Ein trauriges Klavierspiel, durchbrochen von kurzer, hoffnungsvoller Schnelligkeit. Zarte Streicher setzen ein, bevor die erste Zeile von „Fikrimin ince gülü“ erklingt. „Die zarte Rose meiner Sehnsucht“ erzählt von einer unerreichbaren Liebe. Unerreichbar weit weg erscheint auch die Zeit, aus der dieses Lied stammt. Vor ungefähr 100 Jahren wurde es erstmals gesungen. Von Frauen wie beispielsweise Müzeyyen Senar, die zu Beginn der türkischen Republik die Herzen ihres Publikums verzauberten. Auch das von Mustafa Kemal Atatürk. Heute erreicht die Sängerin Sema Moritz über neun Millionen Klicks auf YouTube mit diesem Lied.

Ich möchte mehr hören. Anstatt mich durch das Onlineportal zu wühlen, besuche ich ein Konzert der Sängerin in Kadıköy. Kurz nach 23 Uhr betritt Sema Moritz die Bühne des Taşra Kabare, einer jungen Mischung aus Theater, Musik und Restaurant. Man serviert dort neben dem obligatorischen Rakı-Teller auch deutsche Spezialitäten. Ein Ort wie geschaffen für eine Künstlerin mit deutsch-türkischer Geschichte. Elegant schreitet sie in Richtung Bühne. Zu beiden Seiten sitzt das Publikum an runden Tischen im Halbdunkel. Gespannt lauschen alle dem einsetzenden Gesang, während die Sängerin von nur einem hellen Scheinwerfer angestrahlt wird. Da ist sie wieder, die zarte Rose meiner Sehnsucht. Kurz bevor Sema Moritz ihre Band erreicht, dreht sie sich noch einmal um und lächelt. Ich fühle mich in die zwanziger Jahre zurückversetzt.

Diese Zeit ist es, die es Sema Moritz angetan hat, erzählt sie mir bei unserem Treffen in Beyoğlu. Bei einem Glas Çay in einem kleinen Café berichtet sie mir von unterschiedlichen Konzepten, mit denen sie Themen bearbeitet. Das Projekt Efsane Hanımlar / Legendary Ladies beschäftigt sich mit Künstlerinnen um 1900. „Erst waren es armenische Frauen und griechische Frauen, die Schellackplatten produzierten“, berichtet Sema, „nachdem die türkische Republik gegründet wurde, waren auch viele türkische Frauen auf der Bühne und haben Schellackplatten aufgenommen.“ Sie nutzten die Freiheiten, die sie mit der Gründung der türkischen Republik erfuhren. Songtexte, Gedichte und auch Romane jener Zeit handeln von Leidenschaft und Kummer, großer Liebe und Enttäuschung oder vom schönen Istanbul. Doch geht es der Sängerin nicht um die Texte selbst. Sie möchte mit den Melodien an diese große Zeit der künstlerischen Frauenbewegung erinnern. Der zeitliche Rahmen für Sema Moritz beginnt 1895 und schließt in den 40er Jahren, als der Tango, oft von Männern gesungen, die türkische Musikszene erobert. „Männer-Power und Männerstimmen. Das gefällt mir überhaupt nicht“, verrät sie mir.

Istanbul bedeutet Lebensfreude

Ich denke wieder an das Konzert. Zwischen den traurigen und ruhigen Klängen waren auch komische Stücke untergebracht. Tanzend stand Sema dann auf der Bühne. Sie drehte sich im Kreis, lachte und blickte vergnügt auf ihr Publikum. Auch dieses lustige Spiel mit Melodie und Gesang ist eine typische Gattung jener Zeit des frühen 20. Jahrhunderts. Man kennt die ironischen Lieder heute vor allem aus Frankreich. Doch auch in Istanbul waren Chansons sehr beliebt. Sema Moritz übersetzt mir eine Zeile: „Ich bin betrunken, aber ich habe nicht ein Mal Rakı getrunken“ Lebensfreude – dieses Wort beschreibt nicht nur den Ausdruck jener türkischen Chansons, sondern auch das Bild, welches ich von Sema auf der Bühne sah.

Während diese Lebensfreude in Istanbul mit Musik und Tanz gelebt wurde, waren viele fröhliche Musikrichtungen in meiner Heimat Deutschland verboten. Jede Nation scheint ihre dunklen Zeiten zu haben, in denen die Kulturszene einer starken Repression ausgesetzt ist. So war es auch in der Türkei der 80er Jahre, als der Militärputsch viele Menschen ins Exil trieb. Auch Sema fand damals den Weg aus ihrer Heimatstadt Ankara nach Deutschland. Einen Monat verbrachte sie in Nürnberg, bevor sie in Berlin Fuß fasste. Doch geschadet hatte es ihr nicht. Im Gegenteil, die diplomierte Bibliothekarin nutzte die Chance und wurde Musikerin. „In Berlin habe ich Gesangsunterricht genommen und 1987 meine Gruppe Sema & Taksim gegründet“, berichtet Sema mir von den Anfängen ihrer Karriere. In ihrer Band spielte sie damals vorwiegend mit deutschen Musikern.

