“Evliliği iyicene oyuncak yaptılar/Sie haben aus der Ehe echt ein Spielzeug gemacht“, sagt meine babaanne (dt.: Oma väterlicherseits) empört, “niye istemedi ki? Halbuki ne kadar efendi bir çocuk/ warum wollte sie denn nicht? Dabei ist er so ein höflicher Kerl.”

Gemeinsam mit meinen Großeltern, die vor kurzem Goldene Hochzeit gefeiert haben, sitze ich in ihrem Wohnzimmer in der Kleinstadt und meiner Heimatstadt Herford. Auf dem Tisch liegt die gleiche Schokoladenauswahl, die mir schon aus Kindheitstagen vertraut ist, sowie frisch aufgebrühter ıhlamur Tee (Lindenblütentee). Und es läuft die in der Türkei sehr beliebte Esra Erol Show, eine Partnerbörsen- bzw. Heiratsshow, die fünf Mal wöchentlich ausgestrahlt wird. Viele können sich sicher noch an ‘Herzblatt’ erinnern. Drei potentielle Interessenten wurden der Traumfrau, beziehungsweise dem Traummann gegenübergesetzt, getrennt durch eine Wand. Schließlich kommt es auf die inneren Werte an, die durch ein Frage-Antwort-Spiel herausgefunden werden sollten. Vergleichbar konzipiert ist auch die Show von Esra Erol, nur dass eben in einigen Fällen auch geheiratet wird. Alles mit mehr Klimbim, mehr Bewegung, mit Herzblut eben. Eine Show für Leute, die ihren Traumpartner oder ihre Traumpartnerin noch nicht gefunden haben und die Hoffnung auch nach der fünften gescheiterten Ehe nicht aufgeben. Im Falle einer oder mehrerer gescheiterter Ehen wird erst mal gründlich nachgefragt und analysiert, warum sie denn nicht funktioniert hat. Wichtig sind natürlich auch grundlegende Fragen, wie über die eigenen Vorstellungen über Ehe und ob man Kinder will. Das Publikum darf mitdiskutieren. Auch das Hab und Gut muss gecheckt werden- wie viele Wohnungen, wie viele Grundstücke, wie viel Vermögen?

Hitzig geht es weiter. Meine Großeltern, insbesondere meine Oma, gibt sich komplett den Geschehnissen der Show hin. Ich versuche sie zu beruhigen: “Babaanne, show yapıyorlar. Fazla ciddiye alma/ Babaanne, sie ziehen doch nur eine Show ab. Nimm’s nicht zu ernst.” Mein Opa stimmt mir zu: “Doğru söylüyorsun tatlım. Hanım, hepsi show/ Du hast Recht, meine Süße. Hanim, das ist alles Show“, und widmet sich dann aber wieder voll und ganz gespannt den Diskussionen auf dem Bildschirm. Alles Show, aber scheinbar doch nicht so uninteressant. Weniger den Blick auf die Ereignisse im Fernsehen, sondern mehr auf meine Großeltern gerichtet, nippe ich an meinem ıhlamur tee und warte schon gespannt auf die nächsten Kommentare. “O da az değil haa. Çok açgözlü, var ya!/ Die hat es faustdick hinter den Ohren. So ein gieriger Mensch!“, wirft meine Oma ein, halb sauer halb traurig. Traurig darüber, dass es schon wieder nicht geklappt hat. Vielleicht beim nächsten Mal. Zwischendurch wird zu Seda Sayans Verkupplungsshow „Evleneceksen gel/ Komm her, wenn du heiraten möchtest“ umgeschaltet. Für die, die es nicht wissen: Seda Sayan war eine Pop-Ikone und eroberte vor allem in den 90ern die türkischen Charts. Auch sie hat schon so einige Ehen hinter sich. Trotzdem setzt sie sich heute mit ihrer TV-Show dafür ein, dass Menschen zu ihrer einen, großen Liebe finden und in einigen Fällen klappt es sogar. Meine Oma verriet mir allerdings, dass Seda Sayan die Teilnehmenden teilweise mehr gegeneinander aufhetze als sie zueinanderzuführen. Esra Erol hingegen gebe sich viel mehr Mühe, um zwischen den potentiellen Interessenten zu vermitteln. Eine wahrhaftige Verkupplungspädagogin eben.

Einerseits bin ich irritiert von der Hingabe meiner Großeltern gegenüber den Geschehnissen in dieser für mich eher befremdlichen, schon fast Comedy-ähnlichen Show, andererseits irgendwie auch fasziniert von den Vorstellungen meiner Großeltern über Partnerschaften und Ehen. Nach fünfzig Jahren Ehe, unter früher schwierigen Umständen, hat man doch sicher eine ‘andere’ Vorstellung davon. Eine Vorstellung, die meine Großeltern sicherlich gerne dem Mehmet, der nach der fünften gescheiterten Ehe bei der Esra Erol Show gelandet ist, mitgeben würden, damit es wenigstens beim nächsten Eheversuch klappt.

Text: Tuğba Yalçınkaya
Redaktion: Yasemin Bodur
Straßenverkäufer-Bild: Maximiliane Wittek