Wir stellen euch hier eine Auswahl freier Ensembles vor, die sich mit beeindruckenden Inszenierungen in die Herzen von Istanbuls Theaterliebhaber*innen gespielt haben. Da es auf den Bühnen der Stadt noch Einiges mehr zu sehen gibt, freuen wir uns, wenn ihr diese Liste weiter vervollständigt. Wenn ihr weitere Einblicke gewinnen wollt, dann könnt ihr hier auch unseren Artikel „Auf den Bühnen Istanbuls – Was in der freien Szene der Stadt los ist“ lesen.

İkincikat
İkincikat bedient ihr Repertoire gerne aus neueren Werken mit Aktualitätsbezug. Dafür versucht das Theater auch besonders Stücke vieler junger türkischer Autor*innen zu inszenieren und damit ein neues inländisches Dramen-Repertoire zu schaffen. İkincikat führt einige ihrer Stücke für Gehörlose mit türkischen, und für Nicht-Türkischsprachige mit englischen Übertiteln auf. Damit sprachliche und körperliche Einschränkungen in Zukunft kein Hindernis mehr sind, hat sich die Bühne zum Ziel gesetzt, die dafür notwendigen technischen Strukturen auszubauen. Mit Stücken wie „Üst Kattaki Terörist“ (Der Terrorist im Obergeschoss) und „Poz“ (Die Pose) hat İkincikat viel von sich reden gemacht. In der aktuellen Spielsaison konzentriert sich das Theater auf Produktionen rund um das Thema „Frauen“. Was kein*e Theaterliebhaber*in verpassen sollte, ist Nina Raine’s Stück „Kabileler“ (Tribes), das bereits international ein Erfolg war und jetzt in der İkincikat-Produktion hochgelobt wird.

Tiyatro Yan Etki
Das Ensemble mag ernste Stücke mit schwarzem Humor und möchte dafür auch beim Zuschauer bekannt sein. Eine ihrer wichtigen Produktionen war “Romeo’yu Beklerken” (Warten auf Romeo) von Sarah Grochala. Ihr neuer “Hit” “Medet” (Hilfe) vom türkischen Autor Deniz Madanoğlu ist ein Drama, das sich mit den Benachteiligten einer patriarchalischen Gesellschaft und ihrem Aufbegehren dagegen beschäftigt. Das Thema ist in der Türkei heute noch aktuell – was einer der Gründe für den Erfolg des Stücks beim Publikum sein muss. Erfreulicherweise läuft es noch in dieser Saison.

DOT
DOT hat es sich zum Ziel gesetzt, Stücke mit aktuellen Belangen über den urbanen Menschen zu inszenieren. Dabei legt das Ensemble Wert darauf, zeitgenössische Texte ausländischer Autor*innen zum ersten Mal in die Türkei zu holen. DOT ist das wahrscheinlich institutionalisierteste Theater in der freien Szene: Es hat einen ungewöhnlich großen, professionellen Stab an Mitarbeiter*innen, der dem Ensemble auf einer eigenen Bühne große Produktionen ermöglicht. Für eine ihrer berühmtesten Inszenierungen “Supernova” haben die Schauspieler*innen sogar 1,5 Jahre Box- und Tanzunterricht genommen. Trotz ihrer Professionalität hat die Gruppe nichts an der kreativen Überzeugungskraft eines freien Theaters eingebüßt. In dieser Saison startet ihre neueste Produktion “Nefesinizi Nasıl Tutarsınız“ (How To Hold Your Breath). Der international erfolgreiche Dramentext der britischen Autorin Zinnie Harris rollt die Flüchtlingsproblematik von einer für uns ungewöhnlichen Seite auf: Europäer müssen im Osten Asyl suchen. Das Thema ist zu aktuell und gewichtig, als dass man das Stück verpassen sollte.
Şermola Performans
Şermola Performans hat eine ganz besondere Intention: das kurdische Theater ins Rampenlicht zu rücken und mit Vorurteilen aufzuräumen. Das Theater bevorzugt es daher, eigene Stückeschreiber*innen zu unterstützen, die sich für ihre Dramen aus dem reichen Schatz an Motiven und Mythen der kurdischen Kultur bedienen. Şermolas Inszenierungen fordern oftmals die physischen Grenzen der Schauspieler*innen heraus. Die Stücke werden auf Kurdisch aufgeführt und auf Türkisch und Englisch, bald sogar auch auf Deutsch, übertitelt. Eine ihrer Hit-Produktionen ist „Disko 5No’lu“ (Disko von Nr. 5) über die Folterungen aus den 80er Jahren in dem berüchtigten Gefängnis in Diyarbakır. Das von Mirza Metin geschriebene und auch gespielte Ein-Mann-Stück hat mit einer herausragenden Schauspielleistung und ungewöhnlichen Regieauffassung nicht ohne Grund viele Preise gewonnen. Zum Glück ist es auch in dieser Saison noch zu sehen, zusammen mit den beiden Neuproduktionen “Dil Kuşu” (Sprachvogel) und “Di Tuwaletê De” (In der Toilette).

