Überall tauchen diese Fotos auf, tausendmal geliked und geteilt, von Online-Magazinen weiterverbreitet, in Printmedien abgedruckt. Es sind Bilder von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Österreich, die Schilder mit Vorurteilen hochhalten, mit denen sie aufgrund ihrer Herkunft immer wieder konfrontiert werden.

Esin Turan hat diese Fotos gemacht. Wir treffen uns an einem sonnigen Herbstnachmittag in einer hippen Wiener Location auf einen Zitronen-Shrub und ein Gespräch über ihre Arbeit und sie selbst.

Esins Leidenschaft: Die Schnittstelle zwischen Kunst und Sozialarbeit

Die gebürtige Türkin lebt und arbeitet seit gut 20 Jahren in Wien. Nach ihrem Studium der Bildhauerei an der Hacettepe Universität in Ankara zog sie nach Österreich, um an der Universität für Angewandte Kunst in der Bildhauereischule Bruno Groncolis zu studieren. Esin blieb in Wien. Bereits während des Studiums arbeitete sie im sozialen Bereich mit Kindern und Jugendlichen. So macht sie es auch heute noch: Drei Tage pro Woche arbeitet sie in der Jugendbildungswerkstatt der gemeinnützigen Organisation Interface Wien und die übrigen vier Tage im Atelier. Im Idealfall kann sie Kunst und Sozialarbeit kombinieren. So wie bei ihrem aktuellen Projekt “Gegen Vorurteile”, einem visuellen Statement gegen Vorurteile und Intoleranz. Die Fotos wurden mit Jugendlichen aus der Bildungswerkstatt gemacht.

Die Jugendbildungswerkstatt bietet zugewanderten Jugendlichen und jungen Erwachsenen von 15 bis 21 Jahren Unterstützung beim Deutsch lernen und Ankommen in Wien. Alleine im Jahr 2014 wurden knapp 130 Sprachkurse mit beinahe 1600 Teilnehmern von Interface Wien organisiert. Außerdem werden unterstützende Maßnahmen im Sozial-und Bildungsbereich angeboten. Esin Turan gestaltet die Kreativbegleitung der Werkstatt. Das sind offene Projekte, beispielsweise Ausflüge in Wien oder verschiedene Workshops. Das Fotoprojekt “Gegen Vorurteile” ist eines dieser Projekte.

Wie das Fotoprojekt entstand

Esin wurde von der aktuellen Flüchtlingsdebatte zu dem Fotoprojekt angeregt, die in Österreich äußerst emotional geführt wird und voll von Verallgemeinerungen und Vorurteilen ist. Und so entstanden die Fotos, auf welchen die Kursteilnehmer Schilder hochhalten sollten mit einem Vorurteil, welches häufig mit ihrer Herkunft oder ihrer Identität assoziiert wird.

Esin Turan möchte mit diesem Projekt Stereotype aufzeigen, und nimmt dazu Alltagsvorurteile und Alltagsrassismus als Ausgangspunkt: „Wir produzieren Stereotype, aber wir leiden auch darunter. Und erst dann fallen uns diese Stereotype auf. Medien transportieren diese Stereotype. Tagtäglich begegnet man Vorurteilen. Auch im Kunstbereich werden Schubladen aufgemacht. Nicht die Kunst steht im Vordergrund, sondern die Arbeiten einer Migrantin oder Frau.“ Sie will, dass sich die Menschen dessen bewusst werden. Und über die sozialen Medien erreichte Esin Turan unerwartet viele Leute.

Sie war selbst überrascht von dem Medienrummel, den das Fotoprojekt auslöste.  Beinahe  30000 Kontaktanfragen erhielt sie auf Facebook innerhalb von fünf Tagen. „Die Zahlen wurden immer mehr, das ging wie ein Stromzähler. Die Menschen sind wegen der aktuellen Flüchtlingskrise sehr sensibel für solche Themen.“

Das Ankommen der Flüchtlinge ist auch in Wien stark zu spüren. Turans Atelier liegt gleich hinter dem Wiener Westbahnhof, wo innerhalb weniger Tage zehntausende Flüchtlinge aus Ungarn angekommen sind. Sie war in den ersten Tagen dabei und hat geholfen, als die durchnässten, unterkühlten Flüchtlinge angekommen sind. Sogar die Polizisten hatten Tränen in den Augen, erzählt sie.

Diese Flüchtlinge werden Wien und Österreich verändern und zur kulturellen Vielfalt des Landes beitragen. Dass das Zusammenkommen von Kulturen eine Bereicherung ist, hat Esin Turan am eigenen Leib erfahren.

Türkisch-Österreichisch, ein schöner Mix

Auf die Frage danach, was denn an ihr türkisch und österreichisch sei, meint Esin, dass der österreichische Teil in ihr insbesondere ihre Arbeit betrifft. Sie beschreibt sich als sehr pingelig und genau, äußerst pünktlich, manchmal ein bisschen unrelaxed, und sicherlich kein Gruppenmensch. Das Türkische an ihr ist der Humor und die Fähigkeit, Dinge mit anderen Augen zu sehen, nicht im Detail hängen zu bleiben, sondern das Gesamte zu sehen. Mit Wien verbindet sie eine Hassliebe, Istanbul empfindet Esin manchmal als zu anstrengend und sehr brutal. „In Wien plant man Dinge, und hat sie am Abend erledigt. In Istanbul schaffst du vielleicht einen Punkt von deinem Plan. Die Leute sind aber trotzdem zufrieden.“

Neben Fotografie beschäftigt sich Esin Turan mit verschiedenen Kunstformen. So findet sich in ihrer Reihe „Objekte“ das Lexikon der Religionen, in welchem ein Küchenmesser steckt. Sie bastelt Kollagen, stellt in ihren Installationen Kisten mit Handgranaten aus, oder hunderte gefaltete Papierboote in einem wackeligen Holzboot. Sie spielt dabei immer mit unterschwelligen Zeichen und versteckten Botschaften, ist politisch und gesellschaftskritisch. Die Tiefe ihrer Kritik ergibt sich dabei oft erst auf den zweiten Blick, wie die kleinen gefalteten Boote, die alle Namen tragen…

Zuletzt frage ich Esin: “Was wäre dein Schild?” „Ich bin zwar Türkin, aber ich kann sudern (meckern) wie eine Wienerin“, sagt sie und lacht.

Hinweis: Esin Turans nächste Ausstellung in Istanbul wird am 6. November 2015 in der Galerie Kuad eröffnet, in Wien ist aktuell eines ihrer Exponate derzeit im 21er-Haus zu sehen.

Text: Elisabeth Nindl