Da werden Kindheitserinnerungen wach… Oder wann habt ihr zuletzt Memory gespielt? Mit „Keschif Istanbul“ hat Dinah-Florentine Schmidt ein “Memüri” für Große entwickelt und damit in diesem Jahr sogar einen Roten Punkt beim populären deutschen Designwettbewerb Red Dot Award gewonnen. Keşif, das bedeutet auf Türkisch Entdeckung. Davon machte sie einige, als sie letztes Jahr dank des Manzara-Architekturstipendiums für zehn Wochen nach Istanbul kam. Mit MAVIBLAU teilt die Architektin in einem Interview einige Erkenntnisse, die sie bei ihrer persönlichen Erkundungstour durch Istanbul gewonnen hat.

MAVIBLAU: Florentine, als du letztes Jahr nach Istanbul gekommen bist, war es das erste Mal für dich, richtig? Und dann direkt für zweieinhalb Monate. War das nicht ein Sprung ins kalte Wasser?

Dinah-Florentine Schmidt: Ja, ich war vorher noch nie in der Türkei, deswegen war es auch so ein Tauchbad. Es war toll, dass ich das Stipendium und somit die Chance bekommen habe, mich dieser Stadt mit einem Projekt nähern zu dürfen.

MAVIBLAU: Du hattest also schon einen konkreten Plan davon, was du hier machen wolltest?

Dinah-Florentine Schmidt: Ja, ich kam mit einem festen Konzept, da man sich mit einer Projektidee bewerben musste, die sich mit der Stadt vor dem eigenen professionellen Hintergrund auseinandersetzt. Meine Vorstellung war, die Annäherung an die Stadt und gleichzeitig die Wahrnehmung des Stadtraumes zum Thema zu machen.

MAVIBLAU: Wie bist du auf diese Idee gekommen?

Dinah-Florentine Schmidt: In unserem schnellen Leben entgeht uns oft eine Menge. Dabei lohnt es sich, mal genau hinzuschauen, Dinge zu hinterfragen. Ich erlebe immer wieder, dass Menschen, die aus einem Beruf kommen, in dem man seine Umgebung stark visuell wahrnimmt – wie Architektur, Design, Fotografie, Kunst – durch ihren geschulten Blick sehr viel mehr sehen. Diese bereichernde Perspektive wollte ich teilen. Dass aus dem Projekt dann sogar ein Produkt geworden ist, freut mich umso mehr.

MAVIBLAU: Mit Produkt meinst du das “Memüri”, das hier vor uns liegt. Ein klassisches Spiel, das wir alle noch gut aus Kindertagen kennen. Warum war genau das für dich die beste Methode, um ans Projektziel zu gelangen?

Dinah-Florentine Schmidt: Ein Memory ist einfach und schlicht. Ich wollte die komplexe Stadt durch diese Einfachheit wirken lassen. In der Kombination ist daraus später ein Blick wie durch ein Kaleidoskop geworden, durch das man die Stadt in verschiedenen Facetten betrachtet. Um die einzelnen Themen und Motive dafür zu finden, wollte ich mich mit Leuten unterhalten, die in Istanbul leben und sie bitten, mir ihre Stadt zu zeigen.

MAVIBLAU: Und das hast du dann auch getan…

Dinah-Florentine Schmidt: Ja, ich habe ganz unterschiedliche Menschen aus verschiedenen Bereichen kennen gelernt: einen Geschichtsprofessor, Künstler, Filmemacher, eine Pfarrerin, eine Studentin, … – also ganz querbeet – und habe dadurch die Möglichkeit bekommen, ein sehr privates Istanbul zu sehen.

MAVIBLAU: Die Vielfalt interessanter Menschen und beeindruckender Gebäude mit außergewöhnlichen Geschichten ist in Istanbul ja riesig und bunt. Es muss schwer gewesen sein , eine Auswahl zu treffen. Wie hast du dich auf die finalen 80 Motive festgelegt?

