“Ich bin Özlem” ist ein Roman der Autorin Dilek Güngör. Er ist im Februar 2019 erschienen. Güngör erzählt von den Identitätskrisen einer türkischen Migrantin in Deutschland – und einem großen Streit, der alles verändert. Melek hat das Buch für Maviblau rezensiert.

Özlem ist Lehrerin, Mutter, mit Philipp verheiratet. Dennoch fragt sie sich mit Ende Dreißig immer noch, wer sie ist, wenn nicht Deutsch-Türkin, Türkin mit deutschem Pass, Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund oder türkischen Wurzeln. Die Inhaltsangabe beginnt mit folgendem Statement: “Meine Eltern kommen aus der Türkei.” Alle Geschichten, die Özlem über sich erzählt, beginnen mit diesem Satz.”

Dilek Güngörs neuer Roman “Ich bin Özlem” hat eine lineare Handlung, die in der Gegenwart spielt und sich bis zur Katastrophe, einem großen Streit Özlems mit ihren deutsch-deutschen Freund*innen, zuspitzt. Immer wieder erzählt Özlem von Erinnerungen aus ihrer Kindheit, die sie geprägt haben, mit Erinnerungen an die Anfangszeit ihrer Beziehung mit Philipp, mit Erinnerungen an ihre Eltern und ihre Aufenthalte in der Türkei. Dazu kommen ihre Neurosen und Unsicherheiten, wie die irrationale Angst zu stinken oder ihr Unwohlsein beim Türkisch sprechen, wo sie auf keinen Fall einen Fehler machen möchte. Dann ist da auch die Angst, für eine von den Türken gehalten zu werden, die nicht perfekt integriert sind, obwohl sie sich gleichzeitig über diesen stetigen Hang zu Labeln aufregt. Fast wirkt Özlems Figur wie eine Karikatur auf dieses Thema “Identität” und auch “Integration”, denn sie hat nur deutsch-deutsche Freunde, einen deutschen Ehemann, ihren Kindern bringt sie kein Türkisch bei. Nur ihre Eltern spricht Özlem mit “Nene” und “Dede” an. Es ist also nicht übertrieben, Özlem als komplett assimiliert zu bezeichnen.

Doch gerade wegen dieser Assimilation ist es so spannend, sich mit Özlems Dilemma der Bikulturalität zu identifizieren. Während des Lesens habe ich mich gefühlt, als würde ich in einen Spiegel schauen. Özlems Angst, ihre Wut, ihre Unsicherheit, ihre Komplexe, aber auch ihren Perfektionismus und ihr Selbstbewusstsein sprachen zu mir.

Durch Güngörs Schreibstil, der die Leser*innen souverän durch Özlems ganze Persönlichkeit und Biographie führt, kommt kein einziges Mal das Gefühl von Wehleidigkeit oder Pathetik auf. Stattdessen ist es unmöglich, sich nicht mit Özlem auseinanderzusetzen, mit ihren Schwächen und ihrer Ohnmacht, und genau so auch stolz auf sie zu sein, in den Situationen, in denen sie Rassismus nicht hinnimmt, sondern sich wehrt und widerspricht.

Es ist faszinierend, den Lauf von Özlems Leben als Leser*in mitzuverfolgen: von Außen betrachtet ist sie erfolgreich, hat eine Familie und ein intaktes Sozialleben, ist glücklich. Umso ernüchternder sind die Stellen im Roman, wenn sie feststellt, dass sie eigentlich gar keine Freunde hat oder einsam ist. Wie soll es auch ander sein, wenn eine Person nur schauspielert, nur existiert, um die Erwartungen anderer und der Gesellschaft zu erfüllen. Ihre Beziehungen sind alle recht pragmatisch, sogar Szenen mit ihren Kindern werden sachlich und souverän geschildert. Korrekt. Denn Özlem weiß, dass sie nur so ein Daseinsrecht hat, ansonsten kann sie viel zu schnell als “befangen” oder “unobjektiv” gelten – in jedem Lebensbereich.

So ist eigentlich auch alles in Özlems Leben recht harmonisch. Bis sie langsam aber sicher an ihren deutsch-deutschen Freund*innen zweifelt und merkt, dass sie nicht dazugehört – und auch nicht dazugehören kann, egal, wie viel sie leistet und wie angepasst sie ist. Es kommt zu einem großen Streit, plötzlich wird mit Wörtern wie Rassismus um sich geworfen, es geht um Özlems “Empfindlichkeit” und darum, wer jetzt eigentlich “wir” ist und wer die anderen sind. Özlem reagiert emotional, weint, und hasst sich gleichzeitig dafür, denn sie weiß, dass sie dadurch noch weniger ernst genommen wird, noch mehr diffamiert wird. Es geht ihr darum, ihre Befindlichkeiten zu kommunizieren, offen zu sein, endlich auszusprechen, was sie denkt – doch es ist vergebens. Es wird über sie hinweg gesprochen, sie schämt sich für ihren Widerstand und weiß nicht, ob ihre Art angemessen war, ihre Freund*innen zu konfrontieren.

