Wie sähe eigentlich eine Hochzeit aus, bei der man die Türkei und Deutschland miteinander verheiraten würde? Das war die Grundfrage, aus der heraus die Performance “THE WEDDING I Die Hochzeit I Düğün” entstand. Am 1. und 3. November war das zweisprachige Stück in Istanbul zu sehen. Ab dem 14. November startet die Deutschlandtournee in Berlin und geht weiter über Bochum und Essen. Wir sprachen mit den zwei Theaterkollektiven: den Mëhrtyrern aus Deutschland und dem Kollektiv um Entropi Sahne aus der Türkei, die sich für dieses Projekt zusammengetan haben.

Wie kam es zu „THE WEDDING“?

Jonas: Das alles ging vor über zwei Jahren los. Damian Popp vom Mëhrtyrer-Kollektiv wollte ein Stück in der Türkei machen und bekam Kontakt zu Dilşad Budak Sarıoğlu. Kurz darauf lernte Dilşad dann die Gruppe um das Theater Entropi Sahne in Kadıköy kennen. Im Dezember 2016 hatten wir unser erstes Skype-Gespräch. Darauf folgten unzählige weitere Gespräche, die Geldsuche ging los und im Frühling 2018 stand dann endgültig fest, dass wir das Stück in diesem Herbst in Istanbul entwickeln und auf die Bühne bringen.

Was erwartet die Zuschauer*innen, worum gehts in dem Stück?

Damian: In „THE WEDDING/Die Hochzeit/düğün“ geht es um den Versuch einer deutsch-türkischen Hochzeit. Ausgangskonflikt ist, dass das Hochzeitspaar nicht auftaucht. Die Gäste sind daraufhin auf sich alleine gestellt und werden auf ihre individuelle Kultur, Sprache und die Probleme ihrer jeweiligen Lebensabschnitte zurückgeworfen. Auf verschieden Ebenen wird daraufhin die tradierte Form der Hochzeit beleuchtet und dekonstruiert.

Dilşad: Die verschiedenen Sprachen werden dabei zum Alibi für vermeintliche Konflikte und Kommunikationsprobleme. Die Performer*innen begeben sich im Prozess des Wartens auf die Suche nach einer gemeinsamen Sprache, die jenseits von Worten kommuniziert wird. Es wird lustig.

Wie habt ihr das Stück entwickelt?

Dilşad: Am Anfang standen unzählige Skype-Gespräche und Telefonate. Außerdem war klar, dass es schwierig werden würde, mit einer Text-Vorlage zu arbeiten, ohne dass man der ganzen Truppe vorschnell ein Thema oder eine Aussage „überstülpt“. Immerhin kannten wir uns ja auch vorher alle nicht.

Amelie: In knapp drei Wochen intensiven Probens haben wir dann gemeinsam spielerisch versucht, die Gedanken und Assoziationen zum Thema in ein Stück zu gießen. Dabei war uns – genau wie auf der inhaltlichen Ebene – auch auf der kommunikativen Ebene zwischen uns wichtig, die Sprachhürden nicht zu sehr zum Thema zu machen, sondern einer gemeinsamen Linie zu folgen und eine eigene Sprache und Haltung zu finden.

Was sollen die Zuschauer*innen mitnehmen?

Jonas: Einerseits steht da natürlich die Auseinandersetzung mit dem Thema Hochzeit: Was bedeutet Heiraten? Was bedeutet das als Metapher für das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei? Kann man diese Länder miteinander verheiraten? Sind sie das vielleicht schon längst? Je nachdem, welchen sprachlichen Hintergrund das Publikum hat, wird aber jede Person etwas anderes in dem Stück sehen. Für uns ist das ein spannendes Potenzial.  Wir wollen aber auch zeigen, dass es nicht immer wichtig ist, jedes Wort zu verstehen, um einem Gedanken oder einem Gefühl folgen zu können.

