Gastautor Ethem Çay kehrt nach langer Abwesenheit nach Ankara zurück. In einer Prosaskizze nimmt er uns mit in die Hauptstadt der Republik – und in die Erinnerungen und Emotionen seiner Reise.

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Nachdem ich dem Ort für viele Jahre ferngeblieben bin, strömt als erstes der Duft in mich ein und umfasst meine Glieder. Wohl eher die Abwesenheit dessen und die Erinnerung daran, was mit einer Frucht passiert, wenn sie ein paar Stunden in der Sonne liegt.

Der faulige, der süße Duft der Verwesung – er fehlt völlig. Die Sonne scheint ohne Erbarmen auf den Asphalt und tätschelt die Köpfe der Menschen, versäumt es dennoch, den Müll der Tage, der auf dem Gehweg sich auftürmt, zu erhitzen und ihm Geheimnisse in Form von Gerüchen zu entlocken, die jeder Beschreibung spotten.

Sie sind fort, die Müllberge, fort, der Staub der unbebauten Flächen, auf denen ich als Kind Fußball spielte oder Hinterlassenschaften der Jahrzehnte erforschte, Katzen jagte und mit Steinen bewarf, fort, die Mädchen in Pokémon-T-Shirts und Jungs, die Karten um die Wette warfen – mal verlieren, mal gewinnen – und irgendwo und immer mindestens ein Kleinkind mit verschmiertem und verklebtem Gesicht; fort, der ganze Scheiß aus der Kindheit, fort die Kindheit aus dem ganzen Scheiß. Irgendwo gibt es das alles vermutlich noch, nur nicht mehr für meine erwachsenen Smartphone-gefickten Augen, die sich alles auf der Welt anschauen können, nur nichts mehr wirklich sehen.

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Nachdem ich also mit beiden Beinen meiner Mutter entstiegen bin und der Geruch fehlt, versuche ich mich zu orientieren. Man sollte meinen, Heimat kann einem die Orientierung geben, aber meine ist kaputt, zeigt Error an und ich stelle fest, dass ich nicht geringe Lust verspüre, den Leuten die in den letzten Jahren das Wort inflationär benutzt haben, den Kopf abzureisen und in den Hals zu scheißen.

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Nachdem ich den Gedanken beiseiteschiebe und das Herz, das mir im Busen die ganze Zeit über schon verblutet, und zwar recht angenehm, mit Eis und einer Packung Cheetos zu heilen versuche; nachdem ich also meine ersten Schritte in Ankara getan habe, meine ersten Lira ausgegeben habe, richte ich meinen Blick auf das Smartphone, dann auf die Zeitungsschlagzeilen am Zeitungsständer, wende angewidert den Blick ab, richte ihn in mein Innerstes und verstumme.

Text: Ethem Çay
Foto: Engin Akyurt

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