„Eigentlich war ich nie ein großer Filmliebhaber“, beginnt Can Candan zu erzählen, „früher hielt ich Videotechnologie eher für eine traurige Imitation von Fotografie.“ Denn zum Fotografieren hatte er bereits als Jugendlicher eine Kamera in die Hand genommen – ein altes Ex-Sowjet-Modell, erinnert er sich schmunzelnd. Wir sitzen bei Tee in einem Wintergarten in Cihangir – für ihn gibt es schon „Grip Savar“ (Anti-Grippe-Tee), denn an solchen Novembertagen weiß man ja nie. Mit der alten Kamera also, erzählt er, sei er damals durch Istanbul gezogen, um die Stadt zu entdecken. Ein paar Grundkenntnisse der Fotografie hatte er in der Schule gelernt, dann begann er, im Trubel der Metropole zu experimentieren. „Ich war fasziniert davon, wie man mit Fotos das Leben festhalten kann – besonders in einer Stadt wie Istanbul, die sich damals in den 80er Jahren ganz enorm verändert hat, die sich ja eigentlich ständig verändert.“

Trotzdem war für ihn schon früh klar: Für das Studium möchte er nicht in Istanbul bleiben. Aufgrund seiner Schulzeit auf einem amerikanischen Gymnasium lag dann die Entscheidung für ein Studium in den USA nahe. Ein Stipendium ermöglichte es ihm, kurz nach seinem 18. Geburtstag zum ersten Mal in einem Flugzeug zu sitzen, zum ersten Mal die Türkei zu verlassen, um anschließend das Wirtschaftsstudium am Hampshire College zu beginnen.

Politisches Kino ist möglich

Ein Regisseur, der Wirtschaft studiert? „Das türkische Bildungssystem hatte es für mich nicht zugelassen, je darüber nachzudenken, so etwas wie Fotografie oder Film zu studieren“, sagt Can. Die eher „experimentelle“ Uni in den USA machte es ihm aber möglich, auch Veranstaltungen aus diesen Fächern zu besuchen. Schnell merkte Can, dass er Wirtschaft langweilig fand, Politik schon spannender, aber was ihn wirklich fesselte, waren die Vorlesungen zu Fotografie und Film. Der Kurs „Politische Narrative in Filmen“ hatte es ihm besonders angetan: „Mir wurde zum ersten Mal bewusst, dass politisches, aktivistisches Kino möglich ist. Ich begann den Einfluss von Dokumentarfilmen kennenzulernen – und wollte das weiter entdecken.“

So entschied er sich also, Film und Video zu studieren. „Es war nicht gerade einfach, das meinen Eltern beizubringen“, erinnert er sich. Doch sein erstes Werk „Boykott Coke“, das sein Professor „einen Propaganda-Boykottaufruf gegen Coca Cola“ nannte, wurde direkt in einer Galerie gezeigt. Für Can eine Bestätigung: „Irgendetwas musste ich richtig gemacht haben.“ Von da an wurde das Filmen für ihn zur Lebensaufgabe – nie wirklich geplant, mehr vom Zufall und wachsamer Wahrnehmung getrieben. So inspirierte ihn beispielsweise ein Artikel in der Zeitung im Flugzeug zu seinem mit dem „Best Student Award“ gekrönten Film „Exodus“, über die Vertreibung von Türken aus Bulgarien 1989. „Ich lieh mir eine Kamera, ein Freund besorgte ein Auto und gemeinsam fuhren wir spontan zur Grenze, um zu filmen.“

CanCandan_Art_bearbEin Film über den Fall der Mauer und Mauern in den Köpfen

Ähnlich improvisiert sei es damals beim Dreh für „Duvarlar-Mauern-Walls“ in Berlin vor sich gegangen: „Ich machte alles selbst. Dieses große Licht, die Kamera, die ganze Ausrüstung trug ich mit mir rum und sah damit wahrscheinlich aus wie eine dieser obdachlosen Personen“, erzählt Can und lacht. Auch dieses Mal hatte ihn ein Zeitungsartikel zum Filmdreh inspiriert. In „Duvarlar-Mauern-Walls“ zeigt Can die Effekte des Mauerfalls auf die türkische Community in Berlin. „Manche Veränderungen waren ganz banal, wie zum Beispiel, dass die Einbahnstraße direkt am Mauerstreifen, in der viele Türken lebten, plötzlich keine Einbahnstraße mehr war.“ Aber auch das Thema Rassismus kommt beim Dreh, noch vor Ereignissen wie dem Brandanschlag von Solingen, zur Sprache. „Ich spürte, dass Rassismus mit der Wiedervereinigung einmal mehr zum signifikanten Thema im Leben der Türken geworden war. Sie gingen damit sehr unterschiedlich um. Aber eine Frau sagte schon damals zu mir: ‚Vielleicht werden sie irgendwann kommen und unsere Häuser anzünden‘“. Auch der Titel „Duvarlar-Mauern-Walls“ spielt deshalb nicht nur auf den Fall der Mauer sondern auch auf die Mauern in den Köpfen an. „Auch Rassismus hat mit Mauern zu tun. Letztlich sind es Grenzen und Mauern, die uns zwischen „uns“ und „ihnen“ trennen lassen.“

