Sucht man den Begriff „Karikatur“ auf den Internetseiten einschlägiger Suchmaschinen, springt einem sofort die italienische Bedeutung des Wortes ins Auge: Karikatur kommt von dem Wort caricare und bedeutet so viel wie „überladen“. Tatsächlich haben Karikaturen etwas Überladendes an sich, denn ihre Aufgabe ist es gesellschaftliche und politische Ereignisse in bildlicher Form zugespitzt darzustellen. Dabei bedienen sie sich sowohl der Ironie und des Sarkasmus, als auch der Häme und des Spottes.

Eine deutsch-türkische Geschichte

Dr. Murat Erdoğan – Direktor des Zentrums für Migration und Politikstudien an der Hacettepe Universität Ankara und seit 20 Jahren Karikaturenforscher – hat im Jahr 2012 in Zusammenarbeit mit dem sozialen Netzwerk TOONPOOL aus Berlin ein ganz besonderes Projekt verwirklicht. In Erinnerung an die Unterzeichnung des „Arbeitskräftevertrages“ zwischen der Türkei und Deutschland am 31. Oktober 1961 wurden aus einem riesigen Pool an Material die 50 besten Karikaturen zum Thema „Die Türken in Karikaturen der deutschen Medien“ ausgewählt und unter dem Motto „50 Jahre – 50 Karikaturen“ zusammengetragen. Das Ergebnis ist ein themenreicher und emotionaler Rückblick auf das vielfältige „deutsch-türkische“ Zusammenleben in Deutschland.

Von Jan Tomaschoff auf www.toonpool.com

 

Der Versuch Realität abzubilden

Der große deutsche Schriftsteller Max Frisch hat in Hinblick auf die in Deutschland lange Zeit als „Gastarbeiter*innen“ angesehenen türkischen Einwander*innen einmal gesagt: „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“. Heute leben in Deutschland mehr als 3 Millionen Menschen mit einem familiären Bezug zur Türkei. Der soziale und auch politische Umgang mit ihnen spiegelt sich in den von Murat Erdoğan ausgewählten Karikaturen wider. In ihnen werden Ideen-Konzepte wie der „Multikulturalismus“, Vorstellungen über „Vorzeige-Migrant*innen“, oder auch politische Entscheidungen wie der Einbürgerungstest „humorvoll“ hinterfragt und es zeigt sich, dass das „deutsch-türkische“ Zusammenleben auch von Vorurteilen und Diskriminierung geprägt ist. Murat Erdoğan selbst betrachtet die türkischen Migrant*innen gerade aufgrund des Klischees der/s „türkischen Migrant*in“ innerhalb der „deutschen“ Gesellschaft als eine in den Medien stark thematisierte Gruppe. Dies ließe sich auch an den zahlreichen Karikaturen über das „deutsch-türkische“ Zusammenleben feststellen.

Lachende Kritik

Von Markus Grolik auf www.toonpool.com

Was steckt also hinter Karikaturen, die uns auf witzige Art und Weise von „versteckten Islamist*innen“, Bio-Döner oder der „deutschen Leitkultur“ erzählen? Selbstverständlich tragen Karikaturen universelle und visuell auffallende Botschaften die mitunter provokant und sarkastisch sind. Doch letztendlich bilden sie unser Zusammenleben als kulturell diverse Gemeinschaft ab. Jeder kann einmal über den/die „über-bürokratische/n“ und zu Bio-Essen neigende/n „Deutsche/n“ lachen. Mindestens genauso lustig kann die Eröffnung der 100. „türkischen“ Döner-Filiale in Berlin-Kreuzberg sein. Am wichtigsten ist jedoch, dass Nachdenken nach dem kurzen ersten Schmunzeln. Das Bewusstsein darüber, dass das was dort abgebildet ist durchaus kritisch und nicht naiv witzig gemeint ist. Die Botschaft von Karikaturen ist somit genauso divers wie die Gesellschaft, die sie hervorbringt. Um Max Frischs Aussage zu erweitern: Es kamen Menschen und sie haben die zuvor bestehende Gesellschaft verändert, und wurden zu einem festen Bestandteil eines sich entwickelnden Gesellschaftsgefüges.

Text: Jannik Behme
Titelbild: Burkhard Fritsche: Multikulti-Länderspiel, 2010, auf www.tamvakfi.de

Redaktion: Jonas Wronna