Dilşad: Das ist ja wie in der Liebe oder beim Heiraten. Da muss man dem Partner oder der Partnerin auch blind vertrauen können. Man kann ja der anderen Person nicht in den Kopf schauen. Und genauso versuchen wir uns quasi „taub“ zu vertrauen. Wenn die Zuschauenden das auch schaffen, dann haben wir unser Ziel erreicht.  Natürlich wollen wir aber auch unterhalten, zum Lachen bringen und neue Fragen anregen, ohne für alles eine Antwort zu liefern.

Liebe Mëhrtyrer, dies ist das erste Stück, das ihr in türkischer Koproduktion macht. Was ist anders und neu für euch im Erarbeitungsprozess?

Jonathan: Interessanterweise hat sich das für uns ziemlich normal angefühlt. Klar, dauert es manchmal etwas länger, wenn man ständig übersetzen muss. Und so eine komplett neue Gruppe, die in dieser Form noch nie zusammen gespielt hat, braucht natürlich ein bisschen Zeit, bis alles rund läuft. Aber wir sind ja kollektives und freies Arbeiten ohne strenge Hierarchien gewöhnt. Am wichtigsten war aber, dass wir sehr schnell gemerkt haben, dass wir in vielen Dingen ganz ähnlich empfinden wie die Istanbuler Truppe. Da sind die gleichen Themen, das gleiche Interesse für neue, ungewöhnliche Ausdrucksformen – meistens war sehr schnell klar, was wir als Gruppe wollen und was nicht.

Jonas: Kulturelle Differenzen haben wir dabei eigentlich nie als eine Hürde oder ein Problem empfunden. Das ist eine schöne, motivierende Erfahrung und spiegelt natürlich auch das wieder, worum es uns in dem Stück geht.

Und an die Entropi- Gruppe: Wie ist die Arbeit mit den Mëhrtyrern? Was habt ihr mit- und voneinander gelernt?

Ilgit: Es war das erste Mal für uns, mit einer “fremden” Gruppe zusammen zu arbeiten. Das war ein sehr besonderes Erlebnis. Nicht nur, dass es eine Gruppe aus Deutschland ist – generell war die Auseinandersetzung mit einer anderen Kultur und anderen ästhetischen Herangehensweise wichtig.

İrem: Es besteht tatsächlich auch ein großer Unterschied zwischen der „deutschen“ und der „türkischen“ Heransgehenweise, Dinge auf der Bühne zu verhandeln. Ich habe das Gefühl, dass in der Türkei die Theatermachenden möglichst alles, was man zu sagen hat, in ein Stück packen wollen. In Deutschland hat man viel mehr Raum, um alles zu sagen. Ich will damit sagen, dass die Theaterlandschaft in Deutschland im Vergleich zur Türkei und vielen anderen Ländern enorm groß ist. Da überlagern sich Inhalte automatisch und wollen dann häufig durch große Bilder und viel Theaterfeuer herausstechen. Dadurch geht dann schnell Inhalt verloren. Deswegen kommen am Ende große Bilder und wenig Inhalt heraus. Wir versuchen, beides zu verbinden.

Dilşad: Nach zwei Jahren Online-Kommunikaton war es sehr schön, endlich mal zusammenzukommen. Jede Person hat so viel zu diesem Prozess beigetragen. Alle wollten etwas Geimsames schaffen – dadurch konnten wir jede Differenz als Reichtum erleben.

Ihr werdet jetzt in Berlin, Bochum und Essen auftreten. Was wünscht ihr euch für die anstehende Tour?

Jonas: Viel Publikum, interessante Gespräche, neue Ideen.

Danke euch und viel Erfolg!

Karten für “The Wedding” findet ihr hier. Vor dieser Performance stand der türkische Part dieser Kooperation schon mit “Türkland” in Deutschland auf der Bühne. Noch mehr Theater gibt es übrigens auf dem türkischen Theaterfestival in Frankfurt.

Interview: Marie Hartlieb
Bilder: Eva Feuchter