“Anatolische Frauen weben ihren Alltag, ihre Gedanken und was sie im Herzen bewegt in geheimnisvollen Symbolen und Farben in die Teppiche”, hatte mir der Verkäufer im Teppichladen im Istanbuler Stadtteil Ortaköy erzählt. Damals habe ich einen Teppich für mein ungeborenes Kind gekauft. Heute sitze ich mit meiner Tochter in Berlin auf dem Teppich. Die leuchtenden Farbe und Ornamente sowie die raue Haptik bringen mich zurück nach Istanbul, in meinen Alltag. Meine Gedanken sind dabei sehr gemischt: Istanbul – so schön und so bedroht.

Istanbul beginnt in meiner Erinnerung mit dem großen Springbrunnen in Sultanahmet zwischen der blauen Moschee und der Hagia Sofia, ohne Aussicht auf Schatten, lediglich der Dunst des Wasserspiels verschafft Abkühlung. Hier traf ich meine jetzige Frau nach den Unruhen der Grünen Welle in Teheran wieder. Im großen Trubel der Stadt hatten wir diesen Ort als Treffpunkt bestimmt. Ich höre das massenhafte Klicken der Fotoapparate der Touristen um uns herum, untermalt vom Plätschern des Springbrunnens. Gleichzeitig macht mich der Gedanke an diesen Ort traurig, denn es ist derselbe Ort, an dem im Januar 2016 dutzende Menschen durch eine Bombe starben.

Gedanklich folge ich der Metro vorbei an der Hagia Sofia und dem Topkapi Serail. Direkt daneben lädt der Gülhane Park dazu ein, dem emsigen Treiben und Lärm der Metropole zwischen seinen uralten Bäumen zu entfliehen.  Von der Terrasse des Cafés in der Mitte des Parks genießt man die Blumenarrangements der Beete sowie die Kunstobjekte, die zwischen den Stämmen ausgestellt werden. Vom Meer fegt ein steifer Wind über die Spitze des Goldenen Horns, der den Staub aufwirbelt und den Geruch der trockenen Herbstblätter in die Nase treibt. Nur ein paar Schritte aus dem Park hinaus stürze ich ins große Getümmel von Eminönü.

Ich überwinde mich und folge den Rauchschwaden des mit Blattgold reich verzierten Fischerbootes, vor dem sich eine große Traube Menschen sammelt. Die Choreografie der Händler bändigt die hungrige Meute, sodass ich nach kurzer Zeit ein wunderbares Fischbrötchen in die Tasche stecke und zur Fähre eile.  Vom Oberdeck verschwimmt die Silhouette des Topkapi Serail, der Blauen Moschee, der Süleymaniye Moschee und des Galataturms immer weiter im sommerlichen Dunst. Das Echo der Möwen hallt in meinen Ohren nach. Ich versuche die Augen zu öffnen, doch die gleißenden Wellen drohen mich zu blenden. Der uralte Schiffskellner balanciert routiniert das Tablett mit Teegläsern über das leicht schwankende Deck.

Die Fähre erreicht den Kız Kulesi, der majestätisch aus dem Wasser ragt. Damals erreichten wir das Wassershuttle zum Kız Kulesi mit Müh und Not; der Taxifahrer, der uns von Sultanahmet nach Eminönü brachte, manövrierte sein Auto durch den Stau der Kennedypromenade mit waghalsigen Stunts über Bürgersteige und Autogassen. Während der Überfahrt zur Insel überprüfte ich minütlich mit schwitzigen Händen diskret den Verlobungsring in meiner Jackentasche. Die europäische Seite glitzerte von Ferne, die Mondsichel hing über dem Meer. Es war ein lauer Juniabend. Ich ging wieder und wieder die Worte durch. Dies hatte zur Konsequenz, dass ich aufgrund eines Missverständnisses mit dem Kellner meinen Hauptgang ohne Gemüse bekam – egal, das Essen war sicherlich hervorragend, ich weiß es nicht mehr. Vor dem Dessert wollte ich sie fragen. Am Nachbartisch saß ein junges Pärchen. Gerade als ich den Fisch aufgegessen hatte und mich für die Frage sammelte, ging an eben diesem Nachbartisch ein Rosenblätterregen herab. Der Junge holte eine Ringschatulle empor und fragte seine Freundin, die vor Glück weinte. Innerlich brach ich zusammen. Als unsere Teller abgeräumt wurden und ich ihre Hand nahm, verstand sie und musste lachen.

