1. Herbst: „Nach Büyükada“ sagte Idris. Er strich langsam an den Enden seines Schnurrbarts. „Wenn es Kismet ist, einmal nach Büyükada“. Der Himmel war wie mit grauer Wasserfarbe bemalt und hier und da tat sich ein Loch auf, in der über die Stadt gespannte Wolkendecke, erstrahlte kurz in Weißgold. Temel blickte an Idris vorbei nach Eminönü, wo Ayassofya sich über den Hafen mit den Fähren, über die verwinkelten Gassen, Konaks, über die Appartements, Fischrestaurants, über die Simit- und Bozaverkäufer, über das Chaos, über das Leben, über Istanbul erhob. „Büyükada muss schön sein.“ sagte Temel und starrte weiter in das Rufen, Brummen, Krachen, Möwengellen, in die brodelnde Metropole. „Ich war da auch noch nie.“ fuhr er fort.“ Kannst du es glauben ? Ich bin jetzt 62, fast mein ganzes Leben habe ich hier im Bogaz, im Marmarameer gefischt. Ich habe hier Raki getrunken und Batak gespielt, hier sind meine Kinder groß geworden, aber ich war noch nie auf Büyükada. Idris lehnte sich in dem Boot, in dem sie heute einige Karagöz gefangen hatten, zurück, so dass es sich gegen das Wasser neigte. „Wem sagst du das, kardes.“ Sie schwiegen. Einige schwarze Wildvögel trieben an dem Fischerboot vorbei, eine tunkte den dürren Kopf in die Tiefe, Quallen pulsierten etwas weiter zur Küste hin. Aus Minaretten flogen jetzt zeitversetzt Ezangesänge durch die Stadt. „Im Juni fahre ich mal nicht aus aufs Meer.“ setzte Temel an. „Und nehme die Fähre zur Insel“. Idris lächelte, er zog eine Zigarette aus der Jackentasche, bot Temel eine an, der ablehnte. „Sag mir dann Bescheid. So Gott will, einmal nach Büyükada.“ Temel nickte „Wie die sosyete, im Phaeton, mit Damla sakizi-Eis. Wir machen uns schick.“ Idris wiegte den Kopf, zog an seiner Zigarette, zwischen die schwieligen Hände geklemmt und pustete den blauen Rauch zum Raunen der nun in die Dunkelheit tauchenden Stadt.

die sosyete, MAVIBLAU, Safak Saricicek

2. Sommer: Sie hatten ihre Sonntagskleidung an. Beide trugen Baskenhüte, Anzugshosen und gut gebügelte Hemden, ihren Frauen hatten ihnen Kolonya ins Haar gestrichen.
Sie hatten Sahlep getrunken. Sie hatten ganz langsam Damla sakizi-Eis mit langen Löffeln gegessen und es hatte sich…neu- angefühlt, wie als sie das erste Mal Raki tranken oder ihre Jungfräulichkeit verloren, in einem schmutzigen Hinterhof, als die Huren sie geohrfeigt hatten, dass sie schneller zur Sache kommen. Der Phaeton hielt was er versprach. Er fuhr nicht zu schnell. Es war schön, gefahren zu werden. Es war ungewohnt und schön. Der Himmel, ein reines Blau. Einige verirrte Kondensstreifen. Zwei Pferde waren an einen Wagen gespannt, mit Scheuklappen. Tannen oder Kiefern breiteten ihren Duft aus. Sie stiegen aus. Ein kleiner Teeofen. Das Meer lag die Küste herunter, dehnte sich aus. Sie liefen zu Fuß weiter, der Asphalt strahlte Wärme aus. Idris lachte und schrie plötzlich, ohne nachzudenken. Temel zuckte erst. Dann wollte er auch. Es kam eher zögerlich heraus. Er verstummte. Um dann ungehalten zu brüllen, dass es von den Hügeln dumpf widerhallte. Ein Phaetonfahrer kam entgegen: „Alles in Ordnung ?“, rief er.
Sie brachen in Gelächter aus.
Er schüttelte den Kopf: „Man wird sie noch einsperren. Ich wollte die Gendarmerie rufen.“ Idris lachte: „Keine Sorge. Das waren nur wir“ .
„Ja, das sehe ich.“ Der Kutscher schüttelte den Kopf und fuhr vorbei.
Idris und Temel lachten.
„ Wie sosyete“ sagte Temel.

Text: Şafak Sarıçicek
Bilder: Zeynep Ünal