November 2016. Taksim, Istanbul. Katermukke-Spirit in da house! Die Musik von Kotelett & Zadak transportiert aber nicht nur den Geist einer anderen Stadt, sondern manchmal sogar das Gefühl eines anderen Planeten. Die zwei kreativen DJs aus Berlin spielen im garajistanbul, zum vierten Mal schon sind sie in der Stadt. Ich wiederum kenne sie aus meiner Zeit in Berlin. Die Zeit, in der ich so viel neue Musik und die Clubszene für mich entdeckt habe. Ich koste diese Nacht aus bis zum letzten Moment des DJ-Sets.

Ein paar Wochen später treffe ich Kotelett & Zadak an einem kalten Wintertag in Kreuzberg für ein Interview. Sprechen wollen wir über ihre Musik, ihre Geschichte und ihre Erfahrungen in der Türkei. Im deutsch-türkischen Café in der Mariannenstrasse herrscht eine entspannte Atmosphäre. Wir bestellen Kaffee und reden.

kotelett3Was ist eure Geschichte? Wann habt ihr zum ersten Mal zusammengespielt?

Martin: Wir haben uns kennengelernt über Oskar Offermann, der das Label White Music hatte. Leider gibt es das nicht mehr. Da habe ich, damals noch als Solo-Künstler, meine erste Platte aufgenommen und danach den Heiko-Kotelett kennengelernt. Das Ur-Kotelett, das waren drei Personen. Zum ersten Mal zusammen gespielt haben wir im Golden Gate, spontan. Wir waren nicht gebucht, wir beide wollten spielen. Wir haben sechs Stunden zusammen gespielt und den Abschluss des Gigs gemacht. Und da haben wir gleich super zusammen funktioniert und wollten beide ein bisschen professioneller werden. Damals waren wir noch Amateure. Heikos Freunde – also das ehemalige Trio Kotelett – sind dann weggegangen aus Berlin. Wir haben als Duo angefangen.

Woher nehmt ihr die Inspiration für eure Musik?

Martin: Ganz unterschiedlich. Das kann auch Musik aus anderen Ländern sein. Wir haben zum Beispiel mal einen Song gemacht mit einer Geige, der war ursprünglich ein Sample aus Aserbaidschan.
Heiko: Unsere erste Platte.
Martin: Genau, eine unserer ersten Platten, die Vocals waren aus dem Iran, also auf Persisch.
Heiko: Inspirationen ziehen wir aus allem, was uns direkt beeinflusst. Auf unserer letzten Platte, da gibt es einen Song, der heißt “Trees”. Wir hatten einen neuen Synthesizer und haben damit gespielt. Vor unserem Studio steht ein fetter Baum und es war ein krasser Sturm. Und das überträgt sich dann auch auf das Gefühl, auf die Stimmung, während wir den Song gemacht haben. Und findet sich auch in den Tracks wieder.

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Heiko (Kotelett)

Ich sehe oft viele Verbindungen zwischen der Stadt, in der ich wohne, den Kunstformen dort und meinen Emotionen. In Berlin fühle ich mich anders als in Istanbul. Wie geht es euch damit? Was ist Berlin für euch und für eure Kreativität?

Heiko: Ohne Berlin wäre es vielleicht gar nicht möglich gewesen, dass wir mittlerweile professionelle Musiker sind. Weil es zu der Zeit, als wir hierher gekommen sind, so viel freien Space gab, den man nutzen konnte, ohne gleich erfolgreich sein zu müssen. Alle Menschen waren da, die erstmal nicht unbedingt ein kommerzielles Interesse hatten. Ganz viele Künstler haben sich gegenseitig inspiriert und ein ähnliches Leben aufgebaut. Und da war die Möglichkeit geschaffen, sich auszuprobieren. Erst jetzt mit der Zeit hat man dann seinen Weg gefunden und ist professionell geworden. Aber ohne die Stadt weiß ich nicht, ob das möglich gewesen wäre.
Martin: Da die Stadt auch relativ günstig ist oder war, war es möglich, am Anfang mit wenig Geld über die Runden zu kommen. Man konnte nicht gleich davon leben, von heute auf Morgen, von der Musik… das hat ein bisschen gedauert. Und das hat einem die Stadt letztlich ermöglicht. Und es gab einfach so viele Orte, wo man spielen konnte.

Wie war eure Vorstellung von der türkischen Lebensweise, bevor Ihr Istanbul oder die Türkei selbst erlebt habt? 

