In Deutschland ins Flugzeug zu steigen und nach zwei Staffeln Mr. Bean und Tomatensaft an einem anderen Ort auf der Welt zu landen, ist für Lukas Naber nicht die perfekte Art des Reisens. Der 24-jährige Student fährt lieber Fahrrad und startet direkt von seiner Haustür in Aachen. Im vergangenen Jahr ist Lukas von dort bis nach Istanbul und zurück gefahren. Im Interview erzählt er von seiner Route, einer unerwarteten Begegnung mit der rumänischen Polizei und dem wichtigsten Gegenstand auf der 14-wöchigen Reise.

Lukas, warum hast du dir für den letzten Sommer die Route Aachen – Istanbul ausgesucht?

Ein entscheidender Punkt war, dass ich ein paar Monate vorher in Marokko gewesen war und daher südwestlich von Deutschland schon einmal ein entfernteres Ziel angepeilt hatte. Die Idee war nun, Richtung Osten zu fahren. Und wetterbedingt bot sich der Südosten auch an. Für Fahrradfahrer sehr beliebt ist der Donauradweg, weil er am Fluss entlang verhältnismäßig einfach zu fahren ist. Der führt von Deutschland bis ans Schwarze Meer. Daran habe ich mich orientiert, bin aber weite Strecken anders gefahren.

Welche Länder hast du durchquert?

Ich bin erst quer durch Deutschland nach Dresden gefahren, dann durch Tschechien, bin in Wien an die Donau gekommen, von dort durch die Slowakei und Ungarn nach Serbien bis nach Rumänien rein. Hier bin ich auf die Karpaten, eine Bergkette, getroffen. Nicht jeder mag beim Radfahren die Berge, aber für mich ist das immer ein Highlight. In den Karpaten bin ich einige Pässe gefahren und anschließend weiter nach Odessa in der Ukraine. Dort bin ich ans Schwarze Meer gekommen und bis nach Istanbul gefahren. Außerdem dachte ich, dass sich Istanbul als Reiseort sicher lohnt. Von der Türkei bin ich über Griechenland wieder zurück nach Aachen gereist.

Wie lief denn deine Tour ab? Wo hast du geschlafen, warst du immer alleine unterwegs, was gab’s zu essen?

Ich bin komplett alleine gefahren, habe aber zwischendurch auch Begleiter getroffen. Mit zwei anderen deutschen Jungs bin ich mal drei Tage gemeinsam an der Donau gefahren. Manchmal hatte ich für einen halben Tag noch einen Mitfahrer, wenn es vom Tempo passte. Fast immer habe ich gezeltet, meist wild gecampt, Hostels und Hotels habe ich vermieden. In größeren Städten habe ich über WarmShowers Unterkunft gefunden, das ist eine Plattform wie CouchSurfing, nur für Radfahrer. So habe ich auch eine Nacht in Istanbul verbracht.

Außerdem hatte ich meinen eigenen Campingkocher dabei. Daher gab es viel Nudeln, Gemüse, ab und zu mal Couscous und grade im Süden habe ich mich auf einen Rohkostsalat beschränkt. Tagsüber habe ich mir Quellen gesucht, um Trinkwasser zu finden. Tatsächlich bin ich durchgekommen, ohne mir irgendwo jemals Wasser kaufen zu müssen.

Du hast also viele verschiedene Landschaften und Länder gesehen. Wo war der schönste Streckenabschnitt?

Das ist wahrscheinlich die schwerste Frage überhaupt. Es gibt so viele unterschiedliche Naturlandschaften auf der Route. In Tschechien habe ich traumhafte ruhige Nationalparks gesehen, an der Donau immer wieder schöne ruhige Plätze. Ganz toll war die Zeit in den Karpaten: In den wilden Bergen zu sein, zu wissen, dass die Natur dort sehr wild ist und man aufpassen muss, wie man seine Lebensmittel lagert, damit abends nicht der Bär ans Zelt klopft, war spannend. Gleichzeitig hatte ich in den Tagen vor den Karpaten schon Temperaturen um die 30 Grad, stand aber auf einmal vor fünf Meter hohen Schneewänden. Das hat mich harte Stunden gekostet, weil ich das Rad teils durch den Schnee schieben musste, um über Pässe zu kommen.

Am Schwarzen Meer gab es dann wieder eine neue Natur, Küstenvegetation, wärmeres Klima. Der Übergang von Bulgarien in die Türkei war auch ein sehr schönes Gebiet, leicht bergig, eigene Wälder und kleine Seen überall. Dann waren natürlich Griechenland, Mazedonien und Albanien besonders, sehr bergig, noch nicht sehr erschlossen. Jeder Streckenabschnitt war irgendwie schön, hatte zugleich aber seine anstrengenden Seiten. Ich habe alles genossen und hatte nie das Gefühl, die Route falsch gelegt zu haben.

        

Nun warst du 14 Wochen unterwegs. Gab es auf der Tour irgendwelche Probleme?

