Gleich nachdem ich meiner Wahlheimat Istanbul den Rücken gekehrt hatte (ja, genau so fühlt es sich an), hatte eine Freundin mich gewarnt, ich solle nun nicht erwarten, dass sich die Menschen in meiner Umgebung verändert hätten. Die seien nämlich, anders als ich, nicht weg gewesen. Die waren immer nur hier, sind also auch noch dieselben geblieben. Damit müsse ich jetzt klar kommen und das dürfe ich ihnen auch nicht übel nehmen.

Ich habe es versucht, aber es hat bei vielen meiner Freunde einfach nicht geklappt. Zu viel stand im Weg, das erst einmal hätte weggeräumt werden müssen: Anrufe, die nie getätigt wurden, Briefe und Pakete, die nie verschickt wurden, Meinungen, die falsch formuliert wurden, Erwartungen, die niemals zu erfüllen gewesen wären und Erfahrungen, die ganze Weltsichten verschoben haben. Die Distanz zwischen unseren unterschiedlichen Perspektiven war über die Zeit einfach zu groß geworden, um in Gesprächen noch zusammenzufinden. Was mich bewegte, war ihnen zu weit weg und was sie bewegte, war mir einfach zu nah dran an der „alten“ Lebenswelt. Und genauso, wie man sich bei Freunden eigentlich wünscht, dass sie sich niemals verändern, wünscht man sich beim Wiederkehren nichts mehr, als dass sie es getan hätten.

Die Kritik daran, dass ich mich aus der Komfortzone Deutschland heraus bewegt habe, führte für mich bloß zu energieraubenden, missverständlichen Diskussionen, denen ich mich während meiner Zeit in Istanbul mehr und mehr entziehen wollte. Auf meine Frage, ob alle, die in Istanbul lebten, die Stadt verlassen sollten, kam immer nur die inhaltsleere Antwort, dass es etwas anderes sei. Weil ich nicht in Istanbul geboren bin? Weil ich eine andere Möglichkeit habe, als zu bleiben? Konnte man so sehen, sah ich aber nicht so. Ich habe bis heute nicht verstanden, woher ein Mensch die Anmaßung nimmt, dass er mehr Garantie auf Sicherheit haben sollte als andere.
Natürlich konnte ich auch die Sorgen meiner Freunde aus der Ferne verstehen, wurde jedoch das Gefühl nicht los, dass sie nicht verstanden, warum ich trotz aller innenpolitischer Krisenherde in Istanbul bleiben wollte. Eben weil ich nicht nur in einem politisch aufgewühlten Istanbul lebte, sondern auch in einem friedlichen, malerisch schönen, sonnigen, kulturell so energetischen Istanbul. Und auch, weil uns die Welt eben alle angeht.
In Gesprächen konnte ich das nie kommunizieren, ohne nicht auch ein bisschen in das Licht der naiven Abenteuerlustigen gerückt zu werden – und gab auf, gab die Gespräche auf und gab auch irgendwie die Freundschaften auf, in deren Augen ich die Schuld an allen daraus erwachsenden Konsequenzen selbst trug, auch dann noch, als ich einen Militärputsch miterlebte.

Zurück in Deutschland sprechen viele Menschen so, als wäre es absehbar gewesen, dass in Istanbul eben genau diese politische Entwicklung stattfinden würde, dabei ist ihr politisches Interesse sonst so groß wie ein Apfelkern und eher als politische Müdigkeit zu beschreiben, weil „so viel Schlimmes auf der Welt passiert, mit dem man sich nicht ständig konfrontieren kann“ oder die „was habe ich denn damit zu tun?“-Haltung wie ein undurchdringbares Schutzschild getragen wird. Aber wenn es darum geht, was in meiner Wahlheimat passiert, dann ist es absehbar und DAS hätte ich doch wissen müssen.
Und was, wenn man es weiß und trotzdem nicht gehen möchte?

Jetzt bin ich zurück aus Istanbul, atme irgendwie erleichtert die Kölner Rheinluft ein und schaue dabei vor allem meinen Sohn an. Bloß irgendwie erleichtert, weil ein Teil von mir gerne geblieben wäre und auch immer in Istanbul bleiben wird, erleichtert aber vor allem deshalb, weil ich weiß, dass mein Sohn hier ein wenig friedlicher aufwächst. Mein Sohn, der in Istanbul geboren ist. Darauf bin ich stolz. Genau das möchte ich ihm irgendwann erzählen: dass sich seine Mutter im neunten Monat schwanger in der Putschnacht vor Militärjets und Soundbombs versteckte und trotzdem blieb, damit auch sein Vater bei seiner Geburt dabei sein konnte, der nicht den goldenen Pass in den Händen hält. Ich möchte ihm erzählen, dass er in einem Land geboren ist, in dem der Alltag manchmal schwer erträglich ist und die Menschen dennoch unbekümmerter sind. Ich möchte ihm raten, dass er mutig über den eigenen Tellerrand schauen soll. Und möchte ihm mit auf den Weg geben, dass, wenn er jemals einen Freund hat, der auf Reisen geht, er ihm zuhören und alles, was er daraus an Erfahrung mitnehmen kann, mitnehmen soll. Denn was gibt es Schöneres als durch die Augen eines Anderen zu schauen?

Ich möchte meinem Sohn gerne mitgeben, dass er seinen Freunden ein Fels in der Brandung sein soll, der sie auffängt, wenn sie hinaus ziehen möchten, um die Welt zu erkunden. Und zuletzt natürlich: Geh mal nach Istanbul, dort ist es – ja, wirklich – wunderschön!

 

Text und Bild: Carina Plinke
Redaktion: Jonas Wronna