Ein Besuch bei dem jungen Musiker Deniz Mahir Kartal in Berlin-Kreuzberg: An den Wänden hängen verschiedene Streich- und Blasinstrumente: Kaval (Hirtenflöte) und duduk (armenische Flöte) in unterschiedlichen Größen und Tonlagen sowie Gitarren, eine bağlama (Langhalsgitarre), eine so genannte çağlama (dreisaitige Elektro- bağlama) sowie eine Mandoline. Diese war sein erstes Instrument, mit dem er im Alter von fünf Jahren in Istanbul anfing und den Grundstein für seinen weiteren musikalischen Weg legte. Der junge Musiker erzählt uns über sein Leben zwischen Musikprojekten, Bandista, Volkstänzen, Ali Asker und seiner frisch angefangenen Solo-Performance Kafanar.


Jede*r hat sicherlich eigene Quellen der Inspiration, von denen er oder sie geleitet wird oder die einer verborgenen Leidenschaft die Tür öffnen. So auch bei Mahirs Musik. Die Inspirationsquellen scheinen seine Cousins gewesen zu sein, die ein paar Jahre älter sind als er und in Istanbul ein Musikkonservatorium besuchten. „Als Kind habe ich meine Cousins, die mit ihren Gitarren und Verstärkern die Bude rockten, sehr bewundert und wusste: Ich möchte auch Musiker werden“, erzählt uns Mahir. Wenn seine Cousins, die bei ihm in der Nachbarschaft wohnten, in der Universität waren, huschte Mahir gerne mal rüber, schnappte sich die Instrumente und probierte sich an ihnen aus. Aber auch Tanz, genauer gesagt Volkstanz, nahm einen großen Teil in seinem Leben ein. Zehn Jahre lang war er im Verein für Volkstänze tätig und auf internationalen Tanz- und Kulturfestivals unterwegs, was ihn nicht zuletzt dazu bewegte, an der Technischen Universität Istanbul türkischen Volkstanz zu studieren. Ein Leben zwischen Tanz und Musik – letztlich überwog aber die Musik, was sich unschwer an den vielen Instrumenten in seinem Musikraum erkennen lässt. Und an den vielen Musikprojekten, in die er in Vergangenheit involviert war und bis heute noch ist.


Da wäre zum Beispiel die bekannte türkische Ska-Punk-Band Bandista. Das Musikkollektiv wurde vor allem durch seine Auftritte auf Demonstrationen bekannt und dessen Musik wird deshalb auch gerne als die „Musik des Protests“ bezeichnet. „Es wurden eben nicht einfach nur Slogans gerufen, sondern gemeinsam gesungen“, erzählt Mahir. Dadurch sei eine neue Protestkultur entstanden.

Der junge Musiker war mit weiteren namhaften Musikern im In- und Ausland unterwegs: So zum Beispiel mit dem bekannten Dichter, Sänger und Bağlamaspieler Ali Asker, der nach dem Miltärputsch 1980 fast 25 Jahre lang in Frankreich im Exil lebte. Nach dessen Rückkehr in die Türkei begleitete Mahir ihn bei seiner musikalischen Tour als Kavalspieler durch die verschiedensten Orte der Türkei. Er denkt gerne an diese Zeit zurück. „Wir haben einfach überall Musik gemacht und jeden Tag neue Menschen kennen gelernt, die uns herzlich bei sich zu Hause aufgenommen haben“, erzählt uns Mahir. Es war wie eine Reise mit der Musik durch die Natur. Außerhalb der Türkei tourt er heute mit Hakan Vreskala und Band als Saxophonspieler durch verschiedene Städte in Europa. Mahirs musikalische Talente begegnen uns außerdem in Filmen, wie zum Beispiel in den Dokumentarfilmen “Keyvan”, “Son Nefes” (Der letzte Atemzug) und “Aşk bitti” (Love is over) sowie in Spielfilmen und Theateraufführungen.

Bei dem Anblick so vieler verschiedener Instrumente können wir uns die Frage nach seinem Lieblingsinstrument nicht verkneifen. Duduk, sagt er. Die Flöte, bekannt als armenische Flöte, habe in ihren Klängen eine starke emotionale Tiefe, die ihn sehr fasziniere. Auch wir sind fasziniert und befinden uns, bei einer kleinen Kostprobe, selbst für einen kurzen Moment in einer anderen Sphäre. Aber seht und hört selbst.

Nach den vielen Tanz- und Musikprojekten ging Mahirs Weg dann 2013 weiter nach Berlin, wo er sein Studium der Musikwissenschaft begann. Einer akademischen Laufbahn war er nie abgeneigt. Das sollte aber nicht bedeuten, dass er keine neuen Projekte in Angriff nimmt. Der junge Musiker tauchte schnell in die Berliner Musikszene ein. Berlin, die „Hauptstadt der Elektromusik“, so sagt er, habe ihm neue Perspektiven eröffnet. Aktuell ist Mahir mit seinem neuen Musikprojekt Kafanar, was so viel bedeutet wie Granatapfelkopf, unterwegs – seine erste Soloperformance. „Ein Granatapfel besteht aus so vielen kleinen Elementen, ähnlich wie die Musik. In der Musik befindet sich eine Akkumulation von Sphären“, erzählt Mahir. In welche Kategorie seine Musik einzuordnen ist, lasse sich nicht so einfach beantworten. Das sei eben nicht so einfach wie die sortierten Regale in Musikläden häufig den Anschein erweckten: Jazz, Folk, Pop. „Jeder Ton, jede Stimme, die man rausgibt in die Natur – sei es die eigene oder industrielle – bedeutet für mich letztlich Musik“, sagt Mahir. In Kafanar vereinen sich seine bisherige Musikerfahrung und seine Inspirationen zu einem Granatapfel.

Mit seiner Soloperformance ist der junge Musiker bei vielen und ganz verschiedenen Veranstaltungen dabei, zum Beispiel bei Fotoausstellungen, bei der Zembîl Party im Südblock oder als Vorband der türkischen Gruppe Büyük Ev Ablukada. Bei seinem experimentellen Projekt gehe es ihm weniger darum, seine Zuhörer*innen zum Ausrasten zu bringen. Dafür sei es nicht die richtige Musik. „Ein Kopfnicken oder Fußwippen allein ist schon sehr viel wert“, erzählt uns Mahir. Ihm geht es mit seiner Musik vielmehr um das Entstehen von Bildern oder das Hervorrufen von Erinnerungen in den Köpfen der Menschen.

 
Text: Tuğba Yalçınkaya
Fotos & Video: Serkan Polat