Nein. Das einzige, was mir passiert ist, dass mir am zweiten Tag ein Metallstück den Reifen aufgeschnitten hat. Den habe ich dann geflickt, das war kein Problem, aber als ich über die Grenze in die Ukraine gefahren bin und im Grenzübergang der Reifen wieder platt wurde, war es nervig. Bis Istanbul musste ich dann alle zwei Tage den Reifen flicken und wieder Plastik- und Gummiteile zwischen Schlauch und Reifen legen, um den nächsten Platten etwas hinauszuzögern. In Istanbul habe ich mir dann endlich einen neuen Mantel gekauft. 

Wie liefen die Grenzübergänge? Vor allem zwischen EU- und Nicht-EU-Staaten?

Ich bin überall gut durchgekommen und hatte nie Probleme, das Visum zu bekommen. Selbst als ich durch Transnistrien gefahren bin, einen separatistischen Teil von Moldawien, war es kein Problem. Wenn an den Grenzübergängen die Autoschlangen zwei bis drei Stunden lang waren, konnte ich mich mit meinem Fahrrad vordrängeln und kam sofort durch.

Wie haben die Menschen reagiert, als sie dich gesehen haben?

Ich wurde nirgendwo weggeschickt. Manchmal habe ich bei Menschen gefragt, ob ich in ihrem Garten zelten dürfte. Dann wurden mir Schlafplätze angeboten. Ein besonderes Erlebnis hatte ich in Rumänien, wo ich in einem kleinen Dorf auf einem brach liegenden Grundstück gezeltet habe und dort einen Tag Pause machen wollte. Das hat dann noch mehr Aufmerksamkeit erregt, als die Leute gemerkt haben: Der fremde Typ bleibt sogar hier. Allerdings war ich erst verwundert, als ein ganzer Trupp mit Polizisten ankam, die einfach nur meine Personalien kontrollieren wollten. Einer der Polizisten hat mich dann eingeladen, abends mit der Familie zu Abend zu essen. Und als ich bei ihm war, meinte er, dass ich auch dort schlafen soll. Am nächsten Tag habe ich dann noch Proviant für die nächsten Tage mitbekommen.

Wie lief deine Ankunft in der Türkei?

Da bin ich direkt in einen Platzregen gekommen und habe einen Ort zum Übernachten gesucht. Auf einem Feld stand eine kleine zusammengefallene Hütte, da konnte ich mein Zelt teils drunter stellen, um geschützt zu sein. Die ersten Stunden in der Türkei waren also wetterbedingt nicht ganz so schön, aber am nächsten Morgen habe ich mir einen Çay gekauft und war in einem Café frühstücken. Dann sah die Welt schon wieder anders aus.

Wie ging es weiter in der Türkei?

Ich wurde sehr oft auf Çay eingeladen. Es war immer wieder schön, einen kurzen Stopp zu machen und auf einen Tee, Gebäck und ein paar nette Gespräche bei den Menschen zu halten. Für die Leute in der Türkei war es gar kein Thema, dass ich aus einem anderen Land oder Kulturkreis komme. Alle waren mir gegenüber sehr offen. Vieles in Deutschland wird durch Vorurteile bestimmt, aber eine solche Tour zeigt einem, dass es häufig ganz, ganz anders ist und mit den Vorurteilen wenig zu tun hat.

Super lief es auch in Istanbul: Dort habe ich in einem Café einen Lehrer kennengelernt, mit dem ich Kontaktdaten ausgetauscht habe und bei dem ich zwei Nächte schlafen konnte. Er hat mir die Stadt gezeigt, ist mit dem Auto auf die asiatische Seite gefahren und hat mich zu Aussichtspunkten mitgenommen. Es ist es wert, sich einfach mal darauf einzulassen, bei jemand Fremden zu schlafen.

Was sind denn die wichtigsten Tipps für so einen Trip, wenn man sich selber auf den Weg machen möchte?

Jeder ist anders und jeder hat andere Ziele. Das ist etwas ganz Wichtiges, weswegen man nicht irgendwen oder irgendeine Tour kopieren sollte. Ich habe selber gemerkt, dass ich körperliche Grenzen habe, die ich nicht überschreiten sollte. Vor zwei Jahren musste ich auch mal eine Tour aus Schmerzen abbrechen. Wichtig ist, sich folgendes zu überlegen: Will ich ein entferntes Ziel erreichen oder will ich erleben, wie es ist, unterwegs zu sein, Menschen zu treffen und Kulturen kennenzulernen? Ich versuche da meist, einen Kompromiss zu finden. Selten lasse ich mir aber Zeit, irgendwo zu verweilen. Meist fahre ich neun Tage und nehme dann einen Ruhetag. Die einzigen Orte, wo ich zwei Tage geblieben bin, waren Prag und Istanbul.

Gibt es etwas, was man auf eine solche Tour unbedingt mitnehmen sollte?

Ja, immer gut ist Schokolade. Die hilft, um einen Berg hochzukommen oder mal eine Regenpause auszusitzen.

Interview: Laurenz Schreiner
Fotos: Lukas Naber


Mehr Fotos von Lukas’ Fahrradreisen durch die Welt findet ihr auf seinem Instagram-Kanal.


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