Dinah-Florentine Schmidt: Von den bekannten Sehenswürdigkeiten waren für mich schon aus der heimatlichen Ferne die Hagia Sophia und der Topkapi-Palast große Anziehungspunkte. Gerade letzterer ist unglaublich reizvoll, da er so anders angelegt ist als die Palastanlagen, die wir in Europa kennen. Darüber hinaus habe ich Motivthemen ausgewählt, die vor Ort überrascht haben, die man so nicht erwartet, die vielleicht berühren und den Stadtraum aus neuen Blickwinkeln erlebbar machen.

MAVIBLAU: Kannst du benennen, was für dich den besonderen Reiz der Architektur Istanbuls ausmacht?

Dinah-Florentine Schmidt: Da gibt es vieles in den unterschiedlichen Architekturen und Epochen aus Orient und Okzident, die das Stadtbild prägen. Nehmen wir die osmanischen Einflüsse, die am Topkapi-Palast sehenswert sind. Man beschäftigt sich mit dem Gedanken der Landschaft, baut nicht riesig, monumental, zentralistisch, sondern bildet ein fast zufällig anmutendes Ensemble aus vielen kleineren Pavillons. Es geht darum, die Architektur auszurichten, nicht zu sagen “Ich bin die Aussicht”, sondern “Ich selbst schaue”. Dazu die Moscheen, die die Stadt akzentuieren, die sich so wunderschön über die Hügel entlang des Bosporus ausbreitet. Das topografische Zusammenspiel aus Architektur und Landschaft ist in Istanbul besonders faszinierend, finde ich.

MAVIBLAU: Dein Memüri ist ja eine Art Momentaufnahme, wie du selbst sagst. Sicher bist du gespannt, was sich getan haben wird, wenn du das nächste Mal wieder in Istanbul bist, oder?

Dinah-Florentine Schmidt: Ja, absolut. In dieser Stadt ist an einem Tag schon so viel anders als am vorhergehenden. Das Tempo ist enorm hoch, es herrscht eine unglaublich schnelle Taktung. Spannend sind diese zwei Momente, die ineinander spielen: das eine, das sich über Jahrtausende dehnt und sehr langmütig ist und sehr viel Geduld hat mit den Menschen, die über die Stadt hinwegsteigen und immer wieder ihre Spuren hinterlassen. Und das andere, das von Sekunde zu Sekunde lebt. Nie Stillstand und ständig Veränderung.

MAVIBLAU: Mit diesen unterschiedlichen Tempi spielst du ja auch, indem du dich auf das Medium Memory eingelassen hast, was ja ein langsames Spiel ist, wofür man sich Ruhe und Zeit nehmen muss. Da treffen diese beiden Kontraste aufeinander: wir setzen uns hin und beschäftigen uns mit dem, was sonst an uns vorbei rauscht oder woran wir vorbei rauschen. Wir haben das mal gemacht und uns fiel als erstes die ungewöhnliche Form der Karten auf. Wie kam es zu dieser Stanzform mit den runden Bildausschnitten?

Dinah-Florentine Schmidt: Die Kartenform ist für mich eine markante Dimension des Spiels, da hier noch eine zusätzliche räumliche Durchdringung stattfindet. Ich habe nicht einfach nur Karten auf dem Tisch, sondern schaue wie von oben auf den Großen Basar mit seinen vielen Kuppeln. Der runde Bildausschnitt hat sich daraus ergeben.

MAVIBLAU: Letzte Frage: Hast du ein Lieblingsmotiv?

Dinah-Florentine Schmidt: Ich hab auf seine Weise jedes Bild ins Herz geschlossen, weil ich die Geschichte und die Situation, die dahinter steht, kenne. Sie sind im Booklet, das zum Spiel gehört, beschrieben. Bei manchen Motiven musste ich zu bestimmten Tageszeiten auftauchen um sie fotografieren zu können und wiederum andere haben sich einfach so ergeben. Dieses eine Lieblingsbild gibt es nicht, das Herz ist auf 80 Motive verteilt.

MAVIBLAU: Vielen Dank, liebe Florentine und viel Erfolg weiterhin.

Dinah-Florentine Schmidt lebt und arbeitet in Deutschland, ihr Memüri könnt ihr im Manzara- Shop erwerben. Mehr zum Manzara Architekturstipendium findet ihr hier.

Text und Bilder: Sabrina Raap