Das Schiff  passiert die kleine Insel und nimmt Kurs auf die asiatische Seite nach Kadıköy: Hier in den Gassen hasten Hausfrauen vollbepackt mit Einkaufstaschen mit Lastenträgern mit überladenen Schubkarren um die Wette, vorbei an Händlern, die ihre Paprika, Auberginen und Tomaten zu kunterbunten Kunstwerken arrangiert haben. Riesige Platten sind mit einem Mosaik aus Muscheln ausgelegt, die regelmäßig bewässert werden, dazu bereit, sofort verzehrt zu werden; alle paar Meter verführt der Anblick die eilenden Passanten, für einen Moment zu verweilen, um sich daran sattzusehen.
Dazwischen laden die Teehäuser zu Pausen mit angeregten Gesprächen ein. Wie viele unterschiedliche Interviews mag ich im Laufe der Jahre hier für meine Artikel auf diesen Hockern bei etlichen Gläsern Tee und Zigaretten geführt haben? Wie oft ließen mich die Straßenmusiker innehalten, um durch ihre Musik dem Rhythmus des Viertels zu lauschen. Bei meinem letzten im November 2016 erschien es mir hier plötzlich leiser: Ich schien die angeregten Gespräche in den Teehäusern verstummen zu hören, niemand wollte sich mit mir unterhalten. Die Zeitungsstände leerten sich, dafür leuchteten Sport- und Modemagazine auf.

In meinen Gedanken nehme ich die Fähre von Kadıköy nach Kabataş. Schnell ist man auf dem Taksim und auf der Istiklal Caddesi. Journalisten Demos, Frauenmärsche, Wasserwerfer in Position und Polizeihundertschaften, es war oft genug spannend, hier entlang zu spazieren. Doch die Buchhandlungen, in denen ich so gerne herumstöberte, sind verschwunden: Ada Cafe Bookstore,gibt es nicht mehr, der Robinson Crusoe Buchladen musste weichen. Fast habe ich Angst um die Türk Alman Kitabevi, das türkisch deutsche Buchladen-Café. Erinnerungen an Orte, deren Einzigartigkeit in Gefahr schwebt: Immer mit  der Frage, wie wird es jetzt wohl dort sein? Und wie, wenn ich ein nächstes Mal komme?
Jenseits des Gezi Parks fliege ich in Gedanken mit der Gondel über den Maçka Park. Insgesamt wirkt die Anlage befremdlich auf mich. Inmitten dieser künstlichen Gegend mit hochaufragenden Luxushotels und wenig Atmosphäre wirkt der Park viel mehr wie ein Osternest mit grellgrünem Papiergras. Unterhalb des Parks ragt die große Vodafone-Arena von Beşiktaş empor. In Beşiktaş verbrachte ich mehr als einmal eine gute Zeit. Hier wohnte ich öfter und verbrachte Barabende mit Freunden. Jetzt macht mich der Anblick des Stadions nachdenklich:Nach meinem letzten Aufenthalt war hier eine Bombe hochgegangen, dort, wo ich täglich langging.

Davon ahnte ich damals noch nichts und lasse den Spaziergang in Ortaköy auslaufen. Ortaköy, wo ich den Teppich für meine Tochter gekauft hatte – den, der mit Gedanken, Fantasien und Wünschen anatolischer Frauen gemustert ist, der jetzt im Kinderzimmer meiner Kreuzberger Wohnung liegt. Er bringt mich vom Ufer des Bosporus zurück in die Realität, auf den Boden der Tatsachen in Deutschland. Gerade den Gedanken an meinen letzten Besuch liegt ein komischer Geschmack bei. Was bleibt von dem, was ich in Gedanken abspaziere?
Bevor ich wieder zurückflog, entdeckte ich hinter dem Taksim an der Flughafenshuttlestation ein gewaltiges Loch vom Umfang dreier Fußballfelder in die Erde hineinragen. Ein Loch, symbolisch für so vieles. Besondere Orte verschwinden zugunsten langweiliger Malls, Einkaufboulevards und Fastfoodstationen. Bleibt mir wirklich nur der Spaziergang in Erinnerungen oder werde ich mit meiner Tochter irgendwann wieder am Bosporus entlang flanieren?

Text: Johannes Struck
Fotos: Benedikt Strickmann


Die Gedanken an Istanbul gehen vielen Heimkehrer*innen nicht aus dem Kopf: Auch  Tina Philipp hat versucht in einer Liebeserklärung an Istanbul Worte für diese Stadt zu finden.