Natürlich zweifelt sie am meisten an sich selbst, auch nach diesem Höhepunkt, dieser Emanzipation, die durch diese Diskussion stattgefunden hat, denn immer noch ist ihr am Wichtigsten, was über sie gedacht wird.

Konstant ist Özlem hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, sichtbar zu werden in ihrer Wut und den Ungerechtigkeiten, die sie erfährt, und der Angst davor, unzureichend zu sein, verurteilt zu werden, keine Berechtigung in ihrer Verletzlichkeit zu haben. “Ohne fremde Bestärkung hat meine Meinung, mein Eindruck, meine Wahrnehmung keinen Bestand. Mein Urteil zählt nur, wenn ein anderer seinen Segen dazu gegeben hat” (S. 120), sagt sie.

Und gleichzeitig: “In mir steigt ein Gefühl auf, dass ich lange nicht mehr gespürt habe, eine Wut voller Energie und Kraft, eine gute Wut, mit der ich etwas anfangen will.” (S. 121) Und genau deswegen ist Özlem eine starke Person, weil sie diese Ambivalenz ihrer Gefühle und Wahrnehmungen aushält, weil sie genau damit die Dynamik ihrer Identität ausdrückt.

Sie versucht die Situation mit ihren Freund*innen zu kitten, weil sie nicht wahrhaben will, dass da etwas in die Brüche gegangen ist, jetzt, wo sie nicht mehr die perfekt integrierte Türkin sein will, die ihre Freund*innen als Beispiel erwähnen können. Ihre Freund*innen reagieren möglichst empathielos, eine konfrontiert Özlem damit, dass sie nur nicht wisse, wie sie mit ihrer gefühlten “Minderwertigkeit” umgehen solle. Toll, dass eine deutsch-deutsche Frau besser über Özlems Innenwelt Bescheid weiß, als sie selbst. Der Schlichtungsversuch geht in die Hose, alle Erklärungs- und Rechtfertigungsversuche Özlems münden im glorreichen Satz ihrer Freundin: “Du musst nicht alles so kompliziert machen.”

Das ist leichter gesagt als getan, wenn Özlem ein Leben lang mit der Richtigkeit ihrer Identität gehadert hat, sich nie zugehörig oder angenommen gefühlt hat und stets in einem Entweder-Oder-Zustand gelebt hat. Aber die Hoffnung bleibt, dass sie zu einem Umgang mit ihrer Person kommt, bei dem sie nicht auf das Verständnis und die Zustimmung anderer angewiesen ist.

Diesen Roman zu beschreiben ist nicht einfach, denn es ist ein Roman, der die endlose Komplexität einer Identität illustriert. Özlem wird ihr Leben lang in Schubladen gedacht, die der Türkin in Deutschland, die der gut Integrierten, die der mit dem deutschen Ehemann, und diese Schubladen übernimmt sie auch. Eigentlich besteht sie nur aus Fremdwahrnehmungen, die sie als ihre Persönlichkeit anerkennen will, weil sie als in Deutschland lebende Türkin nie gelernt hat, etwas anderes zu sein als genau das: Türkin in Deutschland.

Ich bin Dilek Güngör sehr dankbar für diesen Roman, denn er lässt sich lesen wie eine Ansammlung an Erlebnissen, die auch ich kenne, verstehe, mit denen ich mich identifizieren kann. Jeder Satz fühlt sich an wie ein Bekenntnis an die Wirren und Paradoxe mit denen man automatisch lebt, wenn man Deutschtürkin ist. Özlems Selbstzweifel, ihr Hadern mit sich selbst ist so greifbar, dass es unmöglich ist, sie nicht trösten zu wollen.

Dieser Roman ist sehr wichtig, da er zeigt, mit welchen Problematiken migrantische Identitäten immer noch umgehen müssen, auch und gerade im Jahr 2019. Özlem als Romanfigur sagt aus: Du bist nicht alleine, du wirst gesehen, ich weiß sehr genau wie es dir geht, auch wenn du vielleicht keine Worte dafür hast. Und das ist eine bekräftigende Motivation, sich selbst auszuhalten und all die Fragen ohne Antworten zu stellen, die wohl jede*r mit Migrationsgeschichte kennt.

Text: Melek Halici
Illustration: Ömer Süalp


Melek hat für uns auch über ihre ganz persönliche Auseinandersetzung mit ihrer Identität geschrieben, zum Beispiel hier.