Ein Land betritt oder verlässt man durch das Passieren von Grenzen. Manche Grenzen ähneln einander, sind steril und unpersönlich – jene auf Flughäfen zum Beispiel. Andere Grenzen erzählen Geschichten, über Orte, Menschen, Trennung, Abgeschiedenheit, Entbehrungen, Chancen, Geografie und Landschaften, Geschichte und Politik. 16 solcher Grenzorte zu den acht Nachbarländern der Türkei besuchten Angelika Brudniak und Cynthia Madansky – und hielten ihre Eindrücke auf Film fest.

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Eine Annäherung an die geopolitische Lage der Türkei

1+8 ist ein Film in acht Episoden über die einzigartige Lage der Türkei zwischen West und Ost, Europa und Asien, der EU und dem Nahen Osten, der anhand der Grenzen zu ihren acht Nachbarländern die Komplexität der geopolitischen Lage des Landes sichtbar macht.

Bei ihrer Grenzerkundung haben die beiden Filmemacherinnen nicht nur türkische Grenzorte besucht, sondern auch deren jeweiliges Gegenüber. Ausgangspunkt der außergewöhnlichen Reise sind die südlichen Grenzen zu Syrien und Irak, gefolgt von den östlichen Grenzen zum Iran, zu der von Aserbaidschan autonomen Republik Nachitschewan, Armenien sowie Georgien und endet mit den nördlichen Grenzen zu Bulgarien und Griechenland.

Der gesamte Film ist eine präzise Beobachtung von sozialen und politischen Verhältnissen, die häufig – aber nicht immer – spezifisch für die jeweilige Region oder die jeweiligen Länder sind. In den südlichen Gebieten dominieren die Frage nach der kurdischen Identität, Gewalt und Krieg sowie die Situation der Frauen – Fragen, die sich in Syrien, dem Irak und dem Iran wesentlich prekärer stellen. An den Grenzen zu Nachitschewan, Armenien und Georgien beeinflusst die sowjetische Vergangenheit die Gegenwart, charakteristisch für Armenien sind die Folgen der tragischen Ereignisse in den Jahren 1915/16, im Norden die strikte Grenze zu den EU-Ländern Bulgarien und Griechenland sowie die dort verlaufenden Flüchtlingsrouten. Gemeinsam ist all diesen Orten der Umgang mit strukturellen Problemen wie Infrastruktur und Arbeitslosigkeit, die Armut und Landflucht bedingen.

1+8 kommt gänzlich ohne Kitsch aus, ohne Luftaufnahmen von Hagia Sophia mit Bosporus im Hintergrund. Stattdessen kreieren Angelika Brudniak und Cynthia Madansky durch das filmische Umrunden des Landes eine andere, subtile und intime Art der Annäherung an die Türkei. Aber nicht nur der Film selbst ist äußerst sehenswert, ebenso interessant ist die Geschichte seiner Realisierung – Angelika Brudniak erzählte mir davon. POMELO_20171218222734_saveGrenzgängerinnen

Der Film 1+8, der 2012 am Istanbuler Filmfestival Premiere feierte, wurde in den Jahren 2010 bis 2012 gedreht. Insgesamt verbrachten die Filmemacherinnen in dieser Zeit fast ein Jahr in den 16 Grenzorten, je drei Wochen auf der türkischen Seite und drei Wochen auf der gegenüberliegenden Seite der Grenze. Ganz bewusst wurden nicht die großen Grenzübergänge gewählt, sondern die kleinen, einfachen Städte und Dörfer.

Man möchte meinen, dass so ein Mammutvorhaben akribisch geplant wurde, allerdings war das Gegenteil der Fall. Brudniak und Madansky recherchierten nur minimal über die jeweiligen Orte, „wir wollten ja nicht unsere Sicht abbilden, was in diesen Orten passiert, sondern wir wollten eigentlich, dass die Menschen sich selbst portraitieren bzw. selbst bestimmen, was sie zeigen wollen“, erzählt mir Angelika. Sie hatten somit keine konkrete Vorstellung davon, was sie filmen wollten, sondern betrachteten das Geschehen und ließen dabei die Kamera laufen – sie stellten keine Fragen, intervenierten nicht.

Die Filmemacherinnen ließen die Menschen einfach reden – in allen zwölf verschiedenen Sprachen, wovon sie nur Türkisch verstanden. Somit war erst nach der Übersetzung klar, welche Geschichten die Menschen überhaupt erzählten. Dieses Vorgehen bedingt eine Natürlichkeit und Spontanität, die den Film charakterisiert, bedarf aber gleichzeitig einer besonderen Vertrauensbasis, sodass die Menschen sich öffnen und mitmachen.

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Wie man das Vertrauen von Menschen gewinnt

Am einfachsten, indem man sich unter das Volk mischt. Darum erfolgt die Anreise zu den Orten stets mit öffentlichen Verkehrsmitteln, also mit Bussen und Minibussen, ganz wie die ortsansässige Bevölkerung. Das nimmt natürlich mehr Zeit und Anstrengungen in Anspruch (v.a. mit dem ganzen Filmequipment), als den nächstgelegenen Flughafen anzusteuern und sich ein Auto zu mieten. Man gewinnt durch diese Art des Reisens dafür den Kontakt zu Menschen, mitunter Schlafplätze und ÜbersetzerInnen und natürlich Informationen. Man bedenke, zwei ausländische Frauen mittleren Alters reisen in irgendeine abgelegene Grenzstadt zwischen der Türkei und dem Irak, um einen Film zu drehen – so etwas macht neugierig und spricht sich schnell herum.

