„Hier gibt’s BAM auf die Fresse!“ schallt es aus den Lautsprechern, wenn man Jilet Ayşes YouTube-Kanal anklickt. Dick geschminkt, mit jeder Menge Schmuck behangen und breitbeinig sitzt sie in ihren Videos auf der Couch und schimpft über „Kartoffeln“ und „Kanaken“. Hinter dieser prollig-aggressiv wirkenden Kunstfigur steckt Idil Baydar, die in Form von Jilet Ayşe Tabus bricht und so manchem aus der Seele spricht. Wir haben uns mit ihr getroffen.

Wenn es um ihre Kunstfigur Jilet Ayşe geht, spricht Idil wie über eine alte Freundin: „Jilet Ayşe ist sehr liebevoll: Sie klatscht dir eine, aber sie nimmt dich auch wieder in den Arm. So ist sie halt.“ Mit Kaffee und Kippe ausgestattet empfängt Idil uns in der Lobby eines Hotels in Berlin Mitte. Sie trägt Jogginghose und Streifenpulli, als sie mit ein paar Minuten Verspätung aus dem Fahrstuhl geeilt kommt und uns prompt mit auf ihr Zimmer nimmt. Die ganze Nacht habe sie hier an neuem Content gesessen, sagt sie. Content, das bedeutet neue Inhalte für ihre Bühnenshow „Ghettolektuell“ und ihren YouTube-Kanal.

Dort äußert sich Idil in Form von Jilet Ayşe – selbsternannte „Ghettobraut aus Berlin-Neukölln“ und „Integrationsalbtraum“ – zu allem, was mit migrantischem Leben, Integration und deutsch-türkischem Miteinander zu tun hat. Mesut Özil, Heimathorst und AfD – nichts bleibt unkommentiert. Jilet Ayşe muss einfach Dampf ablassen, so scheint es – und das macht sie laut, selbstbewusst und mit Witz.

„Lachen ist die Brücke“

Genauso präsent und voller Energie tritt auch Idil im Gespräch auf, wenn sie trotz einer schlaflosen Nacht wild gestikulierend sagt: „Humor kann einer von vielen Beiträgen in der Debatte um Integration sein. Ganz einfach, weil Humor den Druck rausnimmt. Weil du nicht mehr das Gefühl hast, dass du alleine bist. Und das funktioniert sowohl bei Migranten als auch bei Deutschen. Deswegen ist es auch gut, dass die einen mal da lachen und die anderen dort: Denn das Lachen ist die Brücke.“

Eine weitere Brücke schafft Jilet durch ihre Art zu sprechen. Mit Sätzen wie „Wallah, du hast verdient. Du hast ein Auge gemacht!“ und „Ich zeig dir gleich wer Opfer ist, hadi bakalim!“ entsteht ein Sprachenmix, den Idil in Berlin kennengelernt hat. Nach ihrer Kindheit in Celle zog sie im Alter von 15 Jahren mit ihrer Familie nach Berlin und arbeitete dort später als Sonderpädagogin an Schulen. Idil sagt: „Mit ihrer Art der Kommunikation, ihrem Sprachduktus simplifiziert Jilet Ayşe. Mit der Sprache wird eigentlich die Essenz herausgeholt. Um etwas zu transportieren, das schmerzhaft ist, muss die Sprache simpel und möglichst lustig sein. Aber der Kern von dem, was ich da sage, ist schmerzhaft.“

Das Spiel mit dem Schmerz

Schmerzhaft deshalb, weil es viel um die Fragen nach kultureller Identität, Macht und Zuweisungen geht: „Eigentlich ist es eine Analyse, was Jilet Ayşe macht. Sie analysiert unsere kulturelle Identität und die Beziehung zu der anderen kulturellen Identität. Sie spiegelt sie und bricht sie auch auf.“ Und an Material mangelt es Idil dabei nicht: Inspiration kann eigentlich alles sein, sagt sie während sie am Fenster steht und an ihrer Zigarette zieht. Anekdoten für ihre Show schöpfe sie aus persönlichen Erfahrungen, Erzählungen von Freund*innen und Bekannten und eigenen Beobachtungen. Während Idil bildlich und detailverliebt über all das spricht, was sie täglich beobachtet, merkt man: Diese Analysen, dieses akribische Wahrnehmen ihrer Umgebung und der Gesellschaft machen ihre Leidenschaft und Weltsicht aus.

Doch viel Material komme auch durch ihren ganz persönlicher Blick nach Innen. „Es ist absolut auch eine Form des Umgangs mit meinem persönlichem Schmerz. Wenn das nicht wäre, wäre ich nicht gut. Das ist eine wichtige Ebene, die ich brauche, um überhaupt Kunst zu machen“, sagt Idil plötzlich sehr ernst und bestimmt.

Die Show ist nicht – sie entsteht

So sei die Auseinandersetzung mit sich selbst und der Kunstfigur ein dauerhafter Prozess, genau wie jede ihrer Bühnenshows. Denn ein großer Teil davon ist Improvisation: „Diese Improvisationen verbinden und stellen eine Bindung zum Publikum her. Dann bist du als Zuschauer nicht mehr nur Konsument, sondern du siehst eine Show am Entstehen. Wir machen den Abend gemeinsam.“

Erst so komme es letztlich auch zu dem Moment, in dem Jilets raue Art gleichzeitig liebevoll wird: „Sie spricht das Publikum direkt an. Sie fragt: „Wer bist du denn eigentlich? Denn meine Rolle ist ja klar, ich bin der Kanake.“

Humor statt Schuldzuweisungen

Was einst als Idee von Idils Mutter entstand, ist nun vom Erfolg gekrönt: 33.000 YouTube-Follower, mehrere eigene deutschlandweite Shows und Einladungen auf diverse Podien. Klar, dass da die Kritik nicht ausbleibt. Ist Comedy über Rassismus nicht eine Verharmlosung der Zustände, heißt es zum Beispiel. Doch Idil findet, es gibt jede Menge Formate und Plattformen, die sich dem Thema auf ernste Weise widmen. Sie begreift ihre Kunst als ein Angebot aus vielen, bei dem jeder frei ist, zu partizipieren oder nicht.

Und letztlich ist es auch ein Statement in immer politischer werdenden Zeiten, sagt sie. Indem Jilet Rollen, Mechanismen und Asymmetrien innerhalb unserer Gesellschaft aufzeigt, erlaube sie es uns, neue Perspektiven einzunehmen. Und das mal mit Humor anstatt mit Schuldzuweisungen, das betont Idil ganz besonders: „Wir müssen lernen Kontraste mehr zu akzeptieren und einen Weg zu finden, eine Kultur zu finden, sie zu lieben. Wir müssen aufhören Gut und Böse zu trennen – das gehört zusammen, Freunde“. Und mit ihrem Programm macht sie deutlich: Genau wie Gut und Böse nicht trennbar sind, liegen auch Lachen und Schmerz nah bei einander. Denn so oft uns Jilet auch beleidigt, eigentlich will sie uns nicht nur auf den Arm, sondern auch in den Arm nehmen.

Text: Marlene Resch
Redaktion: Sezen Demirkaya
Fotos: Maximiliane Wittek


Im März tritt Idil wieder als Jilet in Berlin auf. Die Termine und weitere Infos findet ihr hier.


Auch Kerim Pamuk nutzt Humor als Mittel der kulturellen Verständigung. Marlene hat ihn auf einen Çay getroffen. Und Navid hat sich das Bühnenprogramm vom Kabarettisten Fatih Çevikkollu angesehen und darüber geschrieben.