Während meines Erasmus-Aufenthaltes in Istanbul 2008 studierte ich an der Mimar Sinan Universität. Auf unserem Campus wurde Hanf gezüchtet, unsere Uni war arm und konnte sich kein Toilettenpapier für die Studis leisten und unser Grund und Boden gehörten der privaten Universität Bahçeşehir Universität, die direkt neben unserer lag. Zum Glück hatte ich dort einige Freunde gefunden und durfte daher ab und an die rot vergoldeten, schicken Toiletten auf dem Nachbar-Campus nutzen. Private Universitäten und Colleges wie die Bahçeşehir Universität in Istanbul fallen nicht nur durch elegante Toiletten auf, sondern auch durch ein Türkisch, das beim ersten Hinhören stark amerikanisch klingt. Ich erfuhr recht schnell, dass die Kombination aus dieser Sprechweise und dem auffallenden modischen Kleidungsstil plus blond gefärbter Haare als „Tiki-kültürü“, also „Tussi-Kultur“, bezeichnet wird. Meine Faszination für diese Jugendkultur war so groß, dass ich beschloss, sie als erste Wissenschaftlerin unter die Lupe zu nehmen und sogar eine Feldforschung in den „Tiki-Gebieten“, also Akmerkez und Bağdat Caddesi zu betreiben, damals die zwei schicksten Ecken Istanbuls.

Während meiner über einjährigen Auseinandersetzung mit der Tiki-kültürü kam ich unter anderem zu einigen Ergebnissen. Wie die meisten aktuellen Jugendkulturen weltweit ist Tiki-kültürü nämlich stark von der amerikanischen Kultur und Sprache geprägt und lässt sich auf den zunehmenden Einfluss Amerikas in der Türkei zurückführen. Besonders nach dem 2. Weltkrieg nahm die Anzahl an amerikanischen Colleges und anderen Bildungseinrichtungen in der Türkei massiv zu. Eine weitere Ursache, auf die sich der starke Materialismus und Marken-Hype der Tikis zurückführen lässt, ist die Apolitisierung der türkischen Jugend, die seit den 1980er Jahren aktiv gefördert wurde.
Das Lebensmotto der Tikis heißt Ciksoloji (Die Lehre vom Coolsein) und Kleidung macht Tikis: Wer Tiki sein will, braucht blondierte Haare, am besten einen eigenen Chauffeur und gespritzte Lippen! Wer wissen möchte, wie eine echte Tiki ausschaut, schaue sich „Tiki Selin“ aus der türkischen Serie „Avrupa Yakası“ an. Durch sie wurde die beliebteste Tiki-Redewendung („Oha falan oldum yaneee“) auch einem größeren Publikum bekannt. Als ihre größte Inspirationsquelle bezeichnete die Schauspielerin die schicken Cafés der Bağdat Caddesi. Stundenlang beobachtete sie dort „echte“ Tikis und gewöhnte sich ihre Sprache und Mimik an.

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Wer sich in Tikistan zurechtfinden will, sollte die wichtigsten Sätze kennen:

Tiki-Türkçe Türkisch Deutsch
Hangi evınta akıyoruz? Nereye gidiyoruz? Wohin gehen wir?
Ortamdan disconnect oldum!! Olup bitenlerden habersizim. Ich bekomme die neuesten Entwicklungen nicht mit.
Yivrençsiann! İğrençsin! Du bist eklig!
Kafe grandda branç yapalım maaa? Kafe Grand`da kahvaltı yapalım mı? Wollen wir im Café Grand brunchen?
Süper manyak olmușsun yaaa. Çok güzel olmușsun. Du siehst toll aus.
Ortam çok crazy! Ortam çok hoș. Wow, krass hier!
Böö geldi… Iğrendim… Mir war schlecht davon…
Șok oldum falan yanee… Çok șașırdım… Ich war geschockt…
Hadi paypaaay… Görüșmek üzere Tschüss.

Kostenloses Hör- und Sprachtraining bieten auch Videos der bekanntesten Tiki-Schwestern, Esra & Ceyda:

Über die Tikis herrschen – laut meiner damaligen Umfrage  – folgende Zuschreibungen:

  • Amerikan preppy gençliğini yakından izler, en pahalı markaları tercih eder, Türkçeyi amerikan aksanıyla, yani miyavlar gibi konușur („Sie nehmen sich die amerikanische „preppy youth“ zum Vorbild, bevorzugen die teuersten Markenklamotten und sprechen das Türkische mit einem amerikanischen Akzent, als ob sie miauten“)
  • dünya yıkılsa umurlarında değilmiș („Ob die Welt untergeht, interessiert sie nicht“)
  • onlar her sabah saçlarını yaptırmak için șimdilerde kampüslerinin çevresinde kuaför bulma ya da geçen yılki kuaförleriyle barıșma telaşında („Um sich jeden Morgen frisieren zu lassen, suchen sie nach Friseuren in Campus-Nähe oder versuchen sich mit dem Friseur, mit denen sie sich im letzten Jahr verstritten haben, zu versöhnen“)
  • tekkesi solaryum, dini diş görünüştür („Ihre religiöse Versammlungsstätte ist das Solarium, ihre Religion ist ihr Aussehen“)

Viele der Floskeln, die während meines Studiums als Tiki-türkçe galten, sind mittlerweile in den türkischen Sprachgebrauch aufgenommen worden. Mal schauen, wie sich die Tiki-kültürü in der Zukunft entwickeln wird…

aaay ortam, bakalım yaaa!

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Text: Ilgın Seren Evișen/Masal Levon
Illustration: Irem Kurt
Redaktion: Aydanur Şentürk