Ein Blick aus dem Çay Bahçesi auf die friedliche, dunstige Tiefebene von Mesopotamien, oder, wenn ich mich einmal drehe, auf die leuchtende Altstadt von Mardin, die nicht nur zu schön für eine Filmkulisse anmutet, sondern tatsächlich auch oft als solche zu sehen ist. Jedoch trügt der Schein teilweise, Mardin liegt nur wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt und war auch vor Kriegsbeginn in Syrien nicht unbedingt das, was gemeinhin als friedvoller Ort bezeichnet wird. Dennoch konnten und können die kurdischen, arabischen, türkischen, aramäischen und jesidischen Bewohner*innen der Stadt trotz unterschiedlicher Religionen und Ethnien ein facettenreiches alltägliches Zusammenleben bewerkstelligen: Die Universität in Mardin ist die einzige in der Türkei, an der es Lehrstühle für Kurdisch, Arabisch und Aramäisch gibt, und bis zum erneuten Aufflammen der türkischen Militäroffensiven in kurdischen Gebieten 2015 war die geschichtsträchtige Stadt bei ausländischen Tourist*innen sehr beliebt. Nicht gerade idyllisch wirkt die Neustadt Kızıltepe. Hier reiht sich Hochhaus an Hochhaus an staubige Straßen, die die Herkunft des Namens Kızıltepe (roter Hügel) verstehen lassen. Mit dem Krieg in Syrien ereilte die Mardiner Bevölkerung eine weitere Herausforderung: Zu den etwa 150.000 Einwohnern sind 100.000 urbane Flüchtende dazugekommen, die es zu versorgen und zu integrieren gilt.

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Seit ein paar Monaten steht ein blauer Container in Kızıltepe an der Straße Richtung Flughafen. Auf dem Container, der auf den ersten Blick an Unterkünfte auf Baustellen erinnert, stehen die Worte „Fliegende Bibliothek“ in verschiedenen Sprachen. Der Container ist ein Projekt des Goethe-Instituts in Zusammenarbeit mit der lokalen NGO Her Yerde Sanat (Überall ist Kunst). In dem bunten Kasten befinden sich eine kleine Küche, Bücher in verschiedenen Sprachen, Mal- und Bastelutensilien, Spielzeug sowie tagsüber meistens ein/e Leiter*in und ein/e Übersetzer*in und um die zwanzig Kinder. Wenn es im Container zu eng wird, so zum Beispiel für Artistikübungen oder einfach, weil so viele Kinder gekommen sind, gehen alle zusammen nach draußen vor die Tür auf den freien Platz, auf dem Mittwochs Markt ist und çay getrunken wird.

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So bunt wie der Container ist auch das Team. Patrick aus Polen, einer der Freiwilligen, erzählt von seinen persönlichen Anfangsschwierigkeiten: „Es ist nicht das erste Zirkusprojekt, das ich mache und als ich ankam, war ich überzeugt, dass ich hier gleich wieder meinen Artistikkram durchziehen kann. Daraus wurde dann aber erst einmal nichts, weil wir genug damit zu tun hatten, dass alle Kinder ruhig an einem Fleck bleiben. Also haben wir die Strategie geändert und nun ist das Hinlegen der Matten zu einer großen Fläche schon die erste gemeinsame Aufgabe für alle, die es zu bewältigen gilt.“ Erwartungsvoll steht eine Gruppe Acht- bis Vierzehnjähriger am Rand und Patrick und Gerald aus Spanien haben alle Hände voll zu tun, die Utensilien zu verteilen: Diabolos, Keulen, Jonglierbälle. Überrascht registriere ich, wie die quirligen Kinder sich nun konzentriert an den Gegenständen versuchen. Mehr als eine halbe Stunde lang geht es erstaunlich ruhig zu und es macht Spaß, die Fortschritte an den Hula Hoops zu beobachten. Kannst du es mir nochmal zeigen, Hoca? – Klar!

