internet und auf Zeitungsartikeln ranken sich die wildesten Gerüchte”, sagt Thomas. “Wie die zustande gekommen sind, weiß ich nicht. Aber da schreibt irgendwie jeder von jedem ab und schon hält man es für wahr.” Deshalb wollen wir hier feststellen: Nein, Frank Mühlbauer war kein Zirkusarbeiter, seine Frau kam auch nicht als Krankenschwester her um die alte Dame, bei der Frank Neubauer der Legende zufolge die Buchmacherei erlernte, zu pflegen. Thomas’ Mutter kam durch eine Stellenanzeige, die der Vater eingestellt hatte, nach Istanbul und arbeitete dann in der Buchhandlung. Verliebt haben sie sich aber wirklich. Ihre drei Söhne wurden in Istanbul geboren. Als Thomas 12 Jahre alt war, ging es für ihn, durch die Scheidung der Eltern, nach Deutschland. 1991 verstarb dann der Vater und der ältere Sohn Joseph entschied sich, seinen Lebensmittelpunkt wieder nach Istanbul zu verlegen und die Buchhandlung zu übernehmen. Er fragte Thomas, ob dieser ihn dabei nicht unterstützen wolle, und so übernahmen dann Joseph, eigentlich Schreinermeister und Thomas, damals Student der Fachhochschule für Tiefbauwesen, das Türk-Alman Kitabevi.

Veranstaltungen des Türk-Alman Kitabevi & Café…

… gibt es in unregelmäßigen Abständen. Hierbei handelt es sich meist um Events im Bereich der Literatur und deutsch-türkischen Kultur. Da sind zum Beispiel Lesungen oder Autogrammstunden mit Autoren; Auch eine Faust-Vorführung des Schauspielers Haydar Zorlu fand schon in dem geräumigen Café statt. “Oft sind das spontane Aktionen”, erklärt Thomas Mühlbauer. Vor kurzem fragte ein Straßenmusiker nach, ob er ein Konzert in den Räumlichkeiten des Türk-Alman Kitabevi geben könne. Spontan wurde dieses dann organisiert. Thomas meint: “Wir sind generell immer offen für Ideen und Initiativen.” Wenn eine Veranstaltung stattfindet, kann man dies auf der Facebook-Seite des Türk-Alman Kitabevi erfahren.

Regelmäßig findet zur Zeit auch eine kostenfreie Türkisch-Stunde statt. Jeden Mittwoch von 14.00 bis 15.30 Uhr. Der praktische Sprachgebrauch im Level A2/B1 steht im Fokus.

Möglichkeiten, sich selbst einzubringen…

… gibt es zum Beispiel in ebendieser Sprachstunde. Für Projekte und Veranstaltungsideen hat das Türk-Alman Kitabevi immer ein offenes Ohr. Interessenten für Jobs und Praktika können sich auch gerne melden. Die türkische Sprache sollte allerdings beherrscht werden.

Und Thomas’ persönlicher Tipp…

… ist im Moment das Buch: “Generation Erdoğan”. “Das fasst die Geschehnisse in der Türkei und den Verlauf, den das Land bis hierhin genommen hat, ohne großartige Wertigkeit gut zusammen.” Überhaupt findet Thomas die Auseinandersetzung mit der türkischen Kultur unglaublich wichtig. Wer hier her kommt, sollte eine Neugierde für Land, Leute und natürlich für den Fußball mitbringen. Thomas ist heißer Fenerbahçe-Fan, auch wenn die Dauerkarte im Moment wegen der vielen Arbeit eher an Freunde verliehen wird. Und die türkische Sprache, die ist für ihn die Lernmühe wert. “Sie enthält Poesie und Tiefe, die man im Deutschen nicht wiederfindet.”

Besondere Momente im Türk-Alman Kitabevi…

… gäbe es viele, erzählt uns Thomas. Ein Ereignis, das der deutschen Buchhandlung viel Populariät gebracht hat, ist der Film “Auf der anderen Seite” von Fatih Akin, in der die Buchhandlung selbst vorkommt. Entgegen der Erwartung vieler, die dann den Originalort in Istanbul besuchen kommen wollen, wurde die Szene aber nicht im Türk-Alman Kitabevi gedreht. Diese lieh nur die Utensilien. “Damals hatten wir hier in unserem Laden Neonröhren. Fatih meinte, dass unsere Buchhandlung deshalb als Drehort ungeeignet ist.” Die Bücher, Einrichtungsstücke und auch das Aushängeschild des Türk-Alman Kitabevi sind aber original im Film zu sehen.

Informationen über das Türk-Alman Kitabevi findet ihr hier.

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Text: Marie Hartlieb
Bilder: Emily Mahringer

Online-Map: Mert Barış