Es gibt einige deutsche und türkische Lieder, die in mir ähnliche Gefühle wecken, dieselbe besondere Stimmung aufkommen lassen, längst vergessen geglaubte Erinnerungen zutage fördern, obwohl sie sich inhaltlich oft kein bisschen ähneln. Musikalisch gleichen sie sich noch weniger, wissen wir doch alle, wie weit orientalische und okzidentale Klänge auseinanderliegen. Hier sind einige meiner sogenannten „Musikäquivalente“:

Marlene Dietrich, LILI MARLEEN

Lale Andersens Schlager aus den 30er Jahren ist in fast fünfzig Sprachen übersetzt worden, und das nicht ohne Grund. Auch wenn das Lied selbst keine besondere Geschichte birgt – die Geschichte, wie es zu Weltruhm gelangte, ist hingegen erzählenswert: Nachdem die Deutschen im zweiten Weltkrieg Belgrad besetzt haben, funktionieren sie Radio Belgrad in den „Soldatensender Belgrad“ um, der von da an ein Motivationsprogramm für deutsche Soldaten ausstrahlt. Die Reichweite des Senders geht über die gesamte Welt. Jeden Abend zwischen 21:57 Uhr und 22:00 Uhr spielt Radio Belgrad „Lili Marleen“. Und jeden Abend zur selben Zeit lassen alle Soldaten an allen Fronten der Welt den Krieg für wenige Minuten ruhen und lauschen diesem Lied. Ein deutscher Soldat soll sogar in seinen Kriegsmemoiren geschrieben haben: „Pünktlich kurz vor zehn erschallte wieder aus dem Radio Lili Marleen, als auf einmal jemand aus einem der Schützengräben des Feindes mit starkem ausländischem Akzent: ‚Dreht doch mal das Radio etwas lauter!‘ rief.“ Auch wenn die von Lale Andersen gesungene Originalversion diesen Kultstatus genießt, höre ich dieses Lied am liebsten von Marlene Dietrich, eine der Symbolfiguren des Widerstands gegen die Nazis.

Dieses Lied erinnert mich an die einende Kraft der Musik und an den Geist des Widerstands, die beide über alle Zeiten und Grenzen unserer Welt hinausreichen. Seine Geschichte hat den berühmten türkischen Dichter Attila Ilhan zu dem Gedicht „Lili Marlen“ inspiriert, das später vertont und von einem meiner Lieblingssänger gesungen wurde, dem kurdisch-stämmigen Ahmet Kaya, der seit dem Militärputsch von 1980 eine Ikone des ewigen Widerstands in der Türkei ist:

Ahmet Kaya, LİLİ MARLEN TÜRKÜSÜ (Das Lied von Lili Marleen)

Es gibt zwei weitere Antikriegslieder, die mich nach vielen Jahren immer noch daran erinnern, dass der Einsatz für den Frieden eine meiner wichtigsten Aufgaben im Leben ist. Ich glaube, dass es für jeden von uns einen Weg gibt, um einen Beitrag dafür zu leisten. Zülfü Livanelis Lied über ein Mädchen aus Hiroshima (der Text ist ein Gedicht des berühmten linken Dichters Nazım Hikmet, der viele Jahre im Gefängnis saß und dann im Exil verstarb) und Nenas Lied über Luftballons gehören meines Erachtens zu den besten Beiträgen aller Zeiten:

Nena, 99 LUFTBALLONS

Zülfü Livaneli, HİROŞİMA

Um herauszufinden, wie der eigene persönliche Beitrag sein kann, muss man sich vermutlich zuerst ein wenig mit der Frage beschäftigen, wer man eigentlich ist. Ich wurde hierfür unter anderem von einem sogenannten „Semah“ ganz besonders inspiriert:

Sabahat Akkiraz, KIRKLAR SEMAHI

Der “Semah der Vierzig” hat für mich einen sehr hohen Stellenwert und ist mehr als nur Musik. “Semah” ist der rituelle Tanz der Aleviten und mit den “Vierzig” ist die Versammlung der vierzig Heiligen nach dem alevitischen Glauben gemeint.  Die Texte dieser gesungenen Semahs enthalten tiefgründige, hochphilosophische Lebensweisheiten und haben mich bereits als Kind stark geprägt, viele Fragen aufgeworfen und auch Antworten über den Menschen, die Ethik und das Sein gegeben. Einen kleiner Ausschnitt aus diesem Semah lautet wie folgt:

Gir semaha bile oyna
Silinsin açılsın ayna
Kırk yıl kazanda dur kayna
Daha çiğsin can dediler
Reihe dich ein in den Semah und tanze
So dass der Spiegel geputzt wird und sich öffnet
Verharre vierzig Jahre im Kessel und siede
Denn du bist noch roh, Seele, sagten sie.