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Später kommen alle Geräte weg und es geht zum zweiten Teil der Stunde – der Fokus liegt jetzt auf Akrobatik. Die Kinder sollen dazu ermutigt werden, mit professioneller Hilfestellung einfache akrobatische Figuren auszuprobieren. Die intensive Körpererfahrung und die notwendige Kommunikation in der Gruppe sind Aspekte, die akrobatische Übungen für die Körperarbeit mit Kindern aus pädagogischer und therapeutischer Hinsicht interessant machen. Schon bald stehen überall auf der Fläche kleine Menschenpyramiden. Von den etwas entfernt liegenden Sitzgelegenheiten aus Steinen schauen einige Väter eher skeptisch zur Spielfläche. Dass Einladungen und Erklärungen nicht verhindern können, dass einige ihren heranwachsenden Mädchen die zur Teilnahme notwendige Unterschrift verweigern, ist ein Aspekt, den die Teamleitung wohl oder übel akzeptieren muss. Die Einholung der Elternerlaubnis ist ein Prozess, als dessen Ergebnis am Ende nicht nur eine Unterschrift erwünscht ist, sondern auch ein Maß an Sympathie und Interesse, welches dazu beiträgt, Familien und Institutionen zu vernetzen, einen langfristigen Kontakt herzustellen. Behutsam bleiben und sich über jeden Erfolg freuen, lautet hier die Devise. Als ein am Rand stehendes Mädchen auf die Frage, warum sie nicht mitmache, antwortet, sie sei doch nicht wie die aus Syrien, kann ich weitere Schwierigkeiten erahnen. Das Projekt richtet sich vorrangig an Geflüchtete, steht bei freien Kapazitäten jedoch auch Mardiner Kindern offen. Neben dem Ziel Brücken zu bauen, ist ein weiteres Zeil die Nachhaltigkeit. Die Idee besteht darin, Jugendlichen Mittel an die Hand zu geben, sodass sie selbst Gruppen anleiten können. Der deutsche Verein Clowns ohne Grenzen e.V. beteiligte sich beispielsweise durch eine Ausbildung einiger Teilnehmender zu Clowns. Somit soll neben positiven Erfolgs- und Lernerlebnissen die Existenz des Projektes über eine längere Zeit und an mehreren Orten sichergestellt werden.

Neben den Aktivitäten mit internationalen Freiwilligen, die jeweils für einige Wochen bis Monate vor Ort sind, gibt es intensive Workshops. Während ich in Mardin bin, habe ich das Glück, Kadir „Amigo“ Memiş und Ferhat kennenzulernen, die hier einen viertägigen Tanz-Workshop mit den Kindern und Jugendlichen durchführen.

