Die Türkei ist ein Land in spannenden Zeiten. Gerade aktuell, nach zwei Wahlen, unter dem Eindruck von Terror, Flüchtlingsströmen und politischem Chaos, bewegt sich dieses multikulturell durchzogene Land mit Volldampf in viele Richtungen gleichzeitig. Jenes „Wohin steuert die Türkei?“ haben sich Anna Esser und Karen Krüger zum Thema genommen und in Bosporus reloaded ein Porträt der aktuellen Türkei in all ihrer Vielfalt und all ihrer inneren Zerrissenheit gezeichnet. Die Autorinnen betrachten dabei eine Vielzahl der wichtigen Säulen, die das türkische Leben prägen: Kunst, Politik, Familie, Religion, Fußball und vieles mehr. Wir haben einen Blick in das Buch geworfen.

„Wieso wählen die Türken denn eigentlich immernoch diesen Erdoğan? Wie tickt dieses Volk zwischen Europa und dem nahen Osten wirklich?“ Diese Frage haben sich viele, die sich in Deutschland mit der Türkei, ihrer Kultur und ihren Menschen beschäftigt haben, so oder in ähnlicher Fassung in den letzten Wochen wohl des Öfteren gestellt.

Wie kann man antworten? Wie eine hochkomplexe Kultur und Mentalität einfach runterbrechen? Unmöglich. Existieren doch in sich schlüssige Logiken, die dazu führen, dass ca. die Hälfte der wahlberechtigten Türken laut Wahlergebnis ihre Stimme der AKP gegeben hat. Genauso allerdings auch die schlüssigen Gegenargumente. Anna Esser und Karen Krüger, beide in Istanbul aufgewachsen und daher von Kindesbeinen an mit der türkischen Kultur vertraut,  haben mit Bosporus reloaded ein Buch geschrieben, in denen die verschiedensten Facetten der türkischen Mentalität beschrieben sind.

Das Buch lässt sich zeitlich genau zwischen den beiden Wahlen 2015 einordnen, nach Suruç aber vor dem Ankara-Attentat. Es fällt also in die heißeste Phase des türkischen Wahlkampfsommers und damit in die Zeit der intensivsten Zerreißprobe dieses Landes seit den Gezi-Protesten.

Der zentrale Platz, zu dem die Autorinnen mit ihren Ausführungen immer wieder zurückkehren, ist eben jener Gezipark mit seinen dazugehörigen Protesten im Jahr 2013. Dort sah nicht nur die Weltöffentlichkeit eine große Anzahl junger Türken für ihre politischen Ideale auf die Straße gehen, auch die türkische Elterngeneration konnte voller Erstaunen ihre Kinder für ihre politischen Überzeugungen kämpfen sehen. Das hatte es in der Türkei in dieser Form vorher nie gegeben und es lieferte eine wunderbare Vorlage, anhand derer die Autorinnen verschiedenste gesellschaftliche Thematiken aufgreifen und die dort existierenden Gegebenheiten, die sich allerdings meist, wie die gesamte Gesellschaft, in mindestens zwei Strömungen aufteilen, skizzieren.

Esser und Krüger berücksichtigen eine breite Themenpalette und sparen dabei nicht die Themen aus, die in Deutschland eher unbekannter sind. So lernt der Leser die Tücken des türkischen Bildungssystems kennen, das in einem alles entscheidenden Test gipfelt, der die gesamte berufliche Laufbahn der jungen Türken bestimmen wird und welche Auswirkungen dies auf die normale Schulbildung hat. Oder er erfährt, warum der türkische Wehrdienst bei vielen jungen Männern so stark gefürchtet wird, dass einige lieber Gefängnisstrafen wegen Fahnenflucht hinnehmen statt ein Jahr Dienst abzuleisten.

Auch bekannte, internationales Aufsehen erregende Thematiken wie etwa der Mord an der Studentin Özgecan Aslan werden als Beispiele für die Analyse der türkischen Kultur herangezogen. Am Fall Aslans etwa zeichnen die Autorinnen die schwierige Verknüpfung von sozialem Gefüge, liberalem und traditionellem Denken, Sexualität, Familie und Ehre nach, die sich schließlich zu der Situation, die zum Ehrenmord an der Studentin geführt hat, zusammenfügen. Weiterhin haben selbstredend viele aktuelle politische Thematiken, wie etwa die aktuelle Zensurpraxis in Kunst und Musik sowie die Zusammensetzung von Medienanstalten in der Türkei ihren Platz im Buch. Gleichberechtigt dazu gesellen sich jedoch auch solch vermeintlich politikferne Angelegenheiten wie Liebe und Brautschau in der Türkei oder etwa türkische Daily Soaps. Im Endeffekt merkt der Leser allerdings schnell, dass nichts von den anderen Aspekten völlig losgelöst ist. Vielmehr funktionieren viele Thematiken ähnlich oder beeinflussen sich sogar gegenseitig. Ebenso bemerkt man, dass alles, wirklich alles irgendwie politisch ist.

Alle Themen werden mit persönlichen Geschichten unterfüttert und durch die kapitelweise Erzählung auch einzeln zugänglich gemacht. Man muss also nicht das gesamte Buch lesen, um zumindest den Großteil der Zusammenhänge zu verstehen. Gleichwohl irritiert das Buch deshalb streckenweise dadurch, dass einige Fragmente häufiger wieder auftauchen, was den Lesefluss dann etwas bremst.

Mit Bosporus reloaded liefern Anna Esser und Karen Krüger ein leicht verständliches, gut zu lesendes Hintergrundwerk, das einem die türkische Mentalität zwar nicht vollständig erklärt, aber doch zumindest tiefgreifende Einblicke ermöglicht. Nicht jede Einzelheit der türkischen Kultur wird hier aufgegriffen, aber die, für die Eingangsfrage „Wohin steuert die Türkei?”, wichtigen Punkte werden von den Autorinnen hinreichend gewürdigt und schaffen damit ein rundes Leeseerlebnis, das dem Lesenden neben dem großen Informationswert auch an der einen oder anderen Stelle den Mund offen stehen oder ihn schmunzeln lässt.

Dieses Buch kann bei unvoreingenommenem Interesse durchaus dazu beitragen, Verständnis für die türkische Kultur zu schaffen und Vorurteile abzubauen.

Bosporus reloaded ist erschienen im Aufbau Verlag unter der ISBN 978-3-351-03622-5.

Text: Jonas Wronna
Bilder: Charlotte Schmitz