“Gekommen um zu schreiben”, war der Titel des Schreibworkshops und anschließendem Spoken Word Events, das wir gemeinsam mit dem syrischen Verein SandD e.V. am ersten Novemberwochenende 2019 organisiert haben.

Es ging es darum, Gedanken, Geschichten, Biografien auf Papier festzuhalten, die in der Mehrheitsgesellschaft eher untergehen. Denn, was geschrieben wird, das bleibt, das wird festgehalten, das kann nicht mehr übersehen werden. Und so wurde auch das im Workshop Geschriebene am Sonntag Abend begleitet von syrischer und türkischer Musik, vorgelesen, gesagt und gehört.

Doch ein paar Stunden zurück, zum Anfang des Workshops. Mit vierzehn Personen trafen wir uns am Samstagmorgen um 10 Uhr im Genossenschaftshaus der Prinzenallee. Noch verschlafen, vor dem ersten Kaffee und auch aufgeregt, neugierig, auf das, was uns die kommenden zwei Tage begegnen würde. Tuğba und Neslihan begrüßten alle Teilnehmenden und wir begannen direkt mit einer ersten Schreibaufgabe um in den Händen und im Kopf warm zu werden. Schnell ging es dann auch thematisch ans Eingemachte. Was bedeutet für uns Migration? Wieweit sind unsere eigenen Geschichten mit Migration verwoben? Alleine schrieben wir unsere Gedanken auf, um sie dann vorzulesen und mit der Gruppe, die langsam vertrauter miteinander wurde, zu teilen. Schnell bemerkten wir, dass es ganz viel um uns selbst ging, um unsere Perspektiven und Gedanken. Und dass wir diese hier in der Gruppe teilen konnten und ganz viel Zuspruch erfuhren, Menschen mit ähnlichen Gedanken und Erlebten begegneten und uns damit auch schnell sehr viel näher kennenlernten.

Wir befassten uns auch mit Sprache und wie diese gleichzeitig Werkzeug,Spielzeug und Trennmittel sein kann. Wie Akzente und Wortwahl Zuschreibungen schaffen, wie das Erlernen und Entdecken einer neuen Sprache unglaublich entmutigend und bereichernd zugleich sein kann.  Wir sprachen und lasen selbst auf Deutsch, Englisch, Türkisch, Arabisch. Der Klang dieser Sprachen setzte wieder andere Perspektiven und Dimensionen über Identität frei.

Diese behandelten wir in einer weiteren Aufgabe ganz tiefgehend. Wir malten unsere Lebenslinien auf und stellten diese einander vor. Geboren in Deutschland, der Türkei, Syrien, der Sowjetunion, Kuwait. Schulzeit, gute Freunde, erste Herausforderungen, Schicksalsschläge, Fragezeichen, und immer wieder Bewegung. Freiwillig und unfreiwillig auf der Suche danach, wo wir uns innerlich und äußerlich verorten wollen. Es war spannend und bewegend, so viel voneinander hören und lernen zu dürfen und mit den vielen Unterschiedlichkeiten auch die Gemeinsamkeiten festzustellen. Am Ende des ersten Abends war man erfüllt von all den Leben, die neben einem geschahen und wie viel Kraft diese Offenheit und das Zeigen von eigenen Unsicherheiten, Verletzungen und aber auch Erfolgen und Entwicklungen, an den Tag brachte. Irgendwie – auch wenn das kitschig klingt – war da ganz viel Menschlichkeit an einem Ort.

Am nächsten Morgen waren wir alte Vertraute. Machten uns gemeinsam schreibend und vorlesend Gedanken über die Gesellschaft, in der wir leben und was wir uns von dieser wünschen. Wir finalisierten die Texte, die wir am Abend vorlesen würden und planten dann gemeinsam das Event. Für viele von uns war es sicherlich das erste Mal, so einen persönlichen Text vor Fremden zu lesen, weshalb natürlich etwas Aufregung mitschwang.

Um kurz  nach sechs war der Raum voll, Tuğba, Neslihan von Maviblau und Tarek von SanaD begrüßten die Gäste und der Abend begann. Wir lasen unsere Texte, mal stehend, mal sitzend, mal laut und fordernd, mal leise vor. Auf Deutsch, Türkisch und Arabisch, mit Übertiteln an der Wand. Es ging um den Wunsch danach, von Zuschreibungen wie “deutsch oder türkisch” frei zu sein. Um die Angst, durch “Anderssein”, durch sprachliche Verschiedenheiten aufzufallen. Um die Suche nach Zwischentönen zwischen all der Polarisierung, nach einer Gesellschaft, die das Positive hervorhebt und sich nicht im Negativen verliert. Es ging um Migration als Privileg und als Last, um gepackte Koffer, und viel Sehnsucht. Um Diskriminierungserfahrungen und die Forderung nach politischer Anerkennung für das, was Migrant*innen in diesem Land leisteten.  Und darum, dass Döner und Pommes, doch eigentlich eine wunderbare Mischung ist.

Hamza Qabbani spielte auf der Oud traditionelle syrische Lieder und Metin Yerkan präsentierte gemeinsam mit Mithat Öner selbst geschriebene türkische Songs. Die verschiedenen Klänge, Worte, Perspektiven waren Puzzleteile, die sich an dem Abend zu einem gemeinsamen Bild zusammenfügten. Insgesamt war “Gekommen um zu Schreiben” ein spannendes Projekt und ein intensives Wochenende mit vielen Gedankenanstößen und Worten, die bleiben werden.

“Gekommen um zu schreiben” wurde gefördert von KALEIDOSKOP Berlin, einem Projekt des Interkulturellen Kompetenzzentrums für Migrant*innenorganisationen und Geflüchteteninitiativen (IKMO), des Türkischen Bunds Berlin-Brandenburg (TBB) und der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales.

Text und Fotos: Marie Hartlieb