Ein großer Vorteil war auch, dass die zwei Frauen alleine unterwegs waren. So standen ihnen viele Türen offen, sie konnten mit Frauen und Kindern sprechen, was sich mit männlicher Begleitung wesentlich schwieriger gestaltet hätte. „Als Frau hat man nichts Bedrohliches. Auch mit den Autoritäten war es einfacher, mit Polizei und Geheimpolizei. Bei Männern würde man gleich denken, dass man ein Spion oder irgendetwas dergleichen ist. Wir sagten einfach, dass wir einen Film über die Kultur und Küche des Landes machen, dann konnten wir weitermachen.“, erinnert sich Angelika.

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Herausforderungen bewältigen

Die ausgewählten Orte sind sehr klein, daher war es auch einfach, Menschen kennen zu lernen. Vor allem junge Menschen engagierten sich und unterstützten die beiden Filmemacherinnen, wie z.B. eine Gymnasiastin in Armenien, die sehr gut Englisch sprach. In dem Ort gab es kein Hotel, also hat das Mädchen die Filmemacherinnen bei ihrer Familie einquartiert. Der Vater Polizist, der Bruder beim Militär – so wurde der Geheimdienst auf sie aufmerksam, der sie dann auch verhaftete, allerdings weil sich Brudniak und Madansky Zutritt zu einer alten sowjetische Kaserne verschafften. Nach einem langen Verhör konnten sie wieder gehen, dafür hat sich über den Geheimdienst ein sehr hilfreicher Kontakt zu einer Englischlehrerin ergeben. Zudem mussten die beiden, um nach Armenien zu gelangen, zurück nach Istanbul und nach Armenien fliegen, da die türkisch-armenische Grenze gesperrt ist. „Man braucht somit zwei Tage, um eine Distanz von ein paar Kilometern zu überwinden.“

In Aserbaidschan wurden sie jeden Tag von einem Regierungsbeamten bewacht, der bereits am Morgen vor ihrer Unterkunft auf sie wartete und sie dann auf jedem Schritt begleitete. Sie schafften es hin und wieder ihn auszutricksen, beispielsweise weil er nicht in der Hitze bergauf gehen wollte und stattdessen an einem schattigen Platz auf sie wartete.

Die Herausforderungen schienen so groß, dass die türkischen FreundInnen die Pläne der Filmemacherinnen als unrealisierbar einschätzten, meinten, dass das ganze Vorhaben nicht funktionieren könne und der Film nie in der Türkei gezeigt werden würde. Tatsächlich wären solche Dreharbeiten heute ungleich schwieriger, da man nicht mehr so einfach mit Filmausrüstung in die südlichen Grenzgebiete reisen kann.

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Rezeption des Filmes

Tatsächlich wurde 1+8 in der Türkei sehr gut rezipiert, wurde in Kinos im ganzen Land gezeigt sowie auf diversen Filmfestivals. Auch international wurde der Film in Kinos und im Fernsehen gespielt, unter anderem in Österreich, Deutschland, Spanien, Italien, und hat auch ein einige Preise gewonnen.

2012 war in der Türkei genau die richtige Zeit für den Film – „Der Film ist ein Film des Aufbruchs und das war damals sehr zeitgerecht“ befindet Angelika – es war auch die Zeit vor der Gezipark-Bewegung. Bei Vorführungen an Schauplätzen wie dem Istanbul Modern oder dem Salt Galata kam es zu intensiven Diskussionen, Hauptthema war natürlich das Kurdenthema. Viele Menschen waren selbst erschüttert von dieser intimen Schilderung der Lebensumstände, dass z.B. Kinder immer wieder mit Waffen und Gewalt konfrontiert werden, die Situation der Frauen oder die zur Landflucht gezwungenen Arbeitssuchenden. Da der Film nur betrachtet, aber eben keine Denkrichtung vorgibt, ermöglicht er viel Raum zu Reflexion und Diskussion.

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Grenzen als Vergrößerungsgläser

Die Türkei befindet sich in einer geopolitisch sehr spannenden Nachbarschaft. Nicht dass man das nicht weiß, aber nach dem Film fühlt man es. Der Film ist nämlich kein Dokumentarfilm, sondern eine Betrachtung. Es fehlt der journalistische Zugang, es gibt keine Story, der nachgegangen wird. Man beobachtet einfach „nur“ das Leben an den Grenzen.

„Grenzen spitzen Sachen zu, sind sensible Orte. Grenzen sind wie ein Vergrößerungsglas, sie zeigen die Probleme und Herausforderungen auf, die es im ganzen Land gibt, aber in konzentrierter, zugespitzter Form: die Kurdenfrage, Arbeitslosigkeit, Armut, fehlende strukturellen Maßnahmen, Abgelegenheit, sich vergessen fühlen. Religion spielt interessanterweise keine Rolle.“ sagt Angelika zum Schluss und gibt mir damit noch zusätzlich zu denken.

Text: Elisabeth Nindl
Fotos: Angelika Brudniak & Cynthia Madansky
Redaktion: Sezen Demirkaya


Immer wieder stoßen wir auf begeisternde Filmemacher*innen, die das deutsch-türkische Verhältnis prägen. Zum Beispiel haben wir letztens Nebil Özgentürk getroffen und über seinen neuen Dokumentarfilm über Gastarbeiter*innen gesprochen. Neslihan hat hier außerdem Stereotypen im deutschen und türkischen Film analysiert.