Erst in Berlin liegt der Bosporus zu Füßen

Dass die Sängerin schon immer ganz genau wusste, was sie will, erfuhr ich schnell bei unserem Gespräch. Sie erzählt mir von einem Konzert, bei dem sie den Saxophonisten Charlie Mariano live erlebte. „Ich hab ihn gesehen und habe mir gedacht: Ich möchte diesen Mann. Ich bin dann einfach hingegangen und habe ihn gefragt.“ Aus diesem Ehrgeiz entstanden Songs für ihr Album “Ich Höre Istanbul – Jazz A La Turka“ Hier spielten, das erahne ich schon am Namen, Lieder vom Bosporus eine zentrale Rolle. Überhaupt, so erklärte mir die Sängerin, handeln die meisten türkischen Heimatlieder von Istanbul. Kalamış, oder Stücke über den Bosporus sind in der Türkei sehr bekannt. Durch diese Lieder fand Sema erst zur größten Stadt der Türkei. Obwohl sie nur wenige Male dort gewesen war, wurde die Metropole wichtiger als ihre Heimatstadt Ankara. „Als ich im Exil in Berlin war, sprachen alle von Istanbul“, erzählt Sema mir, „ach, du kommst aus der Türkei. Kommst du aus Istanbul? – Niemand kam auf die Idee, dass ich auch aus Diyarbakır oder Tokat kommen könnte. Alle haben gedacht, ich käme aus Istanbul.“

Neben den Heimatliedern ging es thematisch zu jener Zeit noch viel um Politik. Sema sang Texte von Nâzım Hikmet oder Yunus Emre. Auch der bekannte deutsche Dichter Bertolt Brecht wurde von ihr vertont. Mit ihm verbindet sie nicht nur politische Ideen, sondern auch ein gemeinsames Datum. Manchmal liegen Todes- und Geburtstag von Künstlern sehr, sehr nah beieinander. Doch aus dem tagespolitischen Geschehen hat sich Sema Moritz mehr und mehr zurückgezogen. Daran sind die sozialen Netzwerke nicht unschuldig. Auf Facebook hat die Sängerin über 7.000 Follower. Auch für andere Kanäle ist sie offen. Neben Konzertankündigungen veröffentlichte und teilte sie politische Statements. Manchmal ging es um die schlechte Lage der türkischen LGBTQI*-Community, dann wieder um Flüchtende. Doch auch in der Türkei sind Hass-Kommentare ein leidiges Thema. „Ich habe die Nase ein wenig voll“, gibt sie zu. Mittlerweile, so schildert mir Sema, räume sie politischen Aussagen keinen Platz mehr auf ihren öffentlichen Präsenzen ein.

Weihnachtliche Vorfreude und festliche Sauberkeit

Doch auch Unterschiede stellt Sema Moritz zwischen Deutschen und Türk*innen fest. Das erklärt sie mir an einer einfachen Frage: „Was macht mein Nachbar?“ Damit will sie mir veranschaulichen, dass sich Türken oft nur oberflächlich für andere Leute interessieren. Sie seien bloß neugierig. Wenn die Haustüre mal ein paar Tage verschlossen bleibt, kommen zwar die Nachbarn, um sich nach dem Wohlbefinden zu erkundigen, doch bei den Deutschen sei das anders: „Nach dem 15. Juli haben mich unzählige deutsche Freunde angerufen und sich erkundigt. Von den türkischen Freunden aus Deutschland hat niemand etwas geschrieben. Die Deutschen kümmern sich.“

Deswegen mag Sema auch Weihnachten ganz besonders. Besinnlichkeit und Freude werden spürbar. Die Menschen werden noch offener. Ich frage sie, ob es denn bei türkischen Festen nicht ähnlich zugehe. Doch Sema erklärt mir, dass hier die Sauberkeit im Vordergrund steht. Sowohl was festliche Kleidung angeht als auch das eigene Heim. „Es gibt einen ganz tollen Begriff dafür: Bayram temizliği – Feiertagssauberkeit“, sagt sie mir und kann sich ein Schmunzeln dabei nicht verkneifen. Doch bei ihr ist das ein wenig anders. „Ich fühle mich wohl, wenn ich zur Weihnachtszeit eine Lichterkette zu Hause habe.“

Feierliche Stimmung und Lichter. Ich muss wieder an das Konzert denken. Der Wechsel zwischen Lebensfreude und Trauer. Zwischen kraftvollem Rhythmus und leidenschaftlicher Melodie. Beim Konzert hörte ich die legendären Frauen Istanbuls. Auf Semas Alben finde ich Dichter aus unterschiedlichsten Kulturen und Epochen. Wer diese Bandbreite so gut beherrscht, der muss viel erlebt haben. Und, das ist Sema Moritz sehr wichtig, ein weltoffener Mensch sein. Vielleicht liegt ihre Stärke gerade in dieser Vielfalt. Und vielleicht sagt diese Frau, die heute überwiegend in Istanbul lebt, auch deshalb: „Meine Stadt ist Berlin.”

Wer die Energie der Sängerin auch einmal erleben möchte, sollte Sema Moritz live nicht verpassen: “Efsane Hanımlar / Legendary Ladies”. Am 17. Dezember 2016 um 22:30 Uhr im Taşra Kabare, Kadıköy.

Text: Navid Linnemann
Redaktion: Judith Blumberg
Fotos: Navid Linnemann, Christoph Worreschk