Martin: Also speziell ich habe sowieso eine große Verbindung zur Türkei. Weil ich in meinem Leben bestimmt schon 20 bis 25 Mal in der Türkei war, das erste Mal mit sechs oder sieben Jahren. Dadurch habe ich wahrscheinlich eine andere Verbindung als die meisten Leute, die in Deutschland leben. Ich denke, dass viele Deutsche eine falsche Vorstellung davon haben, wie die Türkei ist. Weil sie ein Bild durch die Medien, durch Migranten oder Leute mit Migrationshintergrund bekommen haben, was eigentlich nicht der Wahrheit entspricht.
Heiko: Ich bin schon als Kind für einige Jahre in einer sogenannten Arbeitersiedlung aufgewachsen, wo ganz viele türkische Familien waren. Deswegen war das normal, mit denen zu spielen und zu verstehen: die sind genauso wie ich, nur gibt es halt immer anderes Essen. Das war für mich keine Kultur-Überraschung, als ich nach Berlin kam. Es ist nur alles ein bisschen kompakter und konzentrierter hier. Aber ich glaube, dass es vielen in meinem Umfeld nicht so geht. Viele Deutsche haben schon krasse Klischees im Kopf, Vorurteile.
Martin: Mir ist es auch schon passiert, dass ich mit Freunden in der Türkei war und die Türken kennengelernt und viele Ähnlichkeiten festgestellt haben: “Hä? Die sind ja voll cool, voll nett, wie wir teilweise, die wollen das Gleiche, hören die gleiche Musik, ziehen die gleichen Klamotten an. Und es gibt ja so viele Verbindungen mit denen.“ Das ist dann auf einmal ein ganz anderes Bild für die.

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Martin (Zadak)

Ihr habt bereits gesagt, dass ihr eure Inspiration auch aus der Musik aus anderen Ländern zieht. Was denkt ihr denn über traditionelle türkische Musik?

Martin: Die ist interessant. Und anders. Vor allem die Rhythmen sind sehr anders als wir das kennen, für uns auch teilweise nicht verständlich. Lacht. Also sehr komplex, sehr, sehr schwierig. Wir versuchen immer, wenn wir in der Türkei sind und Musik hören, den Takt mitzuzählen, so 1-2-3. Und dann denken wir uns immer: „Neiiiin, das geht nicht, das klappt nicht.“
Heiko: Ich warte nur darauf, dass endlich dieser Mix versucht wird. Wahrscheinlich muss es von der türkischen Seite kommen, dass auf diesen Techno, also Vier-Viertel-Beat, Rhythmen draufkommen, die sich versetzen. Das müsste einen ziemlich tripigen Effekt haben, was gut zu dieser Musik passt.

Ihr wart nun zum vierten Mal in Istanbul. Was denkt ihr über die Stadt und wie lief euer erstes Besuch in der Stadt?

Martin: Wir wollten viele Plätze sehen, aber unser Guide war ein bisschen faul. Okay, er war nicht lazy, er war nur langsam. Wir wollten die Hagia Sophia besichtigen und wir wollten auf die Prinzeninseln fahren. Aber er kam zu spät und so verpassten wir die Fähre.
Heiko: Du musst es freundlicher sagen: Er war sehr kreativ und spontan. Dadurch haben wir immer andere Plätze angeschaut, die auch sehr interessant waren. Lacht.
Martin: Ja, wir wollten unbedingt die Hagia Sophia besuchen,  standen sogar davor. Aber dann hat uns gesagt: “Jetzt nicht. Zuerst gehen wir Köfte essen.” Weil er die besten Köfte in Istanbul kennen würde. Dann sind wir ins Köfte-Restaurant gegangen und haben gegessen. Das waren definitiv nicht die besten Köfte, aber es war okay. Und nach dem Essen war die Hagia Sophia geschlossen.
Heiko: Dafür haben wir dann die Blaue Moschee besichtigt.
Martin: Das war so schön, ich mag die Energie der Stadt. Es ist immer so voll, so schnell. Im Vergleich zu Istanbul ist Berlin super ruhig. Und jedes Mal, wenn ich in Istanbul bin und zurück nach Berlin komme, denke ich: “Oh, kaum Verkehr, keine Leute auf der Straße.” Aber Istanbul ist definitiv eine meiner Lieblingsstädte auf der Welt. Wir mögen die Leute dort und werden auf jeden Fall zurückkommen.

Hier könnt ihr ein Set von Kotelett & Zadak anhören, das sie auf dem Fusion Festival 2016 gespielt haben.

Text: Dilara Akkoyun
Fotos: Milena Viitman
Redaktion: Marie Lemser