D22 Tiyatrosu
Die Gründer*innen dieses jungen Theaters setzen sich zusammen aus Schauspieler*innen, Regisseur*innen und Autor*innen, denen gesellschaftliche Belange am Herzen liegen. Eine solche personelle Bandbreite ermöglicht der Truppe auch Vielfalt im Programm: Selbst verfasste Dramen, aber auch klassische und moderne Stücke etablierter Autor*innen, Kindertheater und szenische Lesungen. D22 definiert sich als ein Theater, das seine Nähe zum Leben “auf der Straße” stets beibehält und über aktuelle lokale Belange einen Bezug zu globalen Themen schaffen will. Das ist ihnen insbesondere mit ihrem berühmten Stück “Yirmi Beş“ (Fünfundzwanzig) gelungen, das auch im Mühlheimer Theater an der Ruhr aufgeführt wurde. “Kuş Öpücüğü” (Der Kuss des Vogels) ist eine weitere Produktion, die von sich reden gemacht hat und auch in der aktuellen Saison läuft. Besonders interessant ist ihre neue Ko-Produktion mit dem deutschen Theater “Fringe Ensemble” in Bonn: “Dünyaya Gözlerimden Bak” (Sieh die Welt aus meinen Augen) ist ein interaktives Kriegsstück aus der Feder des deutschen Autors Lothar Kittstein, gefördert durch die Kunststiftung NRW und das Goethe Institut. Regie führt ebenfalls ein Deutscher, Frank Heuel, der künstlerische Leiter des “Fringe Ensembles”.

Kumbaracı50
Die Bühne Kumbaracı50 öffnet ihren Vorhang bereits seit vielen Jahren für verschiedene freie Gruppen ohne eigenes Haus, aber auch für die hauseigenen Produktionen ihres Ensembles “Altıdan Sonra Tiyatro” (Theater nach sechs). Deren Autor*innen verfassen neue Stücke, die nicht nur großen Anklang unter den Theaterliebhaber*innen der Stadt finden, sondern auch thematisch ein Wagnis sind. Das Ein-Personen-Stück “Kimsenin Ölmediği Günün Ertesiydi“ (Es war der Folgetag des Vortags, an dem niemand starb) mit der mehrfach preisgekrönten Performance der Hauptdarstellerin Sumru Yavrucuk führte beispielsweise dem Publikum das schwierige Leben einer Transsexuellen vor Augen. Kumbaracı50-Produktionen experimentieren gerne mit dem Spielraum und versetzen das Publikum immer wieder in ungewöhnliche Bühnensituationen. „Pera’nin Zamanı“ (Die Zeit Peras) ist eine solche Neuproduktion, die das historische Istanbuler Hotel Pera Palace, in dessen Zimmern beizeiten Agatha Christie, Greta Garbo und Ernest Hemingway logierten, als Bühne nutzt und die Zuschauenden interaktiv in die Aufführung einbindet.

Entropi Sahne
Entropi glänzt mit eigenen Produktionen, stellt seine Bühne aber auch für Aufführungen anderer Ensembles, Lesungen, Konzerte und Ausstellungen zur Verfügung. Die Gründer*innen sind sich dessen bewusst, dass das, was heute auf den Theaterbühnen der Türkei geschieht, die Theaterlandschaft in 10 Jahren gestalten wird. Dementsprechend vorausblickend ist auch die Zusammenstellung ihres Programms. Mit seiner sehr erfolgreichen Produktion “Yastık Adam“ (Der Kissenmann) aus der Feder des zeitgenössischen irischen Dramatikers Martin McDonagh will Entropi darauf aufmerksam machen, dass Kinder, die Gewalterfahrungen ausgesetzt werden, diese Traumata in der Zukunft in die Gesellschaft tragen. Das Stück ist auch im aktuellen Programm gelistet. Außerdem sollten die vielversprechenden neuen Produktionen „Boş Şehir“ (Leere Stadt) des mazedonischen Autors Dejan Dukovski und „Ebedi Barış“ (Ewiger Frieden), ein in Anlehnung an Immanuel Kants „Der Ewige Frieden“ geschriebener Text des spanischen Dramaturgen Juan Mayorga, nicht verpasst werden.

