Ein ganz normales Istanbuler Café, Frühstückszeit. Gäste nehmen Platz und geben ihre Bestellungen auf. Der Kellner bringt Frühstücksköstlichkeiten wie Menemen, Sucuk mit Ei oder Käseomelett, wendet sich ab und geht zum nächsten Tisch über. Irgendwas ist komisch, irgendwas fehlt. Jedes Mal schauen die Gäste dem Kellner nach und stellen dieselbe erwartungsvolle Frage: „Und wo ist unser Çay?“ 

Ja, wo bleibt er, der Çay? Der Kellner kommt zurück und antwortet freundlich, dass es keinen Çay gäbe. Die Gäste gucken verdutzt. Sie brauchen einige Sekunden, um sich klar zu machen, was ihnen da gerade gesagt wurde. „Wie bitte?“, „Was soll das heiβen, es gibt keinen Çay?“ „Meinen Sie, dass er noch nicht fertig ist?“ „Ist etwa Ihr Samowar kaputt?“ Daraufhin entgegnet der Kellner immer noch in einem freundlichen Ton, dass sie in diesem Café generell keinen Çay (Schwarztee) anbieten. Es gäbe aber andere Sorten wie Kamille und Lindenblüte oder viele verschiedene Säfte. Eine unangenehme Stille folgt, die in Frust und ungebremste Wut der Betroffenen ausartet. „Wie kann es hier bitte keinen Çay geben?!“ „Warum schreiben Sie das drauβen nicht hin, dass es hier keinen Çay gibt?!“ „Ist das Ihr Ernst?“, fragt ein Gast bestürzt. Der Schock sitzt tief. Wie kann es in einem türkischen Café in der Türkei keinen Çay geben? Çay, das Nationalgetränk, das überall vorhanden und eine der wenigen Konstanten im Leben ist, auf die man sich immer verlassen kann? Und das soll man nicht serviert bekommen? Die Welt scheint verrückt geworden zu sein. Zum Glück ist dieses Szenario nicht die Realität, sondern nur die Szene in einem bekannten türkischen Video, einem viralen Werbespot, für den die Besucher eines Istanbuler Cafés mit versteckter Kamera gefilmt wurden.

Aber warum ist Çay in der Türkei so wichtig?  Wie kann es sein, dass erwachsene Menschen kaum an sich halten können, wenn ihnen keinen Çay serviert wird, wo es doch hinnehmbar ist, wenn türkischer Kaffee oder andere Getränke mal nicht vorhanden sind? Welche Bedeutung hat Çay im Leben der Menschen in der Türkei und was sollten Neuankömmlinge und Unwissende zum Thema Çay wissen?

Bereits im 16. Jahrhundert begegnete man im Osmanischen Reich dem Teegewächs, allerdings wurde es damals zu kosmetischen Zwecken genutzt. Erst ab 1839 wurde es allmählich zum Frühstücksgetränk. War der Tee am Anfang noch teure Importware aus dem Fernen Osten, sollte die Teepflanze auf Befehl von Sultan Abdülhamid II. im späten 19. Jahrhundert dann im Osmanischen Reich selbst angebaut werden. Der Versuch, das Saatgut in Istanbul, Bursa und Selanik (heutiges Thessaloniki) anzupflanzen, scheiterte auf Grund von unpassenden Klimabedingungen. Unabhängig davon gelang es aber 1870 in der Schwarzmeerregion um Artvin dank des feuchten Klimas Çay erfolgreich zu kultivieren. Zum groβflächigen Anbau kam es aber erst zu Zeiten der Gründung der Türkischen Republik in der Region Rize. Die Bemühungen des lokalen Handelskammervorsitzenden Hulusi Karadeniz, des Politikers Ali Riza Erten und des Agrarwissenschaftlers Zihni Derin führten zur endgültigen Einführung des Schwarztees in die türkische Kultur. Heute beläuft sich der jährliche Konsum auf 221 Liter pro Kopf, was die Türkei zur viertgröβten Teetrinkernation der Welt macht (Stand: 2012).
In einem Vortrag zu ihrem Buch „Yes, I Would Love Another Glass of Tea: An American Woman’s Letter to Turkey“ erzählt Prof. Katharine Branning von ihren Entdeckungen in der Türkei und insbesondere auch von den Eigenheiten und Regeln des Çay-Trinkens, die hier zusammengefasst werden:

1. Teetrinken in der Türkei ist anders als in Groβbritannien oder Japan: Es bedarf keiner rituellen Zeremonie und ist weniger kompliziert.
2. Das typische Teeglas hat die Form einer Tulpe.
3. Türkischer Tee wird heiβ getrunken. Deshalb wird nur am oberen Glasrand angefasst.
4. Man nimmt nur einen kleinen Schluck. Der Tee ist schlieβlich heiβ.
5. Es werden mehrere Gläser Tee getrunken. Zu jeder Uhrzeit.
6. Türkischer Tee ist rot. Nicht schwarz oder grün.
7. Türkischer Tee wird gebraut. Teebeutel sind eine Beleidigung.
8. Türkischer Tee wird klar getrunken. Ohne Milch!
9. Türkischer Tee ist langsam. Er lädt dazu ein, einen Gang runterzuschalten.
10.  Türkischer Tee wird nicht alleine getrunken. Er wird einem sofort angeboten und ist ein Zeichen der Gastfreundschaft.

Mittlerweile ist das aromatische Getränk kaum noch aus der Türkei wegzudenken. Ob am Frühstückstisch, bei Verhandlungen, beim Nachbarschaftsklatsch, in der Mittagspause oder  jeder erdenklichen Pause: Çay ist und bleibt das unersetzbare Lieblingsgetränk in der Türkei. Man kann schon fast sagen, dass sich das Çaytrinken zur Sucht etabliert hat, denn nicht wenige leiden laut eigenen Angaben unter Entzugserscheinungen und Beschwerden wie Kopfschmerzen, wenn sie lange keinen Çay getrunken haben.

Am Ende des erwähnten Videos gibt es dann auch für die verärgerten Gäste des Cafés ein ganzes Tablett voll mit Çay. Man kann ihnen die Erleichterung ansehen. Die Welt ist wieder in Ordnung.

Text: Aydanur Şentürk
Bild: Sabrina Raap