So steht er da, lässig gelangweilt in die Luft blickend – sein Style „on fleek“, wie wir im deutschen Slang wohl sagen würden. Auf seinem verwuschelten Haar trägt er eine Adidas-Mütze, vermeintlich unbemerkt schief und einmal hochgekrempelt, so dass die Ohren frei bleiben. Es muss ein Modell aus den 90ern sein, so abgewetzt, die Farben bereits leicht verblasst. Wo er die wohl her hat, frage ich mich automatisch.

Mit seiner Zigarette im Mundwinkel als fest dazugehöriges Accessoire trägt er einen bunten Strickpulli, etwas zu groß, mit kleinen Löchern, die seinen regen Gebrauch zeigen. Vom Flohmarkt aus dem Mauerpark oder aus irgendeinem Kreuzberger Second Hand Laden sind meine ersten Berliner Assoziationen. Dann erinnere ich mich, wo ich eigentlich bin. Begreife, dass das kein Berliner Hipster ist, der da vor mir steht. Sehe, dass beim schiefen Lächeln des Mannes einige Zähne fehlen und die Haare bereits weiß bis grau gefärbt sind. Das Gesicht von tiefen Falten geschmückt, die Geschichten erzählen. Nein, es ist kein Berliner Hipster, der dort vor mir steht, sondern einer der vielen Istanbuler Straßenverkäufer. Manchmal kann man die beiden Spezies wohl miteinander verwechseln.

Oh Hipster dieser Stadt – zurück in Berlin nach vier Monaten in Istanbul fällt mir auf, wie sehr ich euch vermisst habe. Euer Anblick ist fürs Erste wieder etwas ungewohnt, doch schnell vertraut. Und auf abstruse Art auch vertraut zu dem, was ich in der Türkei gesehen habe. Istanbul ist in mir noch so präsent – ich erkenne es in euch wieder. Euer akkurat gepflegter Bart ist das perfekte Pendant zu dem, was meine Freundin nur als „Turkish Hairlines“ bezeichnet. Aufwendig vom Barbier gestutzt – wenn auch manchmal dann doch nicht ganz so dicht und dunkel, wie bei euren türkischen Freunden.

Eure Mütze vermeintlich achtlos hochgekrempelt, genauso wie die der Angler, die 14 Stunden am Bosporus stehen und Fische fangen. Hält das wirklich warm, so ganz mit freien Ohren? Auch euer dunkelgrüner Parka ist perfekt gemacht für nassgraue Tage und eisige Stunden am Bosporus – oder lass es die Spree sein. Statt klein und kräftig gebaut, begegnet ihr mir groß und schlaksig – eure Gesichter (noch) nicht von Falten gezeichnet. Sie erzählen noch keine Bände des Lebens – höchstens die von letzter Nacht im Berghain. Eure Lederschühchen sehen aus, als könnten sie einen Besuch beim nächsten Schuhputzer vertragen und eure Nike Air für 120 Euro lassen mich milde lächeln – denn sie erinnern mich an die Berge gefälschter Schuhe im Istanbuler Dschungel von Eminönü.

Und auch die weiblichen Vertreter eurer Sippe kleiden sich konsequent mit dem, was mein Auge auf dem samstäglichen Basar in Istanbul gesehen hat. Die lange Bluse ist geschmückt von einem zarten Blumenmuster. Der weiße Jutebeutel ist über die Schulter geworfen – in Berlin schaut eine Mateflasche aus dem Beutel, in Istanbul sind es Lauch und Rüben.

So finde ich, Globalisierung sei Dank, in allem Fremden etwas Vertrautes und im Vertrauten auch das Fremde. Nur eines gestehe ich euch als Unterscheidungsmerkmal ein, liebe Berliner Hipster: Euren Man Bun, den habt ihr nicht aus Istanbul.

Text: Marlene Resch
Titelbild: Eva Feuchter
Redaktion: Sezen Demirkaya