Tiyatro Adam
Das Ensemble zeichnet sich damit aus, dass es – trotz aller strukturellen und finanziellen Schwierigkeiten in der Szene – große Produktionen mit vielen Schauspieler*innen, aufwändigem Bühnenbild und Technik auf die Beine stellt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Tiyatro Adam viel Wert auf Teamgeist legt. Es gibt keinen Star und auch keine Leitung des Hauses, vielmehr werden vom Schauspieler bis zur Tonmeisterin alle in jegliche Entscheidungsprozesse des Ensembles eingebunden. So viel Demokratie ist nicht immer einfach, schult aber Offenheit und Genauigkeit im Umgang miteinander und mit den Projekten. Die Schauspieler*innen übernehmen nicht nur hinter den Kulissen, sondern auch auf der Bühne verschiedene Funktionen, machen während der Performance Musik, bauen die Bühne um und gehen so über ihre eigenen Grenzen hinaus. Dementsprechend haben die Aufführungen von Tiyatro Adam viel Energie. Die Stücke sind gesellschaftskritisch, die Inszenierungen aber fern vom moralischen Zeigefinger und stattdessen von einer Prise Humor begleitet. Einer ihrer Dauerbrenner ist Brecht’s Hitler-Parabel “Arturo Ui”. In der laufenden Spielzeit ist “İvan İvanoviç Var Mıydı Yok Muydu” (Existierte Ivan Ivanovic oder nicht) des bedeutenden türkischen Autors Nazim Hikmet absolut sehenswert.

Yabancı Sahne
Eine der jüngeren Theatergruppen in der freien Szene ist Yabancı Sahne, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, klassische Werke großer Autor*innen wie zum Beispiel Dostoyewskis „Schuld und Sühne“ und „Weiße Nächte“ (laufen auch im aktuellen Spielplan) neu zu inszenieren. Text und Kostüme bleiben klassisch, die Dramaturgie ist modern – ein spannendes und seltenes Theatererlebnis. Denn mit dieser Zielsetzung ist die Truppe unter den übrigen freien Theatergruppen, die sich fast ausschließlich aus dem zeitgenössischen Repertoire bedienen, allein unterwegs. Eine aus dem Rahmen dieser Intention fallende Produktion von Yabancı Sahne, die in der neuen Saison Premiere feierte, ist allerdings das zeitgenössische Stück „4:48 Psikoz” (4.48 Psychose) von Sarah Kane. Kane hat es vor ihrem Selbstmord geschrieben und beschreibt darin die schlaflosen Stunden eines depressiven Menschen. Wer einen Theaterabend erleben will, der unter die Haut geht, sollte das nicht verpassen.

Galata Perform
Galata Perform versteht sich als eine Produktionsstätte, die sich darum bemüht, neue Dramentexte zu schaffen. Hierfür hat das Theater ihr vielleicht wichtigstes Projekt “Yeni Metin Yeni Tiyatro” (Neuer Text Neues Theater) ins Leben gerufen. Teilnehmende Autor*innen und Regisseur*innen werden von Galata Perform gefördert und aufgeführt. Bei der Umsetzung bedient sich das Haus gerne interdisziplinärer Methoden und nutzt neue Technologien. Besonderen Wert legt es auf internationalen Austausch und cross-border Projekte, und organisiert Workshops und Festivals. Ihr Stück “İz” (Spur) von Ahmet Sami Özbudak hat auch über die Landesgrenzen hinaus viele Preise abgeräumt. Eine Altbau-Wohnung in Tarlabaşı, einem Viertel des alten Istanbul, ist Schauplatz dreier Geschichten der Mitbewohner*innen aus drei unterschiedlichen Jahrzehnten. Aufgrund der hohen Nachfrage ist “İz” in den laufenden Spielplan wiederaufgenommen worden. Die neue Produktion im aktuellen Spielplan ist “Yaşlı Çocuk” (Altes Kind) von Yeşim Özsoy.

Text: Dilşad Budak-Sarıoğlu
Fotos: Ikincikat, DOT, D22 Tiyatrosu, Entropi Sahne, Yabancı Sahne
Redaktion: Judith Blumberg