 Ohne jemals mit einem Geistlichen darüber gesprochen zu haben, verstehe ich Folgendes darunter: Der Spiegel ist symbolisch für die Selbsterkennung des Menschen, für mich die wichtigste Aufgabe des Daseins. Der Semah-Tanz macht als spirituelle Handlung den Spiegel wieder sauber, so dass man klar sehen kann. Und  dennoch: Die Auseinandersetzung mit sich selbst reicht alleine nicht aus, es braucht auch eine ordentliche Portion Lebenserfahrung, das Kochen im heißen Kessel, um die eigene Verrohung abzulegen und spirituell zu wachsen.

Ein vielleicht nicht spirituelles, aber auch sehr berührendes Lied, das mich über den Menschen und das Leben nachdenken lässt, findet sich auch in meinem deutschen Repertoire wieder: Mit diesem Lied verarbeitete Grönemeyer den Tod seines Bruders und seiner Frau. Er sagt: „Und der Mensch heißt Mensch, weil er irrt und weil er kämpft, und weil er hofft und liebt.“ Wie wahr.

Herbert Grönemeyer, MENSCH

 

Aber es gibt tatsächlich auch spirituelle deutsche Lieder, die mein Herz getroffen haben. Als Kind habe ich Weihnachten geliebt und war immer sehr traurig darüber, dass wir es als Türken nicht feiern. Im Kindergarten und in der Grundschule hat vielleicht kein anderes Kind die Weihnachtslieder so voller Inbrunst mitgesungen wie ich. Es waren nicht die Geschenke und die leckeren Plätzchen, die mich glücklich stimmten – denn die machten mich eher traurig, weil es das alles bei uns Zuhause nicht gab. Nein, vielmehr ging die besinnliche, mystische Grundstimmung dieser Zeit intensiv auf mich über und sorgte für Aufregung und Freude. Mitgefühl und Nächstenliebe waren bereits damals Werte, mit denen ich mich näher beschäftigte.

Das ursprünglich Schweizer Sternsingerlied „Es ist für uns eine Zeit angekommen“ versetzt mich noch heute augenblicklich in jene selig-verträumte Stimmung, wie man sie nur als Kind erfahren konnte.

ES IST FÜR UNS EINE ZEIT ANGEKOMMEN

Eine ähnlich transzendentale Erfahrung machte ich, als mein Vater mir zum ersten Mal von den Weisheiten anatolischer Dichter und Mystiker des Tasavvuf wie Mevlana (in Deutschland eher bekannt unter dem Namen Rumi) oder Yunus Emre erzählte. Der Tasavvuf oder Sufismus ist die spirituelle Auslegung des Islams, es ist das „Wissen der Liebe“, der Liebe auch als Synonym für den Schöpfer. Aus Yunus Emres Gedicht „Sordum Sarı Çiçeğe“ (Ich fragte die gelbe Blume) wurde eine Ilahi, eine religiöse Hymne, die besagt:

Ich fragte die gelbe Blume:
Hast du Mutter und Vater?
Die Blume antwortete: Derwisch Vater,
Meine Mutter und mein Vater sind die Erde.

Das ist eine Weltansicht, mit der ich mich gerne identifiziere, glaube ich doch, dass wir Menschen einander nicht gehören, auch die Kinder ihren Eltern nicht, sondern uns nur gegenseitig auf diesem Weg des Lebens begleiten.

SORDUM SARI ÇİÇEĞE

 

Text: Dilşad Budak Sarıoğlu
Bild: Serkan Polat
Redaktion: Aydanur Şentürk