Kadir „Amigo“ Memiş

Kadir „Amigo“ Memiş

Amigo bezeichnet sich selbst als Stadt-Choreograf und -Kalligraf. In der “Choreo-grafie” (griechisch: Tanz-Schrift) sucht er durch Bewegung, Zeichen und Musik einen Kontext zu schaffen. Bekannt ist er als Tänzer und Gründer der Hip-Hop-Gruppe Flying Steps. Er gilt als einer der ersten Hip-Hop-Tänzer in Deutschland, die das Wagnis eingingen, diesen Stil mit Elementen anderer Tanztraditionen zu vermischen. Auf Bühnen vom Hebbel am Ufer, der Semperoper und dem Pina Bausch Theater führte ihn die Suche nach Weiterentwicklung. Waren sie gerade noch mit der auf Kontrast zwischen türkischem Traditionstanz und Breakdance beruhenden Show Red Bull Anadolu Break auf Türkei-Tour, haben Amigo und Ferhat, sein Tanzkollege und Assistent, keine Probleme, sich in die Teilnehmer*innen hineinzuversetzen. Ferhat erzählt, wie er auf den Straßen Diyarbakırs mit dem Tanzen anfing, wie er und seine Freunde weg mussten, weil die Leute sie dort wegen ihres “anderen Styles” nicht haben wollten, wie sie so letztendlich einen Übungsplatz in der Sporthalle der Uni bekommen haben: „Was wir suchen, ist eine Technik, deine Aggressionen in Bewegung, in Tanz, umzuwandeln.” Und das gelingt den meisten Teilnehmer*innen ziemlich gut, soweit ich das von außen beurteilen kann. Amigo lacht und sagt: „Naja, die sollen TANZEN. Also die Großen denken dann oft, nur weil sie ‘nen Backflip beherrschen, gewinnen sie sowieso jedes Battle, aber ich sage dann: ‘Nein, ihr tanzt nicht, schaut mal zu den Kleinen dort drüben, das ist Tanzen!’“ Das Ergebnis, das am Ende der vier Tage auf einer Freifläche vor einer durch einen französischen Künstler frisch bemalten Betonmauer in Kızıltepe präsentiert wird, kann sich sehen lassen. Im eher offenen Teil nach der einstudierten Choreographie verstehe ich, was Amigo gesagt hat: Dass es nicht zwingend den meisten Applaus bedeutet, wenn sich immer dieselbe eingespielte Jungsgruppe mit den gleichen, zugegeben äußerst beeindruckenden, Moves ablöst. Nach den ersten, obligatorisch skeptischen Blicken zückt auch noch die letzte stolze Mami das Smartphone, um ihre Tochter beim “Baby Freeze” zu filmen und klatscht dann sogar mit, wenn der oder die Nächste sich in den geschützten Kreis aus Tänzern wagt, um sein oder ihr Können unter Anfeuerungsrufen unter Beweis zu stellen.

„Dancers“ . Eine Kalligraphie von Amigo.

Dancers. Eine Kalligraphie von Amigo.

Tijen Togay, seit acht Jahren beim Goethe-Institut und die Projektkoordinatorin für die Geflüchtetenprojekte, erzählt mir zufrieden: “In solchen Augenblicken weiß ich wieder, warum ich in Istanbul im Büro sitze und mich Tag für Tag dem mit der Organisation verbundenen Stress aussetze.” Der lange Tag war ein voller Erfolg. Abends beim Essen erzählt mir die Freiwillige Vitalina aus der Ukraine, wie die Hip-Hop-Mädchen, die gleichzeitig ihre Assistentinnen für das nicht immer leicht zu koordinierende, kreative Basteln mit den Kleinsten sind, nach der Performance ein wenig zu spät und sehr strahlend in den Container kamen. Ich wiederum teile meine Erkenntnis mit ihr: Gedanklich habe ich kein einziges Mal in der Kategorie „Flüchtling“ gedacht, sondern nur an die Leistung, die Namen und Gesichter von Kindern und Jugendlichen, die etwas auf die Beine gestellt haben. Ungeachtet einer möglichen Herkunft oder Sprache.img-20161011-wa0003

Hinsichtlich der Situation von den Tausenden Geflüchteten in und um Mardin ist der Container sicher ein Tropfen auf den heißen Stein. Außerdem entstehen für mich viele andere Fragen angesichts dieses fleißig dokumentierten Vorzeigeprojekts, für welches in Deutschland viel Lob abgesahnt wird. Gerade mit dem Flüchtlingsabkommen mit der Türkei im Hinterkopf hinterlässt der Gedanke ein schales Gefühl. In Mardin finde ich darauf keine Antworten, lediglich ein Fazit aller, die hier zusammen arbeiten: Es geht um etwas, das davon unabhängig ist. Etwas, das noch kleiner ist als „ein kleiner Schritt“. Aber es geht um etwas. Um etwas Kleines wie ein Lächeln. Und klein finde ich vieles gerade nicht, was ich in der kurzen Zeit vom Projekt gesehen habe: Kinder, denen Wege aufgezeigt werden, sich selbst durchzusetzen, sich auszudrücken, sich zu zeigen und zu wirken.

 

Text: Marie Lemser
Fotos: Marie Lemser, Ahmed Aküzüm, @ibohoca
Zeichnung: Kadir Memiş
Redaktion: Jonas Wronna