Acht Jahre später, im Jahr 1999, vollendet Can die erste Fassung dieses Filmes, der anfänglich als Abschlussprojekt für die Universität geplant war. Mittlerweile hat er bereits ein Aufbaustudium an der Temple University absolviert und für ihn ist klar: Er möchte nicht nur Filme machen, sondern auch in die Lehre gehen. „Alle meine Idole waren Filmemacher und Professoren gleichzeitig“, sagt Can. Mit dem Unterrichten will er Menschen zum Dokumentarfilmen inspirieren: „Denn ich glaube daran, dass Filme eine wichtige Funktion für soziale Veränderung haben.“

Eine schicksalhafte Begegnung

Die Lehre bringt Can schließlich zurück nach Istanbul. Erst unterrichtet er an der Bilgi Universität und der Sabancı Universität in Istanbul, seit 2007 lehrt er an der Boğaziçi Universität. Während der Zeit an der Boğaziçi Universität verwirklicht er mit einem Kollegen den Film „3 Saat (3 Hours)“ über die Aufnahmeprüfung für türkische Universitäten. Und die Boğaziçi Universität soll auch der Ort sein, an dem ihm die Protagonist*innen seines nächsten Filmes zum ersten Mal begegnen – bei der Konferenz „Trans- und Queeridentitäten in der Türkei“ im Oktober 2011. Schon vor diesem Event war Can Teil der LGBTI*-Bewegung und involviert in studentische Gruppen, doch ein Aspekt in der Ankündigung für die Konferenz ließ ihn aufhorchen: Hier sollten Eltern über die Erfahrungen mit ihren LGBTI*-Kindern sprechen. „Von so etwas hatte ich noch nie gehört“, sagt Can, „einige Tage später fand ich mich also bei diesem Panel wieder, bei dem vier Eltern über das Outing ihrer Kinder sprachen – und ich saß dort im Publikum und fing plötzlich an zu weinen.“
Die Erzählungen berührten ihn auf zwei Arten, erklärt er sich. Einmal brachten sie ihn zurück in seine eigene, „nicht einfache“ Kindheit, wie er sagt. „Wir alle waren mal ein Kind, mussten uns selbst definieren – vielleicht auch gegen die Erwartungen der Eltern oder der Gesellschaft.“ Zum anderen reflektierte er seine eigene Rolle als Elternteil: „Ich fragte mich, war ich so gut zu meinem Sohn, wie diese Eltern es waren?“ Außerdem faszinierte ihn der Fakt, dass diese Eltern innerhalb einer „homophoben Gesellschaft“ in einem öffentlichen Raum über so etwas sprachen: „Ich realisierte, was für eine signifikante Intervention das war und was für ein extrem wirkungsvoller Schritt.“

Nach dem Panel sei er daher sofort zu den Eltern geeilt, habe sich vorgestellt und gesagt, dass er einen Dokumentarfilm über sie machen möchte. „Noch nie habe ich so schnell die Entscheidung gefällt, einen Film zu drehen“, sagt Can. Umso größer war dann die Überraschung über die Reaktion der Eltern: „Super, darauf haben wir gewartet“, erwiderten sie gewissermaßen. Eine Gruppe in Italien hatte ihnen ein Video über deren Aktivismus gezeigt und sie träumen lassen: „Wäre es nicht toll, wenn jemand mal einen Film über uns machen würde?“ Und das Schicksal wollte es so.

„Die Türkei ist bereit, LGBTI* zu akzeptieren“

Dann nahm alles seinen Lauf. Can begleitete die Eltern aus dem Verein LISTAG bei ihren Treffen, bei Demos und Veranstaltungen und lieβ sie direkt in die Kamera sprechen. „Ich wollte, dass die Zuschauer das Gefühl haben, direkt mit ihnen an einem Tisch zu sitzen.“ In einer Rekordzeit von zwei Jahren stemmte Can mit zahlreicher ideeller sowie finanzieller Unterstützung diesen Film, den er mit Benim Çocuğum (My Child) betitelt. Am Ende heißt es bei der Premiere aus dem Publikum „Istanbul hat einen Film gemacht“ – und genauso habe es sich durch den Rückhalt in der Community auch für Can angefühlt. „Diese Geschichte musste erzählt werden – und sie musste aus einem Land wie der Türkei erzählt werden“, findet er. Fast wirkt er väterlich stolz, wenn er über seine Protagonist*innen spricht: „Diese Eltern haben sich den Umgang mit ihren Kindern selbst beigebracht – und dann wurden sie so stark, das weiter zu tragen und Leute überall auf der Welt zu inspirieren.“ Trotz der derzeit schwierigen Situation für LGBTI* in der Türkei ist sich Can über eines sicher: „Die Türkei ist bereit, LGBTI* zu akzeptieren“, sagt er überzeugt. Das haben die Erfahrungen rund um den Film, das positive Feedback, auch von Seiten der türkischen Mainstreammedien, bewiesen. Solche Botschaften will er mit seinen Filmen weitertragen: „Wir sind viele“, sagt er bestimmt, „und mit jeder Filmvorführung erreichen wir mehr Leute.“

mychilddocumentary_basin

Text: Marlene Resch
Redaktion: Aydanur Şentürk
Fotos: Sebastian Lehner, Surela Film


Am 14.12. zeigen wir mit bi’bak und der Heinrich-Böll-Stiftung Can Candans Film “Benim Çocuğum” in Berlin. Can Candan und eine der Protagonistinnen, Günseli Dum, werden zum anschließenden Gespräch vor Ort sein. Mehr Infos findet ihr hier